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Ostkreis Die Richtung stimmt
Landkreis Ostkreis Die Richtung stimmt
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16:59 02.07.2022
Theresa Hinrichs (Bildmitte) markiert ein Diskussions-Ergebnis, das ihr besonders am Herzen liegt.
Theresa Hinrichs (Bildmitte) markiert ein Diskussions-Ergebnis, das ihr besonders am Herzen liegt. Quelle: Florian Lerchbacher
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Dagobertshausen

„Die Aussagen waren nicht so bindend wie erhofft, aber wir haben sie zur Kenntnis genommen“, resümierte Dr. Thomas Rautenberg, eine der treibenden Kräfte der Stadtteilinitiative „Leben und Wohnen in Dago“ und somit einer der größten Kritiker des Hofgut-Komplexes im Dorf. Doch auch er möchte nach der zweiten Dialogveranstaltung „Dago 2030“ die Konflikte, „so es sie denn gab“, begraben, in die Zukunft schauen und Lösungen finden: „Die Aussagen gehen in die richtige Richtung.“

Anregungen und Ziele

Der Ortsbeirat hatte die Veranstaltung initiiert, die Stadt Marburg trug die Kosten und das Team von „Adribo“ aus Frankfurt um Mediator Professor Roland Fritz moderierte sie. Ziel war es zum einen, wieder Frieden im Ort einkehren zu lassen, und zum anderen, sich mit den Wünschen der Einwohnerinnen und Einwohner für den kleinen Marburger Stadtteil auseinanderzusetzen.

Und so diskutierten sie nicht nur in der Gruppe mit dem Titel „Hofgut, Landwirtschaft Reitanlage“ über ihre Hoffnungen, sondern auch in den Gruppen „Soziales und kulturelles Dorfleben“, „Verkehr: Sicherheit und Infrastruktur“ und „Dörfliche Infrastruktur“ über ihre Anregungen und Ziele.

Ein zentrales Thema waren die an vielen Stellen fehlenden Bürgersteige – ein Punkt, bei dem auch die Vertreter von Vila Vita Bereitschaft zeigten, sich mit einzusetzen. Dies ging einher mit dem generellen Wunsch nach mehr Verkehrssicherheit und dem Vorschlag, an mindestens zwei Stellen Fußgängerüberwege zu schaffen und eine Tempomess-Tafel (oder einen Blitzer) einzurichten. Außerdem sehnen sich die Menschen im Ort nach einer generellen Verbesserung der Bus-Anbindung und vor allem nach einer direkten Verbindung zum Hauptbahnhof.

Und weil man, wie Ortsvorsteher Peter Reckling betonte, nicht nur fordern kann, sondern sich auch selbst einbringen muss, ist nun die Gründung eines Arbeitskreises Verkehr geplant.

Des Weiteren gibt es Überlegungen in Richtung Carsharing. Vor allem hoffen die Dagobertshäuserinnen und Dagobertshäuser jedoch, ihren Heimatort mit regenerativen Energien versorgen zu können – am liebsten auch in Zusammenarbeit mit dem Hofgut-Komplex. Gelingt dies, dürfte das – ebenso wie ein für jeden ersten Mittwoch im Monat geplanter Boule-Treff (19 Uhr) oder ein Dorffest – massiv zur insgesamt erhofften Verbesserung des Wir-Gefühls im Ort beitragen.

Denn das ist noch nicht so, wie viele Menschen hoffen – zum einen untereinander, aber auch im Zusammenleben mit dem Vila-Vita-Komplex. Das „Hofgut“ und eine weitere mögliche Expansion war natürlich auch wieder ein zentrales Thema. Bürgerinnen und Bürger äußerten erneut ihre Bedenken, die Vila-Vita-Geschäftsführer Michael Hamann und -Justiziar Stephan Bretz, der die Eigentümer-Familie Pohl vertritt, auszuräumen versuchten.

„Bis hier und nicht weiter“

Die Unternehmer-Familie betreibt im Dorf die Kultur- und Eventscheune, das Restaurant Waldschlösschen sowie eine Reitsportanlage und will nun den „Mengel-Hof“ sanieren und daraus ein Landhotel mit knapp 30 Zimmern, Konferenzräumen und einem Wintergarten machen. „Keine weitere Partylocation!“, lautet der Wunsch der Menschen im Dorf, wie Ortsbeiratsmitglied Philippe Mund zusammenfasste: „Bis hier und nicht weiter. (...) Geben Sie der Familie Pohl bitte weiter, dass es genug ist.“

„Wir verstehen die Bedenken und Ängste und wollen diese so gut es geht berücksichtigen. Wir wollen gemeinsam mit Ihnen mit Offenheit in die Zukunft gehen und diese so verträglich wie möglich gestalten“, entgegnete Bretz und verwies immer wieder darauf, dass es derzeit keine Pläne gebe, weitere Gebäude zu erwerben und somit weitere Veranstaltungsorte zu schaffen, in denen gefeiert werden kann. Er verwies darauf, dass auch das neue Hotel kein solcher Ort werde – zum Feiern seien die bereits bestehenden Gebäude gedacht, das Hotel werde für Übernachtungen genutzt und habe nur Tagungsräume. Gleichzeitig betonte er aber auch, dass er ein Wirtschaftsunternehmen vertrete, und oftmals spontan Ideen entwickelt würden, die dann zur Umsetzung kommen. Er könne also nicht mit 100-prozentiger Sicherheit sagen, was in zwei, vier oder acht Jahren ist: Der Status Quo sei, dass nichts geplant werde und es auch keine Überlegungen gebe, weitere Liegenschaften zu erwerben.

Ein weiterer Punkt, den Bretz zusagte: Alle zwei Monate wollen er und/oder Hamann Sitzungen des Ortsbeirates besuchen und als Ansprechpartner zur Verfügung stehen – gerne gelegentlich auch inoffiziell, aber ohne dass die Bürgerinnen und Bürger befürchten müssten, hinter ihrem Rücken werde etwas „gemauschelt“. Solche Treffen seien früher üblich gewesen, dann aber aufgrund von Vandalismus und Anfeindungen eingestellt worden. Als Erstes ist geplant, dass er dem Ortsbeirat erklärt, welche Änderungen beim Regionalplan angeregt worden seien, um die Reitsportanlage „ein wenig“ zu erweitern.

Lärm-Messungen

Des Weiteren gab es ausführliche Diskussionen zum Thema Lärm. Bretz erklärte, ein Experte in Sachen Lärmschutz werde beauftragt, um Messungen vorzunehmen – laut Richtlinien habe es aber auch erst ein einziges Mal eine Überschreitung der Höchstwerte gegeben.

Ein Kritikpunkt sind auch die in der Landwirtschaft eingesetzten Folientunnel. Diese seien aus recycelbarem Kunststoff, „Stand der Technik“ und kämen zum Einsatz, um auf Pestizide verzichten zu können, erklärte Bretz – insofern gibt es da wohl keine Alternative.

Von Florian Lerchbacher