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Ostkreis Pfefferspray-Einsatz im Wald
Landkreis Ostkreis Pfefferspray-Einsatz im Wald
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23:36 29.11.2020
Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) seilen einen Aktivisten ab. Die Polizei setzt die Räumung des Waldes im hessischen Dannenrod fort.
Beamte eines Spezialeinsatzkommandos (SEK) seilen einen Aktivisten ab. Die Polizei setzt die Räumung des Waldes im hessischen Dannenrod fort. Quelle: Thorsten Richter
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Dannenrod

Am Wochenende zog es hunderte Menschen, Besucher, Gruppen und Initiativen, in den Dannenröder Forst, um auf ihren Protest gegen den Autobahnbau in verschiedener Form aufmerksam zu machen – von der friedlichen Kinderdemo bis zu brennenden Barrikaden.

Am Samstag wurden Rodungsarbeiten und Räumungen von Camps fortgesetzt, ebenso am Sonntag, wobei am 1. Advent keine Forstarbeiten stattfanden. Die Polizei war vor allem damit beschäftigt, Autobahngegner von Bäumen auf den Boden zu holen, nahm alleine am Samstag 70 Personen in Gewahrsam. Ein sogenannter „SkyPod“, ein hoher Mast und eines der Symbole der A-49-Gegner, wurde nach stundenlanger Vorbereitung geräumt – eine Baumbesetzerin hielt sich hoch oben in rund 40 Metern Höhe in einer Kanzel auf der Spitze des Mastes auf und wurde am Nachmittag von Höhenrettern der Polizei mit einem großen Hubwagen heruntergeholt.

Am Sonntag eskalierte die Situation zwischen Einsatzkräften und Autobahngegnern. Im Bereich des nördlichen Zufahrtstores zum bereits eingezäunten Trassenverlauf versuchten Spezialkräfte der Polizei eine Seiltraverse, gespannt in etwa 15 Metern Höhe, zu entfernen, außerdem einen in einem sogenannten „Lock-on“ eingegipsten Ausbaugegner zu befreien. In dem Bereich hatten sich laut Polizei da bereits mehrere Ausbaugegner versammelt – „in der Spitze mit mehreren hundert Personen“ – und seien gegen die Polizei vorgegangen. Die Kräfte seien „mit Pyrotechnik, Steinen und Holzstöcken angegriffen“ worden. Eine Beamtin erlitt dadurch leichte Verletzungen, ein Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wurde eingeleitet. Zudem versuchten einige A-49-Gegner kurze Zeit später, den von der Polizei eingesetzten Hubsteiger zu besetzen. Autobahngegner und Polizei gerieten aneinander, es kam zu Rangeleien und zum Einsatz von Pfefferspray gegen die Ausbaugegner. Mehrere Personen wurden laut OP-Informationen im Gesicht getroffen und mussten sich die Augen spülen lassen.

Am Sonntagmittag kam es erneut zu Auseinandersetzungen: Zwischen dem Camp „Morgen“, wo ein weiterer Tripod – ein dreibeiniges Holzgestell – errichtet wurde, und dem abgesperrten Logistikbereich für die Einsatzkräfte standen sich fast den ganzen Tag über Waldbesetzer und Polizei gegenüber, während zahlreiche Besucher und Teilnehmer einer Kundgebung scharenweise durch das Gebiet zogen und das Geschehen beobachteten. Wasserwerfer rückten mehrmals vor, wurden aber zunächst nicht genutzt; die Polizei drohte jedoch mehrmals den Einsatz an. Nachdem es laut Polizei zu einem Bewurf mit Steinen und Holzstämmen durch einen Teil der Ausbaugegner kam, wurden am frühen Nachmittag dann die Wasserwerfer eingesetzt. Dies gegen „Personen, die durch ihr Verhalten von der übrigen Gruppe der friedlichen Personen klar unterschieden werden konnten“, so die Polizei.

Mehrere Brände im Wald

In der Nacht zu Samstag entzündeten Unbekannte in der Nähe des Logistikstützpunktes ein Lagerfeuer, das mit einem Wasserwerfer abgelöscht wurde. Am Samstagmorgen stand ein Bauwagen auf einem Rettungsweg in Flammen, am Nachmittag wiederum brach im Süden des Waldes erneut Feuer aus: Nach dem Zünden von Rauchtöpfen fing ein Banner an einem Baumhaus, das geräumt wurde, Feuer. Wie die Polizei mitteilt, wurden Einsatzkräfte mehrmals mit Feuerwerkskörpern beworfen oder beschossen. Verletzt wurde dabei niemand.

Auch am Sonntag wurde Feuer gemeldet, am Morgen hatten Waldbesetzer mehrere neue Barrikaden errichtet, eine davon – in der Nähe des Logistikzentrums – wurde laut Polizei angezündet und ebenfalls mit einem Wasserwerfer gelöscht und danach von Einsatzkräften samt Räumpanzer entfernt.

Kinderdemo zieht am Waldrand entlang

Verschiedene Anti-A-49-Initiativen hatten zuvor das Themenwochenende „Into the Woods“ ausgerufen und protestierten am Wochenende mit verschiedenen Aktionen gegen den Autobahnbau. Auf Initiative „Familien für den Danni“ fand am Samstag eine friedliche Kinder- und Familien-Demo durch Dannenrod und am Wald statt. Mit selbst gebastelten Pappschildern zogen rund 140 Menschen, etwa ein Drittel davon Kinder, zu Musik und „Danni bleibt“-Rufen am Waldrand entlang, wo sie später ein Picknick einlegten. Vertreter des BUND sprachen in einem kindgerechten Vortrag über ihre Ablehnung der Waldrodung oder über die Tierwelt im Wald. Viele Eltern waren mit ihren Kindern vor Ort. Warum entschieden sie sich für diese Form des Protests? „Weil es um ihre Zukunft geht“, erzählte eine junge Mutter mit Blick auf ihre beiden kleinen Kinder: „Sie sind noch viel länger auf der Welt als wir, aber wir können jetzt aktiv werden“, erklärte die Frau, die sich gegen den Weiterbau ausspricht.

Auch das Bündnis „Dannieltern“ war am Samstag vor Ort im Wald, um Kritik zu üben: Wie Barbara Schlemmer, Stadträtin von Homberg (Ohm), mitteilt, fordern die Eltern einen Rodungsstopp, sehen durch die Räumung des Waldes und durch den Einsatz von Polizeieinheiten das Leben ihrer Kinder „gefährdet“. „Viele unserer Kinder sind inzwischen durch ihre erschreckenden Erfahrungen von Ohnmacht und Angst angesichts der überzogenen Polizeieinsätze traumatisiert“, meinen die „Dannieltern“.

Am Sonntag sprach ebenfalls Jürgen Resch, Vorsitzender der Deutschen Umwelthilfe, auf einer Kundgebung des Aktionsbündnisses „Keine A 49“. Er äußerte die Hoffnung, dass trotz fortgeschrittener Rodungsarbeiten der A-49-Bau weiter aufgehalten, der „Ökozid“ gestoppt werden könne. Resch geht noch weiter: „Wir brauchen ein Ende des Straßenbaus in Deutschland, der Danni ist dafür ein Symbol des Erhalts und nicht der Zerstörung.“

Die Polizei nahm am Wochenende viele A-49-Gegner fest: Alleine am Samstag wurden 70 Personen in Gewahrsam genommen, am Sonntag drei weitere. Insgesamt seien am Wochenende 24 Ermittlungs- und 58 Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet und 95 sogenannte Platzverweise ausgesprochen worden.

Von Ina Tannert

29.11.2020
28.11.2020