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Ostkreis Die Muttersprache erhöht das Vertrauen
Landkreis Ostkreis Die Muttersprache erhöht das Vertrauen
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10:58 16.05.2021
Ein Screenshot zeigt Teilnehmer wie Nurgül Santur oder den Mediziner Dr. Fikret Yüzgülen, der Fragen zweisprachig beantwortete.
Ein Screenshot zeigt Teilnehmer wie Nurgül Santur oder den Mediziner Dr. Fikret Yüzgülen, der Fragen zweisprachig beantwortete. Quelle: Privatfoto
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Stadtallendorf

Fragen gab es reichlich bei dieser besonderen Online-Veranstaltung. Im Zentrum des Interesses: das Impfen gegen das Corona-Virus. Das besondere daran: Beinahe alles fand in türkischer Sprache statt, bis auf eine kurze Begrüßung durch Vizelandrat Marian Zachow und Bürgermeister Christian Somogyi. Teilnehmer waren türkischstämmige Stadtallendorfer. Organisatoren waren das Büro für Integration und vor allem Nurgüll Santur von der Koordinierungsstelle bei Integral.

Wie sich zeigte, so berichtet es Santur der OP, war das Interesse an diesem Onlinetermin riesig. Mehr als 60 Menschen registrierten sich direkt, im Hintergrund saßen aber noch etliche Teilnehmer mehr rund um die Tabletcomputer, Laptops und PCs.

Vor dem Hintergrund der vergleichsweise hohen Inzidenzzahlen in der zweitgrößten Stadt des Kreises war die Idee zu diesem Angebot gekommen. Marian Zachow sieht für die vergleichsweise hohen Infektionszahlen in Stadtallendorf mehrere Gründe. Zum einen seien in den Industrieunternehmen in der Stadt so gut wie kein Homeoffice möglich. Zum anderen spielt die Sozialstruktur und das Wohnumfeld eine Rolle. So gibt es in Stadtallendorf nach wie vor Geschosswohnungsbau, Menschen leben dort teilweise enger zusammen als in anderen Kommunen, Familien teilen sich zum Teil vergleichsweise kleine Wohnungen, was das Infektionsrisiko per se erhöht.

Grundlegende Fragen zu Impfstoffen

Und es gibt eben auch Wissensdefizite, etwa beim zentralen Thema Impfen. Die hat der Kinderarzt Dr. Fikret Yüzgülen bei dieser Onlineveranstaltung beseitigt. Es gab eine Flut an Fragen bei den Teilnehmern. „Wobei sich die Themen nicht von denen unterschieden, die wir schon kennen“, sagt Zachow im Nachhinein. Ein Fragenkomplex widmete sich der Sicherheit von Impfstoffen. Fikret Yüzgülen habe auch die Unterschiede zwischen den Impfstofftypen noch einmal erklärt, also zwischen Vektorimpfstoffen wie AstraZeneca oder Johnson&Johnson und sogenannten Mrna-Impfstoffen wie Moderna und Biontech/Pfizer. „Es gab auch die Frage, ob Impfstoffe Lebendviren enthielten, die krank machen könnten“, erläutert Santür.

Das Interesse war groß, die Zahl der Fragen auch und die Dauer der Veranstaltung dementsprechend lang, berichtet Santür. Sie habe den Termin nach mehr als drei Stunden Dauer schließlich beendet. Die Moscheegemeinden hatten intern für dieses Onlineangebot geworben, das Büro für Integration hatte Menschen gezielt eingeladen, teilweise auch per Kurznachricht und WhatsApp. Denn es ging bei dem Angebot vor allem auch darum, Menschen zu erreichen, die sonst nicht erreicht werden.

„Wir bekommen eben nicht alle Infos über ARD und ZDF, die Tageszeitung oder Facebook“, sagt Zachow. Dass der Mediziner Yüzgülen die Muttersprache der Teilnehmer beherrscht oder sich genauso mit ihnen auch in deutscher Sprache unterhalten konnte, war ein Glücksfall. Yüzgülen kennen zudem viele Familien in Stadtallendorf als Kinderarzt. „Es ist eben etwas anderes, ob ich etwas im Fernsehen höre oder jemanden in meiner Muttersprache dazu befragen kann“, sagt Zachow zum Effekt. Eine besondere Impfskepsis sei bei den Teilnehmern nicht erkennbar gewesen, aber eben großer Rede- und Fragebedarf, verdeutlicht auch Nurgül Santür. Auch Stadtallendorfs Bürgermeister Christian Somogyi ist mit der Resonanz und dem erkennbaren Ergebnis zufrieden. Er fand es wichtig, dass auch das Thema Testen angesprochen werden konnte bei dieser Veranstaltung. Schon jetzt stehe fest, dass der Einsatz der mobilen Teststationen durch das DRK über den Mai hinaus weitergehen werde. „Wir bekommen sehr positive Rückmeldungen aus den Stadtbezirken wie auch den Stadtteilen dazu“, sagt er gegenüber dieser Zeitung. Somogyi hat den Eindruck, dass die Menschen auch in Stadtallendorf wieder sensibler geworden seien für die Coronaregeln und die Akzeptanz von Vorgaben und für Regeln sich erhöht hat. Aktuell sinkt auch in Stadtallendorf die Fallzahlen. Am Mittwochnachmittag lag sie für Stadtallendorf bei 97 und damit erstmals seit Langem wieder unter 100.

„Der Auftakt hat uns ermutigt. Wir wollen in jedem Fall auf diesem Weg weitergehen“, sagt Zachow.

Von Michael Rinde