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Ostkreis Erst Prioritäten klären, dann Wünsche äußern
Landkreis Ostkreis Erst Prioritäten klären, dann Wünsche äußern
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16:34 25.03.2022
Generalmajor Andreas Hannemann verlässt Stadtallendorf, das er sehr schätzen gelernt hat.
Generalmajor Andreas Hannemann verlässt Stadtallendorf, das er sehr schätzen gelernt hat. Quelle: Thorsten Richter
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Stadtallendorf

Heute wechselt das Divisionskommando von Generalmajor Andreas Hannemann an Brigadegeneral Dirk Faust. Hannemann äußert sich im OP-Gespräch zur finanziellen Entwicklung bei der Bundeswehr wie auch zur Situation am Standort Stadtallendorf und der Evakuierungsoperation in Kabul.

Gehen Sie mit weinendem oder lachendem Auge aus Stadtallendorf und von der Division Schnelle Kräfte weg?

Mit weinenden Augen. Wer es nicht mag, eine solche Division zu führen, der sollte es lieber gleich lassen.

Wie haben Sie Stadtallendorf erlebt?

Wegen Corona und vielen Dienstreisen leider nur überschaubar. Aber ich habe mich sehr wohl gefühlt, ich bin vom ersten Tag an gut aufgenommen worden, ich habe nette Menschen kennengelernt. Ohne Corona hätte diese Zeit natürlich noch viel besser werden können.

Corona hat Ihre Zeit als Divisionskommandeur mitgeprägt. Wie hat sich das ausgewirkt?

Corona war auch beruflich eine große Beeinträchtigung, die Pandemie hat sich wie in der ganzen Gesellschaft überall ausgewirkt. Wir haben Amtshilfe geleistet, haben zugleich die EU-Battlegroup gestellt und haben wegen Corona Teile des Übungsbetriebs einschränken müssen. Zum Beispiel bei den Großverbandsübungen. Sicherlich haben wir Ausbildungsrückstände und haben in einzelnen Einheiten logischerweise Nachholbedarf. Es gibt jetzt Raum zum Aufholen, denn für unseren Bereich wurde die Corona-Amtshilfe eingeschränkt.

Der russische Angriff auf die Ukraine verändert derzeit alles. Die Bundeswehr soll jetzt das Geld bekommen, was ihr über Jahre an vielen Ecken und Enden fehlte, so die politische Aussage. Stichwort Sondervermögen von 100 Milliarden Euro. Gibt es bei der Division eine Wunschliste?

Wunschzettel gibt es wohl in der ganzen Armee. Wir werden sicherlich die Vollausstattung anstreben, das heißt, Verbände werden das bekommen, was sie brauchen, um wirklich komplett bestückt zu sein. Was ich höre, das freut mich sehr. Aber es ist nicht erwartbar, dass wenige Wochen nach einer Ankündigung schon die Keller mit Material gefüllt sind. Mancher scheint sich das so falscherweise vorzustellen. Jetzt geht es um eine vernünftige Planung, was in der Bundeswehr Priorität hat. Es geht um den höchstmöglichen Wert für die Verteidigungsfähigkeit unseres Landes. Und vernünftiges Material hat eben auch Lieferfristen. Was uns fehlt, das haben wir gemeldet. Wenn Sie so wollen, dann soll man das als Wunschzettel nehmen.

Wo sehen Sie denn am Standort Stadtallendorf finanziell Handlungsbedarf? Beim Bauen?

Am Standort ist ganz schön viel geschehen in den vergangenen Jahren, aber eigentlich nur direkt in dieser Kaserne. Schauen wir auf das neue Sanitätszentrum. Was uns nach wie vor fehlt, ist die Entscheidung darüber, welche Verbände künftig in der Hessen-Kaserne stationiert sein sollen. Davon hängen die Bauplanungen ab. Das hat mit Strukturentscheidungen zu tun. Mein Stand: Sobald es diese Entscheidungen gibt, wird dort angefangen. Dabei ist klar, dass diese Kaserne komplett abgerissen und neu errichtet wird. Das ist am günstigsten.

Zur Diskussion steht die Reaktivierung aber nicht mehr?

Nicht, dass ich wüsste. Es gilt nach wie vor die Aussage eines Staatssekretärs aus dem Verteidigungsministerium, die bezweifele ich nicht.

Wie sehr verändert sich der Auftrag dieser Division bei Landes- und Bündnisverteidigung?

Wie jeder Verband hat diese Division diesen Auftrag schon von jeher. Wie sich das verändert, das klärt sich in den nächsten Wochen und Monaten. Dazu braucht es auch politische Entscheidungen. Wenn dieser Auftrag erweitert wird, ändern sich auch unsere Bedarfe sicherlich, etwa beim Personal oder beim Material. Doch das bleibt abzuwarten. Bestimmte Dinge werden sich nicht ändern, wir müssen weiterhin auf Krisen wie in Kabul reagieren können.

In Ihre Zeit fiel auch die Evakuierungsoperation in Kabul. Welche Lehren haben Sie aus diesem bisher einzigartigen Einsatz gezogen?

Dieser Einsatz entsprach exakt unserem Auftrag, der Befehl dazu erreichte uns freitagnachmittags in der Haupturlaubszeit. Wir haben trotzdem alle vorgegebenen Zeiten unterbieten können. Die Mentalität der Soldaten, die das machen mussten, hat gestimmt. Ich denke dabei nicht nur an die Soldaten, die wir auf Fernsehschirmen gesehen haben, sondern auch an die im Hintergrund und die Reserven. Die Soldaten vor Ort hatten einen schweren Einsatz. Stellen Sie sich vor, wie es ist, wenn Sie einer Frau mit ihrem Kind sagen müssen, dass Sie sie nicht mit in Sicherheit bringen können. Eine Extremsituation. Keiner unserer Soldaten konnte selbst entscheiden, wer mitfliegt, da gab es klare rechtliche Grenzen. Fest steht, unsere Vorbereitung war richtig und wir waren erfolgreich. Und schnell einsatzbereit.

Sie haben das Wort Extremsituation verwendet. Wie sah die Nachbereitung für die eingesetzten Soldaten aus?

Wir haben eine intensive Nachbereitung betrieben, wie bei einem anderen Auslandseinsatz auch, nur noch intensiver. Dazu gehören Einsatznachbereitungsseminare und bei Bedarf auch psychologische Betreuung. In diesem Bereich haben wir wirklich sehr viel aus 20 Jahren Afghanistan-Einsatz dazugelernt und umgesetzt.

In Ihre Zeit als Divisionskommandeur fielen auch die Fälle von Rechtsextremismus beim Kommando Spezialkräfte (KSK) in Calw. Der Verband war einige Zeit „auf Bewährung“. Hat das KSK diese Bewährung endgültig bestanden?

Aus Sicht der früheren Verteidigungsministerin und auch aus meiner Sicht als Disziplinarvorgesetzter schon. Wir haben die Fälle, die zu behandeln waren, ausermittelt und teilweise an die Staatsanwaltschaften abgegeben. Die Umstrukturierung beim KSK läuft, das Führungspersonal ist ebenso wie der Kommandeur neu, der Verband ist auf gutem Weg.

Welche Lehren sind aus diesen Vorgängen rund um fehlende Munition wie auch Rechtsextremismus denn am Ende gezogen worden?

Die Lehren sind vielfältig. Wir haben zum Beispiel selbstkritisch feststellen müssen, dass wir für einen solchen Verband mit solchen Aufgaben wie die Geiselbefreiung etwa eine entsprechende Unterstützungsstruktur brauchen, die haben wir jetzt. Da ist richtig viel passiert. Es hat sich gezeigt, dass wir eine relativ kleine Gruppe an Rechtsextremisten mit einigen „Satelliten“ hatten, das haben wir ausermittelt und entsprechend reagiert. Der Soldat, bei dem Munition im Garten vergraben lag, ist verurteilt und gehört der Bundeswehr nicht mehr an.

Sie wechseln jetzt als stellvertretender Kommandeur zum deutsch-niederländischen Korps. Das passt doch nach der Zusammenarbeit mit den Niederländern innerhalb der Division.

Diese Zusammenarbeit ist für mich ein Erfolgsmodell auf vielen Ebenen, sei es der der Division oder beim gemeinsamen Korps. Wir haben unsere Zusammenarbeit immer weiter optimiert. Und wir können inzwischen auch problemlos zusammen Fußball gucken. Doch Scherz beiseite, entscheidend ist die Fähigkeit, dass wir gemeinsam kämpfen können. Und das haben wir erreicht.

Von Michael Rinde

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