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Ostkreis Die Schlacht im Wald
Landkreis Ostkreis Die Schlacht im Wald
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23:57 21.09.2020
Aktivisten besetzten am Montag auch einen Bulldozer. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Dannenrod

Geschrei, blutige Gesichter: Am Montag gab es erstmals Verletzte bei der Konfrontation zwischen Polizisten und Waldbesetzern und insgesamt fünf Festnahmen. Dabei hatte der Tag friedlich begonnen. Am frühen Morgen war ein Bulldozer in Polizeibegleitung angerückt und begann, die „Rudolfswiese“ auf einer Lichtung im Dannenröder Forst abzuziehen. Den Grund teilte das Unternehmen Deges mit: bauvorbereitende Arbeiten für die A 49 starteten, es solle eine Fläche für eine Baustelleneinrichtung vorbereitet, Wirtschaftswege geschottert werden. Zunächst lief auch alles wie gedacht, bis etwa 11.40 Uhr.

Wenige Minuten vorher hatten Autobahngegner noch friedlich Statements gegenüber der OP abgegeben. „Wir sind sicher, dass wir die A 49 noch verhindern können“, sagt die wie alle Waldbesetzer maskierte Zoe Löwenzahn – so ihr Deckname – ins Mikrofon. Ein Polizeisprecher hatte Gerüchten widersprochen, dass die Polizei auf der Wiese ein Basislager baut. Gegen 11.40 Uhr änderte sich das Nebeneinander von einzelnen Waldbesetzern am Rand des Geschehens und der wachenden Polizei schlagartig. Von zwei Seiten liefen Besetzer auf das Baufeld mit der Planierraupe. Eine große Gruppe kam dabei aus dem Wald herausgerannt und überrumpelte die Kette aus Polizisten ganz offensichtlich.

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Etwa 20 bis 30 Aktivisten setzten sich vor die Planierraupe. Drei weiteren gelang es, sich auf die Baumaschine zu setzen und sie zu blockieren. Zwei von ihnen holte die Polizei sehr zeitnahe wieder herunter von der Raupe und trug sie weg, sie waren festgenommen. Ein Dritter blieb auf dem Dach der Planierraupe sitzen. Dort blieb er drei Stunden, bis 15.10 Uhr ungefähr. Dann zogen ihn mehrere Polizeibeamte vom Dach und nahmen ihn fest. Gegen ihn und weitere Besetzer laufen Ermittlungen wegen Nötigung.

Als die Polizei den Mann von der Planierraupe geholt hatte, eskalierte die Situation schlagartig. Überall wimmelte es plötzlich von Besetzern, aber auch von Polizisten, die zwischenzeitlich erhebliche Verstärkung erhalten hatten. Polizisten schirmten den Bulldozer ab, der von der Wiese fahren wollte. Das funktionierte zunächst nicht, weil Besetzer davor saßen. Auf den Wegen an der Wiese gab es Sitzblockaden, an anderer Stelle waren Holzbarrikaden zu sehen.

Der Transporter mit dem Festgenommenen darin versuchte, wie zuvor die Planierraupe, über die Wiese zu fahren, um einen nahen Waldweg zu erreichen. Besetzer stürmten los, Polizisten hinterher. Es gab die ersten massiven Handgemenge und rüde Schubsereien. Auf Schlagstockeinsatz oder Pfefferspray verzichteten die Polizisten allerdings, wussten sich aber trotzdem zur Wehr zu setzen. Gewalt auf beiden Seiten, verbunden mit blutigen Nasen und Verletzungen an Ellenbogen und einer geprellten Hüfte nach Angabe der Waldbesetzer. Dazu Sprechchöre: „Wir sind nicht alle, die Gefangenen fehlen noch“. Um deren Befreiung ging es am Schluss vor allem.

Nächste Eskalationsstufe wenige Minuten später am Waldweg: Ein Maskierter versuchte, sich unter den Polizeiwagen zu legen, ein anderer sprang auf dessen Dach. Polizisten holten sie vom Auto beziehungsweise darunter hervor. Überall drumherum gerieten maskierte Autobahngegner und Beamte immer wieder aneinander, meist blieb es bei Rempeleien, aber eben nicht immer. Rund um den Polizeiwagen war es immerzu eng und damit für beide Seiten gefährlich. Es dauerte, bis sich die Lage wieder beruhigte.

Bilanz des Tages: Wie viele der Waldbesetzer verletzt wurden, konnte die Polizei gestern Abend noch nicht sagen. Auch von den Besetzern selbst gab es bis Redaktionsschluss noch keine verlässliche Zahl. Drei Personen nahm die Polizei im Zuge der Planierraupen-Besetzung fest, eine weitere, weil bei ihr ein Messer vorgefunden wurde. Dem fünften Festgenommenen wirft die Polizei die versuchte Gefangenenbefreiung vor. Die Polizei berichtet außerdem, dass Beamte im Stockhäuser Weg in Dannenrod von etwa 50 Aktivisten mit Stöcken beworfen wurden. Bei der Polizei wurde ein Beamter leicht am Finger verletzt, was aber nicht mit dem Einsatzgeschehen zusammenhängt. Um 17.45 Uhr war der Polizeieinsatz beendet.

Angesichts der explodierenden Gewalt am Nachmittag trat eine andere Diskussion gestern zunächst völlig in den Hintergrund: Darf Deges, verantwortlich für die Bauvorbereitung, die Rudolfswiese als Fläche für Baumaschinen nutzen? Von Barbara Schlemmer vom „Aktionsbündnis Keine A  49“ kam am Morgen schon via Telefon gegenüber der OP ein klares Nein. Die Fläche liege außerhalb des für die Autobahn plangestellten, also vorgesehenen Gebietes und außerdem in der Wasserschutzzone. Sie kündigte Anzeigen bei den Behörden gegen das gesamte Vorgehen von Deges und ihrer beauftragten Firmen an. Zwischenzeitlich kam der Pächter der Wiese an den Ort des Geschehens und beklagte, dass er die Feuchtwiese doch eigentlich noch an diesem Montag habe mähen wollen. Er wusste nach eigener Aussage nichts vom Baubeginn und war verärgert.

Deges-Sprecherin Pia Verheyen widerspricht der Kritik: Es handele sich nicht um eine geschützte Biotop-Fläche. Die Fläche liege in der Wasserschutzzone IIIa, die Arbeiten stünden im Einklang mit der für diese Art der Schutzzone geltenden Schutzgebietsverordnung und verstießen nicht gegen die genannten Verbote. Außerdem sei der Eigentümer der Fläche informiert gewesen und das Vorgehen mit der oberen Naturschutzbehörde des Regierungspräsidiums abgestimmt. Im nächsten Frühjahr soll die Fläche wieder hergerichtet werden.

Von Nadine Weigel

21.09.2020
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