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Ostkreis Die „Hexenjagd“ beginnt
Landkreis Ostkreis Die „Hexenjagd“ beginnt
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14:57 05.12.2020
Astrid und Jan-Gernot Wichert aus Mardorf infizierten sich mit Corona. Sie schildern, wie es ihnen und ihren Kindern ging – vor allem im Hinblick auf soziale Folgen. Quelle: Björn Wisker
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Mardorf

Wenn die Krankheit nicht das schlimmste ist: Als Jan-Gernot und Astrid Wichert im Oktober positiv auf das Corona-Virus getestet wurden, ahnten sie noch nichts von den Folgeschäden.

Doch diese Schäden sind nicht medizinischer, sondern sozialer Natur. Vorwürfe, Ausgrenzung, Denunziation –„unsere Familie wurde Opfer einer Hexenjagd“, sagt das Ehepaar aus Mardorf, als die Dunkelheit an diesem Novembertag ihr Haus verschlingt.

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Ja, wie alles begann, wo sie sich Covid-19 einfingen, wissen sie noch genau. Die Wicherts waren auf jener mittlerweile allseits bekannten Geburtstagsfeier in Gießen, nach der vor allem Mitarbeiter der Fronhäuser Firma Seidel positiv auf das Coronavirus getestet wurden.

Eine Feier, die – so sagten es kurz danach schon andere Teilnehmer – ganz anders, viel steriler, distanzierter, harmloser ablief als das Gießener Gesundheitsamt es öffentlich darstellt (OP berichtete). „Klar ist das blöd gelaufen, aber wir haben nichts kriminelles, sondern etwas ganz menschliches gemacht: Zeit mit Freunden, lieben Leuten verbracht“, sagt Jan-Gernot Wichert.

„Infektion geschieht euch recht“

Wenige Tage später fühlten sich die Mardorfer von jetzt auf gleich schlapp, hatten Kopfweh, Gliederschmerzen, leichte Atemprobleme und keinen Geruchssinn. Als sie mitbekamen, dass auch andere Gießen-Gäste nicht mehr fit waren, ahnten sie: „Oha, das könnte Corona sein.“ Sie ließen sich nach Rücksprache mit dem Hausarzt im Marburger Test-Zentrum abstreichen und blieben bis zum Ergebnis zuhause.

Zwei Tage später hatten sie es schwarz auf weiß: corona-positiv. Die behördliche Quarantäne-Anordnung kam praktisch zeitgleich, da sie zu dem Zeitpunkt schon als Kontaktpersonen der Seidel-Feier angegeben waren. Ihre bis dato symptomlosen Kinder hatten die Eltern da schon aus der Schule geholt.

An seinem Arbeitsplatz Schule war es zuvor Lehrer Wichert – ohne auch nur einen Anflug von Krankwerden zu spüren –, der das Virus an etwa ein Dutzend Schüler weitergab. „Sowas wie ein Schuldgefühl gab es schon, die Sache hat mich beschäftigt.“ Er sei dann „erleichtert gewesen, dass die Schüler das locker genommen, sich sogar eher nach meinem Befinden erkundigt haben“.

„Als ob wir Aussätzige wären“

Erst in der Quarantäne wurden dann auch die Wichert-Teenager krank. „Wir alle hingen wegen dem hoch-infektiösen Virus spürbar durch, schön war das nicht“, sagt Astrid Wichert. Und doch sei die Erkrankung nicht das Schlimmste gewesen.

Die Pädagogin zückt ihr Smartphone, öffnet ein Chat-Programm und liest eine Nachricht vor. Eine, die von einem anonymen Absender kam – und die es in sich hat. „Feiern und mit Leuten zusammensitzen, statt zuhause zu bleiben: Die Infektion geschieht euch recht. Bei der Polizei anzeigen sollte man euch.“ Die Familie sei schuld am Ausbruch und daran, dass dutzende Schüler in Amöneburg in den Herbstferien in Quarantäne mussten. Schämen sollten sie sich.

Als die Kinder (18, 17, 15) wieder gesund waren und in die Schule durften, wurden sie auf dem Weg als „Corona-Schleudern“ beschimpft. Sie wurden ermahnt, Grundstücke nicht zu betreten, sich von anderen fern zu halten. Böse Blicke allerorten. „Über unsere Familie wurde geredet, als ob wir Aussätzige wären“, sagt Lehrer Wichert. „In den Leuten steckt nur noch Angst und Panik.“

„Panik, Denunziation, irrationales Verhalten“

Mit all den vorwurfsvollen Worten, den Anschuldigungen über Handy-Nachrichten, den schiefen Blicken im Ort wären sie, die Erwachsenen, ja noch klar gekommen. Selbst mit Lügen, wie dass sie krank beim Discounter einkaufen gegangen wären. Dass aber ihre Kinder gemieden und gemobbt werden, macht die Eltern fassungslos und wütend. „Nur noch Panik, Denunziation, irrationales Verhalten: Was bei Corona abgeht, erinnert an düstere Zeiten“, sagt Jan-Gernot Wichert, der auch kommunalpolitisch in Amöneburg aktiv ist.

Vor allem fühlen die Wicherts aber Enttäuschung. Sie horchten sich nach dem Erhalt der Handy-Nachrichten um, wollten wissen, wer die Beleidigungen und Drohungen verbreitet. Doch selbst jene Bekannten, die Urheber kennen, erzählen es ihnen nicht. „Für uns ist das kein Spaß, es ist bitterer Ernst. Es ist zwischenmenschlich einiges kaputt gegangen“, sagt Astrid Wichert. „Wir haben Vertraute verloren. Das ist unschön.“

Schöne neue Normalität

Überall sei ein „neuer, vorsichtiger Umgang“ zu spüren, sagt Jan-Gernot Wichert. Und das nicht im positiven Sinne. Das gelte nicht für alle, aber speziell die Menschen, die einem nicht „vorher“ – Wichert sagt das Wort und scheint es selbst merkwürdig zu finden – nahe standen, würden zu mehr Distanz, zu Abneigung tendieren.

Die eigentlich nach der Genesung geplante Familienreise, eine Flucht aus der wochenlangen Enge, sagten sie ab – aus Angst, dass es wieder Gerede und Anschuldigungen gibt. Und ob das mit der ehrenamtlichen Politik, der Vereinsarbeit noch geht? Ob man manches Geliebte noch tun, manch kritisches Wort noch sagen sollte? Die Wicherts hadern. Schöne neue Normalität.

Von Björn Wisker