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Ostkreis Schulzeit – damals und heute
Landkreis Ostkreis Schulzeit – damals und heute
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18:58 14.08.2021
Mitten im Dorf, unterhalb der Kirche, befinden sich noch das alte Schulhaus und das dazugehörige Stallgebäude. Aus alten Unterlagen geht hervor, dass beide im Jahre 1840 erbaut wurden. Dieses Bild entstand etwa um 1910.
Mitten im Dorf, unterhalb der Kirche, befinden sich noch das alte Schulhaus und das dazugehörige Stallgebäude. Aus alten Unterlagen geht hervor, dass beide im Jahre 1840 erbaut wurden. Dieses Bild entstand etwa um 1910. Quelle: Privatfoto
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Anzefahr

Eine alte Schule ist wohl eines der Gebäude, die eine besonders lebendige Geschichte haben – unzählige Generationen gingen dort ein und aus, lernten wichtige Lektionen für Leben und Beruf, wenn auch unter völlig anderen Bedingungen als heute. Eine lange Historie hat die alte Dorfschule in Anzefahr, von der noch Bilder erhalten sind, die uns hier Hans-Christoph Nahrgang zur Verfügung stellt.

Er hat die Geschichte der verschiedenen Schulgebäude aufgeschrieben, Grundriss und Lageplan archiviert und die beiden Schulchroniken durchforstet, durch die sogar bis ins 17. Jahrhundert nachvollziehbar ist, welche Lehrer in Anzefahr wann den Nachwuchs unterrichteten.

Auf dem ältesten Foto zu sehen ist das alte Schulhaus samt dazugehörigem Stallgebäude mitten im Dorf unterhalb der Kirche. Aus alten Unterlagen geht hervor, dass beide im Jahre 1840 erbaut wurden. „Könnten diese Gebäude erzählen, so hätten sie uns heute sicher sehr viel zu berichten“, teilt uns Hans-Christoph Nahrgang mit. Eine Dorfschule war bis Mitte des vergangenen Jahrhunderts in der Regel in jedem Dorf zu finden, die Kinder besuchten sie von der ersten bis zur achten Klasse. Später wurden Schulgebäude zunehmend an zentrale Orte verlagert.

Schulbildung gab es natürlich lange vorher, früher noch nicht über professionell ausgebildete Schulmeister. In den Gemeinden des Amtes Amöneburg finden sich erst seit Anfang des 17. Jahrhunderts vereinzelte Hinweise auf die schulische Unterweisung der Bevölkerung.

Erstmals wird in der Schulbeschreibung von Anzefahr im Jahr 1663/64 namentlich ein Lehrer erwähnt. Genannt wird hier Heinrich Döll (oder auch Diel), im Alter von „dreyßig acht jahren, seines handtwercks ein Schneider, im Teutschen Singen undt Schreiben etwas versiret …“, heißt es in den alten Dokumenten.

Nur wenige der dörflichen Schulmeister waren hinreichend qualifiziert und hatten die unteren bis mittleren Klassen eines Seminars hinter sich gebracht. Im Jahre 1827 begann Volpert Jüngst aus Anzefahr seine Ausbildung am Lehrerseminar in Marburg. Im März 1830 endete seine Ausbildung hier, und so trat er am 1. April 1830 die vakante Lehrerstelle in Anzefahr an. Er war wohl der erste ausgebildete Lehrer des Dorfes.

Mitten im Dorf, unterhalb der Kirche, befindet sich noch das alte Schulhaus und das dazugehörige Stallgebäude. Aus alten Unterlagen geht hervor, dass beide im Jahre 1840 erbaut wurden. Quelle: Privat

Auch die Bezahlung der Lehrkräfte ist gut dokumentiert: Aus einem behördlichen Fragebogen von 1758 über die Lage des Schulwesens im kurmainzischen Amt Amöneburg berichtet ein Alfred Höck Folgendes über die Schule Anzefahr: „… der Schulmeister Johann Wetzer erhält an Entlohnung eine Wiese zum Wagen Heu, ein Krautgarten, zwei Kühe sowie ein Rind und vier Schweine frei auf die Weide und zwei Schweine in die herrschaftliche Waldmast zu treiben, für Holz ein Gemeindelos, an Schreibgebühr 48 Kreuzer, aus dem Gotteskasten 5 Gulden, von einer Kindtaufe 10 Kreuzer, beim Begräbnis eines Alten ebenfalls, sowie fürs Geläut zwei Laibe Brot, wenn er nicht an der ‚Mahlzeit‘ teilnimmt …“.

Während der Schulzeit von Michaelis bis Ostern unterrichtete der Lehrer die Kinder damals im Lesen und Rechnen. Die 14 Knaben und 22 Mädchen waren in einem Schulraum untergebracht, saßen damals aber getrennt.

In der alten Schule wurde der Platz knapp

Übrigens wurde das 1840 errichtete Schulgebäude früher nicht ausschließlich zum Unterrichten genutzt, sondern hatte verschiedene Zwecke. In dem mehrstöckigen Gebäude in Anzefahr gab es parallel Ställe und Scheunenräume, nur der rechte Raum im ersten Stockwerk war als Schulsaal ausgewiesen – ein zweiter kam erst 1953 dazu.

Der Schulchronik ist zu entnehmen, dass um 1939/1940 bereits 52 Schüler die Schule besuchten. Die folgenden Seiten sind angefüllt mit Kriegsereignissen und deren Einflüsse auf das Dorfleben. Nachdem im Jahr 1945 die Schule ein dreiviertel Jahr „geruht hat“, wie es in dem Dokument heißt, beginnt der Unterricht wieder am 7. Januar 1946. Im Oktober besuchen insgesamt 93 Schulkinder die inzwischen neun Schuljahre.

Im Jahre 1958 reagierte die Gemeindevertretung von Anzefahr auf die räumlich beengten Verhältnisse für Schülerinnen und Schüler sowie das Lehrerpersonal in dem Schulgebäude und beschloss, eine neue Schule zu errichten. Nach langen Verhandlungen bekam die Gemeinde im Jahr 1964 die Genehmigung zum Bau einer dorfeigenen Grundschule.

Am 17. September 1965 zogen Schulkinder und Lehrpersonal um in die neue Grundschule, die nach Fertigstellung der Außenanlage am 4. Dezember 1965 eingeweiht wurde und auch heute noch besteht.

Von Ina Tannert