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Ostkreis Der Herr der Kanarien reicht die Glocke weiter
Landkreis Ostkreis Der Herr der Kanarien reicht die Glocke weiter
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20:58 20.02.2021
Ein letztes Mal sprach Klaus Weber als Kirchhainer Stadtverordnetenvorsteher. 
Ein letztes Mal sprach Klaus Weber als Kirchhainer Stadtverordnetenvorsteher.  Quelle: Michael Rinde
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Kirchhain

Seitdem Klaus Weber in der Kirchhainer Stadtverordnetenversammlung ist, fungiert er dort als Stadtverordnetenvorsteher – abgesehen von den zehn Jahren zwischen 2006 und 2016, in denen die SPD die Opposition bildete: In dieser Zeit bekleidete der heute 74-Jährige „lediglich“ das Amt des Stellvertreters. 30 von 40 Jahren seiner kommunalpolitischen Amtszeit saß der gebürtige Kirchhainer also an der Glocke. „Ich habe mich nie davor gedrückt, Verantwortung zu übernehmen“, betont er. Doch dazu später mehr. Viel mehr.

Nun macht der Sozialdemokrat jedoch Schluss mit Kommunalpolitik – zumindest auf Ebene der Stadt Kirchhain: Auf der Liste der Kandidaten steht er mit Rang 36 nur noch auf dem vorletzten Platz (hinter ihm steht nur noch Altbürgermeister Klaus Hesse) – einem sogenannten Ehrenplatz, auf dem zumeist Kandidaten aufgelistet sind, die nicht mehr gewählt werden, aber ihre Fraktion weiter unterstützen möchten. Als Gründe nennt er sein Alter und den Fakt, dass jüngere Kirchhainer großes Interesse hätten, sich in der Politik einzubringen.

Engagement im Landkreis seit 1974

Auf Landkreis-Ebene (Weber ist Ausschuss-Vorsitzender der Regionalversammlung und Mitglied im Kreisausschuss) will er noch weitermachen – was den Kreis dann irgendwie auch schließt, denn dort engagiert er sich bereits (durchgehend!) seit dem Jahr 1974. In Kirchhain hatte er mit Politik erst angefangen, als sein Onkel sich zurückzog: Heinrich Weber hatte die Geschicke der Stadt von 1948 bis 1978 nicht nur geleitet, sondern auch maßgeblich geprägt.

Insofern war Klaus Weber, als ihn seine Mitbürger im Jahr 1981 wählten, zwar als Stadtverordneter ein Neuling, konnte aber durch sein Engagement in der Kreispolitik auf einige Jahre Erfahrung zurückblicken – und so war es dann letztendlich doch kein politischer Neueinsteiger, den die Stadtverordneten zu ihrem Vorsteher ernannten. Der Grund für seinen Einstieg: „Ich wollte meiner Geburts- und Heimatstadt etwas zurückgeben und insbesondere für die schulische Ausbildung danken.“

Durch die Bildungsreform sei ihm einst die Möglichkeit geboten worden, in Kirchhain an der ersten Gesamtschule des Kreises einen qualifizierten Abschluss zu machen: „Wenn das nicht in Kirchhain ermöglicht worden wäre, hätte ich diesen Abschluss nicht machen können“, sagt Weber, der später übrigens selbst als Lehrer tätig war. Und eingebunden in Kirchhains Stadtpolitik sei er eigentlich auch schon früher gewesen.

Weber löste alles im Gespräch

Im Laufe der Jahre wirkte Klaus Weber an einer Vielzahl von Themen mit und trug zu Entscheidungsfindungen bei. Am wichtigsten sei ihm dabei eine gewesen, die er im Kreistag traf, wie er betont: Er gehörte zu jenen, die die Mülldeponie Atzbachtal verhinderten – auch wenn er sich, damals gerade Parteivorsitzender der SPD in Kirchhain, gegen die eigene Fraktion im Kreistag stellen musste.

„Ich bin froh und dankbar, dass wir das schafften“, sagt er noch heute, stellt im gleichen Atemzug aber heraus, dass viele Menschen maßgeblichen Anteil daran gehabt hätten und er ja „nur“ einer von denen gewesen sei, die letztendlich an der entscheidenden Stelle ihre Stimme abgaben. In Kirchhain selber zeigt sich Weber „froh und dankbar“, dass sich in den vergangenen 40 Jahren viel im sozialen Bereich getan habe – insbesondere beim Ausbau von Schulen und Kindertagesstätten und bei der Verbesserung der Infrastruktur.

Als Stadtverordnetenvorsteher habe er immer viel Wert auf einen „vernünftigen und respektvollen Umgang“ der Politiker untereinander gelegt, betont der verheiratete Vater von drei Kindern und stolze Großvater zweier Enkel: „Ich kam eigentlich immer ohne Geschäftsordnung oder Hessische Gemeindeordnung aus. Es ließ sich alles im Gespräch lösen“, sagt er und spricht insbesondere dem Ältestenrat großes Lob für die „kollegiale Zusammenarbeit“ vor allem während der Corona-Pandemie aus.

Erfahrungen haben geholfen

Doch Klaus Weber hinterlässt nicht nur in der Stadtpolitik große Fußstapfen, er hat sich auch ums Vereinsleben sehr verdient gemacht: Er ist Vorsitzender des Fördervereins Kirchhainer Kulturdenkmäler und der Arbeitsgemeinschaft der Kleintierzüchter – und Mitglied unter anderem im TSV oder dem Männergesangverein. Herausragend sind jedoch die 21 Jahre, in denen er als Präsident des Deutschen Kanarien- und Vogelzüchterbundes (dem 32 Landesverbände angehören) wirkte.

In dieser Zeit hätten ihm seine Erfahrungen als Kommunalpolitiker sehr geholfen, betont er: insbesondere bei Verhandlungen mit Behörden auf unterschiedlichen Ebenen. Im letzten Jahr legte er das Amt nieder – und wurde direkt zum Ehrenpräsidenten ernannt. Vögel züchte er schon seit der Kindheit und habe dieses Hobby selbst während der Studienzeit in Gießen und Marburg weiterverfolgt, erklärt er auf Nachfrage dieser Zeitung. Ein besonderer Farbschlag hat es ihm nicht angetan: Er züchtet Positurkanarien, bei denen – grob gesagt – die Größe und die Hauben im Vordergrund stehen.

Die „Alt-Handballer“ liegen ihm am Herzen

Der Kirchhainer war in jüngeren Jahren Zehnkämpfer und leidenschaftlicher Handballer. Noch heute liegen ihm die „Alt-Handballer“ sehr am Herzen. Er erinnert sich gerne an verschiedene Reisen – und besonders an die Treffen mit den alten Weggefährten, die dieser Tage Corona-bedingt natürlich nicht stattfinden können. Dazu passt sein Aufruf an die Mitmenschen, durchzuhalten und auf die getroffenen Sicherheitsmaßnahmen und die Impfung zu setzen.

„Wir haben alle gelitten“, sagt er. Aber wenn sich die Menschen weiter etwas zurückhielten, dann kehre das Leben bald wieder in „entsprechende Fahrwasser“ zurück. „Nur Mut“, schließt er.

Von Florian Lerchbacher

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