Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis „Die Leute müssen an die frische Luft“
Landkreis Ostkreis „Die Leute müssen an die frische Luft“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:47 18.01.2021
Dr. Gerhard Scheuch ist einer der weltweit führenden Aerosol-Experten. Er entwickelt ein Gerät, das Corona-Superspreader erkennt.
Dr. Gerhard Scheuch ist einer der weltweit führenden Aerosol-Experten. Er entwickelt ein Gerät, das Corona-Superspreader erkennt. Quelle: Nadine Weigel
Anzeige
Halsdorf

„Blödsinn.“ „Absurd.“ „Irrsinn.“ Wenn Dr. Gerhard Scheuch über die aktuelle Diskussion im Vorfeld zum heutigen Treffen der Bundeskanzlerin und der Ministerpräsidenten zur Corona-Lage spricht, nimmt er kein Blatt vor den Mund. „Da wird von einer Verschärfung des Lockdowns gesprochen und von einer bundesweiten Ausgangssperre – da falle ich doch wirklich vom Glauben ab“, sagt der in Halsdorf lebende Wissenschaftler, der als einer der weltweit führenden Aerosol-Experten gilt.

Er wird ungehalten, wenn es um das Thema „Ausgangssperre“ geht. „Dieser Begriff suggeriert, dass es draußen gefährlich ist, aber genau das Gegenteil ist doch der Fall“, betont der 65-Jährige fast verzweifelt. Corona sei ein Innenraumproblem. Menschen infizierten sich drinnen. Eben weil sich Coronaviren an die mikroskopisch kleinen Aerosolteilchen heften, die mitunter sehr lange in Räumen schweben können und dann eingeatmet werden.

Auch draußen gilt: Abstand halten

An der frischen Luft hingegen, sei die Infektionsrate mit unter einem Prozent verschwindend gering. „Das ist wissenschaftlich bewiesen“, betont Scheuch. Deshalb hält er auch nichts von der 15-Kilometer-Regelung, die greift, wenn eine Inzidenz von 200 überschritten ist. Er kann nicht verstehen, dass winterliche Ausflugsziele wie Winterberg oder der Hoherodskopf gesperrt werden. „Die Gefahr, dass sich Menschen draußen mit dem Coronavirus infizieren, ist extrem unwahrscheinlich.“ Lediglich, wenn man sich nah gegenüberstehe, um miteinander zu sprechen oder durch direkte Tröpfchenübertragung beim Niesen sei eine Ansteckung möglich. Deshalb gelte auch draußen Abstand halten: 1,5 Meter Abstand beim Gespräch oder eine Maske tragen, würden als Schutzmaßnahmen im Freien ausreichen, ist er sich sicher.

Scheuch wird nicht müde, sein Mantra „die Leute müssen an die frische Luft“ immer und immer wieder zu wiederholen. Mittlerweile hat diese Hartnäckigkeit auch bei Entscheidungsträgern zumindest etwas Gehör gefunden. Sowohl der Chef des Robert Koch-Institutes Professor Lothar Wieler als auch Bundesgesundheitsminister Jens Spahn haben in ihren letzten Pressekonferenzen die Bundesbürger dazu aufgefordert, die Kontakte einzuschränken - und falls man sich mit jemanden treffen müsse, solle dies bestmöglich im Freien getan werden.

Enttäuschung über

Bundesregierung

Für Scheuch, der in regelmäßigem Kontakt mit Wieler und Spahn steht, ist dies jedoch nur ein Lippenbekenntnis. Er ist enttäuscht darüber, dass das Positionspapier der deutschen Aerosol-Gesellschaft von der Regierung anscheinend überhaupt nicht zur Kenntnis genommen wurde. Auch sei kein einziger Aerosol-Experte in den entscheidenden Gremien vertreten. „Es wird nur auf Virologen und Mediziner gehört“, kritisiert Scheuch.

Pustegerät soll Corona-Superspreader finden

Enttäuscht ist der 65-Jährige auch von der deutschen Bürokratie. Denn in seiner in Gemünden ansässigen Firma Bio-Inhalation hat er mit der Karlsruher Firma PALAS zusammen ein Gerät entwickelt, das Corona-Superspreader entlarvt (die OP berichtete).

Der Apparat zählt Aerosolteilchen in der Ausatemluft. An den winzigen Schwebeteilchen heften sich Coronaviren an und verbreiten sich. Während ein gesunder Mensch nur wenig Aerosole ausatmet, stößt ein infektiöser Mensch Hunderttausende Partikel aus. Mit seinem Apparat will Scheuch die gefährlichen „Superspreader“ aufspüren, die viele Menschen auf einmal anstecken.

Bereits vor Wochen hatte Scheuch angeregt, seine „Pustegeräte“ vor Altersheime zu stellen, um so die „Superspreader“ vor einem Besuch im Heim zu entlarven. Aber so einfach ist es nicht in Deutschland. Klinische Tests müssen zuerst her. Und die laufen gerade an – in dreifacher Hinsicht: In Marburg soll eines der Geräte Mitarbeiter und Patienten am Klinikum Sonnenblick regelmäßig testen. Dort warte man nur auf die Genehmigung der Ethikkommission. In Moers sei eine klinische Studie bereits angelaufen, bei der Corona-Patienten am Klinikum getestet werden – zeitgleich mit PCR-Tests.

Erste Ergebnisse: Von etwa 25 Covid-19-Patienten konnten fünf als Superspreader ausgemacht werden. Damit ist Scheuch zufrieden, schließlich erkenne sein Gerät eben nicht, ob jemand mit Corona infiziert sei, wohl aber, ob er viele Partikel ausatme und somit bei einer Viruserkrankung potenziell ansteckend ist. Eine ähnliche klinische Studie mit Corona infizierten Patienten soll auch in Frankfurt anlaufen – auch dort wartet man noch auf das OK der Ethikkommission. Dr. Gerhard Scheuch empfindet die Bürokratie als bremsendes Übel in Pandemiezeiten, in denen täglich bis zu tausend Bundesbürger an oder mit Covid-19 sterben. Sein Gerät könnte einen Teil dieser Tode vielleicht verhindern. Deshalb hat er jüngst noch einmal an den Bundesgesundheitsminister appelliert, 200 Geräte für Altersheime zu kaufen. Momentan wird die Entwicklung seines Apparates noch nicht einmal vom Bund finanziell gefördert.

Und damit ist der Physiker wieder bei Dingen, die ihn aufgrund fehlender Logik aufregen. So fragt er sich, warum Alters- und Pflegeheime nicht flächendeckend mit mobilen Luftfiltern ausgestattet wurden. „So ein Filtergerät im Aufenthaltsraum kann die Ansteckungsgefahr bis zu 70 Prozent verringern“, weiß der Forscher.

Große Hoffnung ins Impfen

Für Scheuch ist ganz klar, dass nur eine Kombination aus Maßnahmen aus der Pandemie herausführen kann – neben dem Impfen natürlich, in das der 65-Jährige große Hoffnungen setzt. Dazu gehört neben den Kontaktbeschränkungen, dem Abstand halten, dem regelmäßigen Lüften von Innenräumen und dem – wenn möglichen - Einsatz von Luftfiltergeräten auch das Tragen von Masken. „Jede Maske ist besser als keine“, betont er.

FFP2-Masken müssen passen

Den Vorstoß des bayrischen Ministerpräsidenten, das Tragen einer FFP-2-Maske in ÖPNV und Geschäften verpflichtend zu machen, sieht Scheuch jedoch kritisch. Zum einen seien FFP-2-Masken sehr teuer und wären somit nicht jedem zugänglich. Zum anderen müssten sie eben auch korrekt getragen werden. Erschwerend käme hinzu, dass viele „Fälschungen“ in Umlauf seien, die eben nicht die versprochene Schutzwirkung erfüllten. Wichtig sei, dass ein CE-Zeichen mit vierstelliger Nummer auf der Maske sei. Aber die böten oft auch nicht den erhofften Schutz, wie Scheuch durch Tests herausgefunden habe. „Der beste Schutz gegen eine Corona-Ansteckung ist und bleibt die frische Luft“, betont er noch einmal – und hofft darauf, dass diese wissenschaftliche Erkenntnis vielleicht doch in die neuen Beschlüsse von Bund und Ländern mit einfließt.

Aerosole und Corona

Was sind Aerosolteilchen? Es sind mikroskopisch kleine Schwebeteilchen in der Luft. Ein Aerosol ist ein Gemisch aus Luft und kleinen festen oder flüssigen Teilchen. Coronaviren heften sich an Aerosolteilchen und können sich so verbreiten. Sie können bis zu Stunden in der Luft schweben. Also kann jemand, der einen nicht gelüfteten Raum betritt, in dem voher ein Corona-Infizierter war, sich anstecken. Infizierte Menschen atmen zudem mehr Partikel aus als gesunde.

Was schützt? Laut Aerol-Experte Dr. Gerhard Scheuch ist vor allem im Freien die Gefahr einer Ansteckung gering. Hinzu kommt, die sozialen Kontakte zu beschränken, Abstand zu den Mitmenschen zu halten und Masken zu tragen. Das regelmäßige Lüften von Innenräumen sowie das Aufstellen von Luftreinigern verringere laut Scheuch ebenfalls das Infektionsrisiko. Auch die Kontaktzeit mit einem Infizierten spielt eine große Rolle. Je kürzer die Zeit, umso geringer das Risiko.

Von Nadine Weigel