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Ostkreis Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach
Landkreis Ostkreis Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach
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11:58 30.12.2020
Zwei letzte Male öffnen Karlheinz (von rechts), Karola und Peter Debus sowie Gerda Jüngst zwischen den Jahren die traditionsreiche Landmetzgerei in Emsdorf.
Zwei letzte Male öffnen Karlheinz (von rechts), Karola und Peter Debus sowie Gerda Jüngst zwischen den Jahren die traditionsreiche Landmetzgerei in Emsdorf. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Emsdorf

Mit dem Jahr 2020 endet in Emsdorf ein Stück Dorfgeschichte: Das Ladengeschäft der Metzgerei Debus ist nur noch heute und morgen geöffnet, danach schließt der Familienbetrieb. Nach 87 Jahren. Eine Auswahl hausgemachter Wurstwaren – allen voran die beliebte „Ahle Woscht“ – ist dann zwar noch an einem Automaten erhältlich, doch das ritualisierte Treffen so manches Emsdorfers am Samstagmorgen zum Plausch bei „Metzgersch“ vor der Wursttheke mit Nachbarn und Freunden ist dann nicht mehr möglich. Und so manches Kind muss an einem anderen Ort lernen, was es heißt, Währung gegen Waren zu tauschen – und am Ende des Geschäfts noch mit einem Stück Wurst belohnt zu werden.

Im Jahr 1933 hatten Karl Pfeiffer und seine Frau Christina die Metzgerei gegründet. Allerdings musste er nur wenige Jahre später in den Zweiten Weltkrieg ziehen und das Geschäft schließen. Weit nach dem Kriegsende kehrte er aus der Kriegsgefangenschaft zurück, eröffnete die Metzgerei wieder und begann, seine Waren auch auf dem Markt in Marburg anzubieten – was der inzwischen in dritter Generation geführte Betrieb auch bis 2016 beibehielt.

Zwischen 1994 und 2014 machte sich die kleine Landmetzgerei auch auf dem Markt in Frankfurt einen Namen – doch irgendwann sei es nicht mehr möglich gewesen, das Angebot aufrechtzuerhalten, erinnert sich der heutige Inhaber Peter Debus, der das Geschäft von seinen Eltern Karlheinz und Karola Debus übernommen hatte.

Seine Mutter Karola und Tante Gerda Jüngst hätten altersbedingt und aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr so gut auf dem Verkaufswagen aushelfen können, was zum Ende der Fahrten auf die Märkte führte – und auch im Ladengeschäft könnten sie ihn nicht mehr unterstützen. Und da er Single sei und ihm entsprechend niemand zur Seite stehe, sei es nicht mehr möglich, das Traditionsunternehmen weiterzuführen. Nicht zu vergessen die hohen Auflagen der EU und die damit einhergehenden Investitionen: „Das alles ist sehr schwer zu finanzieren.“ Zu schwer für einen Betrieb der Größe der Me

Die Entscheidung, das Geschäft zu schließen, fiel der Familie sichtlich schwer. „Mein Herz bricht schon“, sagt Peter Debus, während seinen Eltern die Worte fehlen, die Trauer aber ins Gesicht geschrieben ist. Denn eigentlich ist die Metzgerei ihr Leben – und verbunden mit vielen schönen Erinnerungen, beispielsweise an den Bullen auf der Viehwaage, den das Kirchengeläut durchdrehen ließ. Oder eine winterliche „Rückfahrt“ vom Markt in Frankfurt, als Peter Debus und Mutter Karola sich im Schritttempo über eine verschneite Autobahn kämpften, bis kurz vor Eschborn nichts mehr ging – doch auf einmal die Natur rief. Also sprach Debus den Fahrer eines ebenfalls im Stau steckenden Busses an, der der Frau Mama den Besuch der Toilette genehmigte – wenn der Metzger denn die rund 40 Fahrgäste mit Wurstwaren versorgte. Und so wurden Leckereien im Stau auf der Autobahn verkauft – auch an benachbarte Taxi- und Lastwagenfahrer, die ebenfalls hungrig waren. Um 2 Uhr nachts waren Mutter und Sohn Debus daheim – was für ihn keinen Schlaf bedeutete, schließlich galt es, den Wagen neu zu befüllen und den Markt in Marburg zu beschicken.

Karlheinz Debus fängt derweil noch heute an zu lachen, wenn er sich an eine Anekdote vom Ende der 70er-Jahre erinnert. Er brachte damals mit dem Partyservice – den die Familie übrigens in abgespeckter Version noch weiterführen möchte – Essen zu einer Feier ins Sportheim. Die Gäste dort fragten nach, was denn passiere, wenn das Essen nicht reiche. „Dann schlachte ich heute Nacht noch ein Schwein.“ Das Essen reichte zwar – doch die Sportler wollten sehen, ob der Metzger seinen Worten zur Mitternacht auch Taten folgen lassen würde. Er tat es – und hatte nie wieder so viele Zuschauer. Schon gar nicht solche, die Schnaps aus der Wurstkelle schlürften.

„Wichtig ist der Zusammenhalt“, sagt Karlheinz Debus über die Besonderheiten eines Familienbetriebes und bedauert, dass nun Schluss sein wird. Peter Debus wird besonders die Stammkunden vermissen, die der Metzgerei über Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte die Treue hielten. Sie kommen über den Automaten wenigstens noch an die liebgewonnenen Spezialitäten – von der Suppe über die Wurst bis hin zu Grillgut.

Doch der Plausch vor der oder über die Theke hinweg, der ist im automatisierten Geschäft natürlich nicht mehr möglich.

Von Florian Lerchbacher