Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis „Das Wichtigste ist der Zusammenhalt“
Landkreis Ostkreis „Das Wichtigste ist der Zusammenhalt“
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:55 23.12.2020
Bunter Lichterglanz in der Vorweihnachtszeit. Die Muslima Yasemin Toptas meint: „Es könnten ruhig noch mehr Menschen sein, die ihre Häuser schmücken.“
Bunter Lichterglanz in der Vorweihnachtszeit. Die Muslima Yasemin Toptas meint: „Es könnten ruhig noch mehr Menschen sein, die ihre Häuser schmücken.“ Quelle: Matthias Bein/dpa
Anzeige
Stadtallendorf

Weihnachten ist neben Ostern und Pfingsten eines der drei wichtigsten Feste des christlichen Glaubens – und verbunden mit zahlreichen Traditionen.

Seit 1535 gibt es den von Martin Luther eingeführten Brauch der Bescherung, Krippenspiele gehören seit dem 11. Jahrhundert zu den festen Bestandteilen, der geschmückte Weihnachtsbaum seit dem 16. Jahrhundert, der Adventskranz und der Weihnachtsmann seit dem 19. Jahrhundert.

Nicht zu vergessen, dass es in so manchem Land noch spezifische Besonderheiten gibt: In Griechenland lodern zwölf Tage lang Feuer, um Kobolde in Schach zu halten, die Australier picknicken am ersten Feiertag am Strand, die Slowaken gießen Blei und die Mexikaner setzen auf künstliche Weihnachtsbäume in Pink oder Blau.

Doch wie ist es mit Menschen anderer Religionen, die in einem Land wie Deutschland leben, in denen Bräuche eine große Rolle spielen? Die OP hat bei einer Muslima und einem Juden nachgefragt.

Häuser schmücken findet sie schön

„Ich würde zu Hause auch gerne mal einen Tannenbaum aufstellen“, sagt die Stadtallendorferin Yasemin Toptas (30), während Vater Bilal Weihnachten „prinzipiell schön“ findet, insbesondere die Beleuchtung der Innenstadt, der Geschäfte und einiger Häuser.

Einen Weihnachtsbaum habe sie dennoch nie bekommen, bedauert die 30-Jährige mit gespielter Trauer – und das, obwohl sie es doch jedes Jahr aufs Neue vorschlägt. Auch sie erfreut sich am Weihnachtsschmuck und der Beleuchtung: „Es könnten ruhig noch mehr Menschen sein, die ihre Häuser schmücken“, stellt sie heraus und schwärmt von zwei Häusern in Marburg, die alljährlich hell erleuchtete Blickfänge sind.

Nie als Außenseiter gefühlt

Ob der ganze Hype um Weihnachten sie stört? Natürlich nicht, betont die junge Stadtallendorferin: „Es sind doch nur ein paar Tage. Ich finde es, im Gegenteil, eher schön.“ Das gelte auch für Weihnachtsmusik, die in jedem Fall auch für sie zu den Festtagen dazugehört.

„Als Außenseiter habe ich mich jedenfalls nie gefühlt“, sagt Toptas, die in Deutschland aufgewachsen ist. Einmal hätten ihre Familienmitglieder an Weihnachten Geschenke ausgetauscht – einfach so, ohne großes Brimborium, Kerzen oder Adventskranz. Aber durchgesetzt habe sich das Konzept nicht.

Und eine Freundin, die dieses Jahr nicht zu ihrer Familie könne, habe sie für die Festtage eingeladen: „Ich würde auch mit ihr feiern.“ Aber wahrscheinlich werde es dann doch nicht dazu kommen. Und doch hat sie schon weihnachtlich in der Vergangenheit gefeiert: Mit den Mitarbeitern des Cafés ihrer Familie. Diese würden zwar zumeist keiner Glaubensgemeinschaft angehören oder keinen Glauben praktizieren – aber Weihnachten gefeiert werde dann doch.

Ein schönes Familienfest

Es sei schließlich auch ein guter Jahresabschluss, bei dem die Menschen noch einmal zusammen- und sich vielleicht auch etwas näherkommen: „Ich finde es auch schade, wenn es manche Menschen als lästige Pflicht ansehen, an Weihnachten ihre Familie zu besuchen – das sollten sie lieber genießen.“

Der Marburger Max Bär ist vor fünf Jahren zum Judentum konvertiert. Er ist also quasi mit Weihnachten aufgewachsen – und pflegt zumindest eine liebgewonnene Tradition noch: An den Feiertagen besucht er die Verwandten und überreicht ihnen Geschenke – er wiederum bekommt Geschenke zu Chanukka, dem achttägigen Lichterfest, das im November oder Dezember gefeiert wird.

Er habe gemerkt, dass ihm die jüdischen Feste näherliegen. Entsprechend vermisse er eigentlich nichts. Vor allem aus einem Grund: Am wichtigsten ist ihm, dass die Familie zusammenkommt – und das sei ja immer noch der Fall. „Weihnachten ist in gewisser Weise anders geworden. Es war zwar früher schon nicht sehr religiös aufgeladen, ist aber eben ein Familienfest – das ist das Schöne daran.“

Adventskranz steht neben Chanukkia

Auch in seiner Wohngemeinschaft werde es akzeptiert und respektiert, dass er einer anderen Religion angehöre, berichtet der 25-Jährige. So hätten seine Mitbewohner einen Adventskranz aufgestellt und, auf sein Nachfragen hin, sofort zugestimmt, dass er einen achtarmigen Leuchter – den Chanukkia – danebenstellt.

„So haben wir von beiden Religionen ein Symbol aufgestellt, das zeigt das gute Miteinander“, freut er sich und betont, dass er natürlich auch an Weihnachtsfeiern teilnehme – die er dann eben als Jahresabschluss definiert. Und auch beim Wichteln oder anderen Aktionen sei er dabei: „So lange es gesellig ist, ist es doch sehr schön.“

Eine Sache gibt es jedoch, die Bär stört: Wenn ihm jemand aus Unwissenheit über seine Glaubenszugehörigkeit während der Adventszeit fröhliche Weihnachten wünsche, sei das völlig in Ordnung. Wenn jedoch bereits zur Sprache gekommen sei, dass er Jude ist, und ihm dann trotzdem fröhliche Weihnachten gewünscht würden, dann habe er den Eindruck, dass ihm etwas aufgedrückt werden solle – auch wenn es nicht böse gemeint sei. Doch auch für solche Situationen hat er eine praktikable Lösung gefunden: Er wünscht dann eben „fröhliche Chanukka“ – oder eben „Chag Chanukka Sameach“.

Von Florian Lerchbacher