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Ostkreis Überlebende warnt vor neuem Hass
Landkreis Ostkreis Überlebende warnt vor neuem Hass
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18:00 18.10.2019
Eva Pusztai-Fahidi trat am 7. Mai mit ihrem Tanztheater in Stadtallendorf auf. Quelle: Tobias Hirsch
Stadtallendorf

Sie wirbt selbst seit Jahrzehnten für Versöhnung und Aufarbeitung zugleich. Eva Pusztai-Fahidi ist als Überlebende des Massenmordes an Juden im Dritten Reich eine der immer weniger werdenden Zeitzeugen der „Shoa“, der nationalsozialistischen Judenvernichtung. Die 93-Jährige lebt mit ihrem Lebensgefährten in Budapest. Im vergangenen Mai war sie mit ihrem Tanztheater zuletzt in Stadtallendorf, „ihrem“ Stadtallendorf, wie sie bei jeder Rede betont.

Die OP erreichte Pusztai-Fahidi in den vergangenen Tagen in Budapest. Wie hat sie auf den Anschlag von Halle (Saale) reagiert, was hat sie angesichts der Nachricht vom versuchten Angriff auf eine Synagoge empfunden? „Riesige Empörung, Enttäuschung und die gut bekannte Angst“, antwortet sie. Von der Angst berichtet sie auch an einer anderen Stelle.

Die hat sie nämlich auch bei ihrem Besuch im Januar in Erfurt gespürt. Sie war zur Gedenkstunde im Landtag eingeladen. Dass ein Vertreter der AfD sitzen geblieben sei, als sich alle Übrigen zum Gedenken an die Opfer der Shoa erhoben, sei „ein schreckliches Gefühl für mich gewesen“.

Eva Pusztai-Fahidi kam anlässlich der Begegnungswoche in den 1990er-Jahren erstmals wieder nach Deutschland und sprach dort erstmals nach ihrer Befreiung auch wieder Deutsch. Danach gab es schließlich zahllose Reisen von ihr nach Deutschland. Nach wie vor besucht sie Schulklassen sowohl in ihrer Heimat Ungarn als auch in Deutschland.

"Nazi-Slogans" zusammen mit "brennendem, unbegründetem Hass"

Hat sie inzwischen wieder ein schlechtes Gefühl, wenn sie als Jüdin nach Deutschland reist? „Ja“, antwortet die 93-Jährige unumwunden. Sie habe bei ihren Besuchen in Deutschland Sicherheit empfunden, als noch keine rechtsextreme Partei in Landtag und Bundestag gesessen habe. Was rät sie angesichts des Anschlags von Halle, des scheinbar wachsenden Antisemitismus?

Die deutsche Politik sei sicherlich nicht auf ihre Ratschläge angewiesen, betont Eva Pusztai-Fahidi. Sie mahnt allgemein dazu, nicht zu vergessen, wie es im Dritten Reich gewesen ist. Aber sie hat auch noch eine andere Botschaft: eine generelle Warnung vor Hass. Sie habe nie erwartet, dass sie in Deutschland noch einmal 
„Nazi-Slogans“ erleben werde, zusammen mit „brennendem, unbegründetem Hass“.

Genau vor dem Hass will die 93-jährige Ungarin warnen. Eine der größten Erfahrungen oder Einsichten in ihrem langen Leben sei es eben, nicht mehr hassen zu wollen. Dies teilt sie mit anderen Überlebenden der Shoa. „Zuerst, weil ich die Menschen, die mich gehasst haben, gut kenne Ich will ihnen nicht ähnlich werden“, sagt sie.

„Wir (die Überlebenden) wollen unsere Seele mit dem Hass nicht beflecken, weil, aus dem Hass entsteht nur Angst und wieder Hass“, so ihre Sicht. Bei all den Sorgen und Bedenken hat sie sich aber jetzt schon vorgenommen, im nächsten Jahr wieder nach Stadtallendorf zu kommen. In Anerkennung ihrer Verdienste um die Versöhnung ist Eva Pusztai-
 Fahidi schließlich auch Ehrenbürgerin dieser Stadt.     

von Michael Rinde