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Ostkreis Der süße Schmerz der Hilfe
Landkreis Ostkreis Der süße Schmerz der Hilfe
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22:23 21.01.2020
Marco Faber ließ sich von Oliver Langstroff als sein erstes Tattoo die Koordinaten tätowieren, wo er später in der See bestattet werden möchte. Foto: Karin Waldhüter
Marco Faber ließ sich von Oliver Langstroff als sein erstes Tattoo die Koordinaten tätowieren, wo er später in der See bestattet werden möchte.  Quelle: Karin Waldhüter
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Neustadt

Um einer an Krebs erkrankten Neustädterin, die namentlich nicht genannt werden möchte, zu unterstützen und mitzuhelfen, dass im Haus ihrer Tochter ein Zimmer für die künftige Pflege eingerichtet werden kann, hatte Manuel­ Hirth zu der Aktion aufgerufen (die OP berichtete). Jeder, der sich ein Tattoo stechen lassen wollte, konnte ohne Termin vorbeikommen und dafür den normalen Betrag bezahlen, der dann zu 100 Prozent gespendet wurde.

Fast eine Stunde vor dem ­Beginn der Charity-Aktion hatte sich vor der Tür schon eine lange Schlange gebildet, die bis an die Straße reichte. Eine Stunde später war klar: Mehr als die bis dahin angenommenen 57 Anmeldungen waren an diesem Tag von den vier Tätowierern nicht zu schaffen.

Angesicht der Anteilnahme und der großen Unterstützung durch die vielen Helfer fehlten Manuel Hirth fast die Worte: „Überwältigend ist gar kein Ausdruck, mit diesem Ausmaß hatten wir nicht gerechnet“, erklärte er.

Deshalb geht die Charity-Aktion auch über den Tag hinaus weiter. Denn alle, die am Sonntag nicht an die Reihe kamen, konnten sich einen Termin geben lassen. An zwei Abenden wird Manuel Hirth nach Feierabend die Anmeldungen der Reihe nach abarbeiten. Auch diese Summe­ wird dem guten Zweck zugeführt.

Hochbetrieb herrschte den ­gesamten Tag über im Tattoo-Studio. Neben Mitarbeiterinnen waren unzählige Helfer da, die Kaffee, Kuchen, Gegrilltes, Getränke und Chili con Carne oder Waffeln verkauften. Gekommen, um zu helfen, waren auch Familienmitglieder, Freunde und zahlreiche Mitglieder von Motorradclubs aus der Region, die zur Stammkundschaft des Tattoo-Studios zählen.

Unglaubliche Anteilnahme

Neben den Besuchern, die sich ein Tattoo stechen ließen und damit Unterstützung leisteten, waren auch etliche da, um ein Stück Kuchen zu essen oder einfach so einen Betrag zu spenden. „Die Anteilnahme ist unglaublich und so überwältigend“, erklärt der Schwiegersohn der Betroffenen bewegt.

Eine der ersten Besucher waren am Morgen Katja Müller und Lisa Hartmann aus Goßfelden. Die Wartezeit von knapp drei Stunden hat ihnen nichts ausgemacht. Im Gegenteil: „Das schöne Freundschafts-Tattoo hat es wiedergutgemacht“, sagte Katja Müller lachend. Auch für Marco Faber war es eine Herzensangelegenheit, zur Aktion zu kommen.

Schmerzen hält sich in Grenzen 

Die Erkrankte war seine Nachbarin und die Kindergärtnerin seiner Tochter.­ Es ist sein erstes Tattoo – Tätowierer Oliver Langstroff hatte­ daher versprochen, ihm das Tattoo „ganz zärtlich unter die Haut zu streicheln“. Oberhalb des Herzens hat sich der 43-jährige Neustädter die Koordinaten einer Stelle in der Ostsee eintätowieren lassen, an der Seebestattungen stattfinden. Dort soll einmal seine Asche der See übergeben werden. „Der Schmerz hält sich in Grenzen, ich hatte es mir schlimmer vorgestellt“, sagte Faber.

Bei Tätowiererin Elena „Bucutea“ Hertwig hat es sich Monika Lerch aus Treysa bequem gemacht. „Wir sind hier, um die Frau zu unterstützen. Schön, das mit einem Tattoo zu verbinden“, erklärt die 44-Jährige, die von Tochter Lara begleitet wurde. Daneben hat Tätowiererin­ Csilla Schäfer aus Herborn ebenfalls gerne zugesagt, die Aktion zu unterstützen.

„Permanent war die Bude voll“, berichtet Manuel Hirth am nächsten Tag am Telefon. Erst abends um halb elf sei Feierabend gewesen. Auch einen ersten Spendenbetrag, der durch den Verkauf der Speisen und der Tattoos zustande gekommen ist kann er schon nennen: 4 500 Euro waren zusammengekommen – Tendenz steigend.

von Karin Waldhüter