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Ostkreis Der einzige, der nüchtern ist, schlägt zu
Landkreis Ostkreis Der einzige, der nüchtern ist, schlägt zu
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16:00 20.01.2020
(Symbolfoto) Ein 39-jähriger Mann soll eine Frau angespuckt, ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen und später ihren Lebensgefährten gewürgt haben.
(Symbolfoto) Ein 39-jähriger Mann soll eine Frau angespuckt, ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen und später ihren Lebensgefährten gewürgt haben. Quelle: Thorsten Richter
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Kirchhain

Er soll eine Frau angespuckt, ihr mit der Faust ins Gesicht geschlagen und später ihren Lebensgefährten gewürgt und an die Wand gedrückt und gedroht haben: „Ich bringe dich um, du Bastard.“ Tatort war ein Haus in Stadtallendorf, das der Angeklagte als Unterkunft bezeichnete, in der es schwer sei, keinen Alkohol zu trinken und sich von anderen Drogen fernzuhalten. Der 39-Jährige – seit 20 Jahren auf Methadon – schaffe dies zwar, aber die Verlockungen seien groß. Ein als Zeuge auftretender Polizist erklärte: „Ich sage es mal so: Das ist kein Haus, in dem kein Alkohol getrunken wird.“

Ende Juli 2018 war er wegen einer Auseinandersetzung dorthin gerufen worden: Die Hunde streitender Nachbarn hätten sich oberflächlich ineinander verbissen gehabt, was zum Streit und zur Auseinandersetzung führte. Die Frau, die den Faustschlag kassierte, habe über Zahnschmerzen geklagt – allerdings kaum noch gesunde Zähne im Mund gehabt. „Der Angeklagte war nüchtern, alle anderen deutlich alkoholisiert.“ Das Opfer hatte 1,98 Promille, ihr Lebensgefährte 2,48 Promille und eine weitere Frau – die Verlobte des Angeklagten – 1,33 Promille.

Aggressiv sei keiner der Anwesenden gewesen und gelallt hätten sie auch nicht, erklärte der Polizist und berichtete, er habe das Opfer, eine 40 Jahre alte Frau, zunächst gebeten, ein T-Shirt mit dem Aufdruck „ACAB“ („All cops are bastards“ – englisch für: „Alle Polizisten sind Bastarde“) auszuziehen. Dem sei sie nachgekommen, danach habe sie die Geschehnisse geschildert. „Wir haben uns ein bisschen gezofft – aber worum es ging, weiß ich nicht mehr“, berichtete die Frau dann auch vor Gericht.

Ein Wort habe das andere ergeben und sie sei am Ende geschubst worden. „Sie können mir nicht erzählen, dass Sie nix mehr von den Vorfällen wissen. Und auch nicht, dass Sie nur geschubst wurden“, warf Richter Joachim Filmer ein, woraufhin die Frau entgegnete, sie sei angespuckt worden, darauf habe sie ihrem Gegenüber aus Reflex eine Ohrfeige verpasst und dafür wiederum einen Schlag geerntet. Danach sei sie in die Wohnung gegangen, wo ihr Lebensgefährte dazustieß. Was dort geschehen sei, daran erinnere sie sich beim besten Willen nicht mehr – außer, dass sie sich etwas Blut vom Mund gewaschen habe.

Der Richter zitierte daraufhin aus der Akte beziehungsweise den Angaben, die bei der polizeilichen Vernehmung gemacht wurden: Ihr Lebensgefährte sei nach Hause gekommen, sei vom Angeklagten bedroht und dabei an die Wand gedrückt worden.

„Ich weiß nix mehr“, entgegnete die 40-Jährige und gab an, sich mit dem Nachbarn ausgesprochen und wieder vertragen zu haben. Sie könne sich auch mit ihm zusammensetzen und einen Schoppen trinken. Dem schloss sich der Angeklagte an: „Wir haben uns alle wieder versöhnt.“

Ihren Strafantrag zog die Frau anschließend zurück – ebenso wie ihr Lebensgefährte, der zwar sagte, er und der Angeklagte würden keine Kumpels mehr. Allerdings sei 2020 „ein neues Leben“. Er habe nun einen neuen Job, konzentriere sich nur noch da drauf, könne sich an die anderthalb Jahre zurückliegenden Geschehnisse aufgrund der langen Zeitspanne nicht mehr erinnern und habe damals ohnehin einen Filmriss gehabt. „Sie müssen sich gefälligst erinnern“, kritisierte Filmer und erinnerte wiederum den Mann daran, dass er einst eine Aussage bei der Polizei gemacht habe: „Es läuft nicht, dass Sie angeblich nichts mehr von den Geschehnissen wissen wollen – nur weil sie den Angeklagten eventuell schützen möchten.“ Anschließend mahnte er, keine Falschaussage zu machen: „Sonst könnte die Strafe, die sie dafür bekommen würden, drastischer ausfallen als das, was den Angeklagten erwarte.

„Da war was gewesen“, gab der Zeuge daraufhin an: „Wir haben uns gegenseitig beleidigt, aber das waren Kindergarten-Kleinigkeiten. Ich baue mir jetzt ein neues Leben auf und kann ja kaum noch Alkohol trinken, weil ich morgens um 5 Uhr aufstehe. Ich weiß auch nichts mehr von Verletzungen.“

Richter Filmer gab daraufhin auf, und wollte noch eine dritte Zeugin vernehmen – die sich gleich gut mit der Beantwortung der Frage nach ihrem Alter einführte: „Ich glaube 32.“ Danach machte die heutige Verlobte des Angeklagten von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch.

Der Anwalt des Angeklagten machte darauf aufmerksam, dass sein Mandant auf einem guten Weg sei – trotz des hohen „Suchtdrucks“, der in seinem Wohnhaus herrsche. Filmer berichtete noch, dass der 39-Jährige ein langes Vorstrafenregister habe – die letzte Verurteilung jedoch aus dem Jahr 2014 stamme und die Tat sogar im Jahr 2012 geschehen sei.

Letztendlich kam es zur vorläufigen Einstellung des Verfahrens gemäß Paragraf 153a der Strafprozessordnung. Der Angeklagte muss 400 Euro an den Weißen Ring zahlen – in Raten. Erfüllt er diese Auflage, erfolgt die endgültige Verfahrenseinstellung. „Vielen Dank“, sagte der Angeklagte zum Abschluss der Verhandlung.

von Florian Lerchbacher