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Ostkreis Die Crux mit der Pflege
Landkreis Ostkreis Die Crux mit der Pflege
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00:18 13.05.2019
Seine Sekretärin nennt ihn „das Lexikon der Awo“: Hans-Heinrich Thielemann (69) aus Kirchhain ist seit zwölf Jahren Vorsitzender des Awo-Kreisverbands. Einst wurde er in der Marburger Tapetenfabrik zum Drucker ausgebildet. Später arbeitete er als Arbeitstherapeut in der Psychiatrie. Inzwischen ist er in Rente. Quelle: Friederike Heitz
Kirchhain

OP: Herr Thielemann, Sie sind mit 29 Jahren in die Awo eingetreten. Wie kamen Sie als junger Mann auf die Idee?
Hans-Heinrich Thielemann: Ich war damals Juso-Sprecher im Kreis und wurde vom Awo-Vorsitzenden angesprochen. Der soziale Gedanke, anderen zu helfen, sprach mich an. Ich wollte mit daran arbeiten, dass der Landkreis sozialer wird.

OP: Die Awo tritt für soziale Gerechtigkeit ein. Wo geht es denn in unserem Landkreis zurzeit besonders ungerecht zu?
Thielemann: Die Situation alleinerziehender Eltern ist oft sehr schwierig. Viele Kinder Alleinerziehender wachsen in Armut auf. Es gibt Kinder, die ohne Frühstück in die Schule kommen. Es gibt Familien, in denen sich alle Geschwister ein paar Sportschuhe teilen müssen. Es gibt Kinder, die noch nie von zu Hause weg waren. Da setzen wir mit Angeboten an, zum Beispiel mit der Aktion „Kindern Ferien schenken“. Auf Seiten der Eltern gibt es leider noch eine gewisse Scheu, solche Angebote anzunehmen. Aber die Anmeldezahlen steigen langsam.

OP: Die Awo wurde kurz nach dem Ersten Weltkrieg gegründet. Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und Hunger bestimmten das Leben der Menschen. Inwieweit haben sich die Nöte der Menschen seitdem verändert?
Thielemann: Wir haben im Prinzip die gleichen Probleme wie vor 100 Jahren. Wir brauchen Essen auf Rädern, Suppenküchen, Kleiderstuben …

OP: Wie kann das sein, dass wir heute die gleichen Probleme haben wie kurz nach einem Weltkrieg?
Thielemann: Das frage ich mich auch. Es ist eben so, dass die Reichen immer reicher werden und die Armen immer ärmer. In den 1950er Jahren haben wir zwar viel erreicht, aber damals haben wir es versäumt, das Gemeinschaftsdenken zu erhöhen. Wir sind nach und nach zu einer Ellenbogengesellschaft geworden.

OP: Wie lässt sich das ändern?
Thielemann: Was wir jetzt brauchen, ist eine weiblichere Gesellschaft. Wir brauchen mehr Frauen, die sich politisch einbringen, und Männer, die das akzeptieren und anerkennen. Früher hielten Frauen die Familien zusammen. Das brauchen wir für die Gesellschaft, dass einer für andere mitdenkt.

OP: Die Awo hat seit den 1980er Jahren die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Woran liegt das?
Thielemann: Die Awo ist mit der SPD zusammen gesunken. Eine unserer Herausforderungen derzeit ist es, dieser Entwicklung entgegen zu arbeiten.

OP: Jugendliche bringen sich heute eher bei der Feuerwehr ein als bei der Awo. Warum?
Thielemann: Die Awo ist zu unbekannt. Hier im Landkreis haben wir einen strategischen Fehler gemacht. Wir haben einen Schwerpunkt auf die Altenpflege gesetzt und dabei die Chance verpasst, bei den Kindergärten ein Bein auf den Boden zu kriegen. Dann wären wir bei Kindern und Eltern bekannter. Dann hätten wir mehr junge Mitglieder. Ich hätte das gerne versucht, aber unser Bezirk war aufgrund schlechter Erfahrungen in anderen Kreisen dagegen. Jetzt versuchen wir, uns mehr in der Jugendarbeit zu engagieren, zum Beispiel durch Kooperationen mit Schulen und Kindergärten.

OP: Ist die Awo also ein Alte-Herren-Club?
Thielemann: Die Arbeiterwohlfahrt ist überaltert, keine Frage. Das ist tatsächlich ein Problem. Das Durchschnittsalter unserer Mitglieder hier im Kreis ist ungefähr 70. Aber das sind nicht nur Männer. Bei der Awo engagieren sich auch sehr viele Frauen.

OP: Im Kreisvorstand …
Thielemann: … haben wir drei Frauen und sieben Männer. Ja, es könnten mehr Frauen sein, aber Frauen gehen eben ungern in die Verantwortung. Hintergrundarbeit, das machen die Frauen gern. Das beste Beispiel ist der Ortsverein Stadtallendorf. Wenn der Vorsitzende nicht da ist, machen die Frauen alles. Sie haben den Ortsverein im Griff.

OP: Die Awo ist nicht nur ein Sozialverband, sondern auch ein Arbeitgeber. Im Kreis betreibt sie zwei Altenzentren, ein Pflegezentrum und eine Altenpflegeschule.
Thielemann: Richtig, allein in Nordhessen haben wir über 2 000 Mitarbeiter.

OP: Auf Portalen, wo Angestellte ihre Arbeitgeber bewerten, schneidet die Awo nur mittelmäßig ab. Die Awo würde ihre Mitarbeiter nicht gut bezahlen, kritisieren da viele. Stimmt das?
Thielemann: Wir leben da in einem Zwiespalt. Ich kenne ältere Menschen, die im Pflegeheim von ihren Kindern bezuschusst werden müssen. Es gibt Familien, die die Pflege der Angehörigen nicht finanzieren können. Deshalb können wir die Preise für Pflegeleistungen nicht beliebig erhöhen. Pflege muss bezahlbar bleiben. Aber: Wenn wir gute Fachleute halten wollen, müssen wir gute Löhne zahlen. Aber immer wenn die Awo die Löhne erhöht, steigen unsere Personalkosten. Diese Kosten müssen wir an die Pflegebedürftigen weitergeben.

OP: Welchen Ausweg sehen Sie?
Thielemann: Die Finanzierung der Pflege wird derzeit auch in der Bundesregierung heftig debattiert. Ich finde, die Pflegeversicherung muss finanziell besser ausgestattet werden. Notfalls muss der Staat mit Steuermitteln einspringen.

OP: Könnten Sie ein Beispiel nennen, wie Sie jemandem konkret über die Awo helfen konnten?
Thielemann: Da ist zum Beispiel eine Flüchtlingsfamilie aus Syrien. Der Frau konnten wir nicht nur zu einem Freiwilligen Sozialen Jahr beim Elisabethverein verhelfen, sondern auch zu einem Studienplatz an der Akademie für Soziales in Hephata. Bald ist sie Sozialpädagogin, sie hat eine Stelle in Aussicht. Ihr Ehemann hat eine Stelle als Ingenieur gefunden. Unsere Gefechte mit dem Regierungspräsidium haben sich gelohnt. Diese Familie ist integriert.

von Friederike Heitz