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Ostkreis Vermarktung vom Horn bis zum Huf
Landkreis Ostkreis Vermarktung vom Horn bis zum Huf
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15:58 17.02.2021
Heinz Westphal mit einem seiner Highland-Cattle-Bullen. Quelle: Foto: Andreas Schmidt
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Neustadt

Beeindruckend sehen sie aus, die Schottischen Hochlandrinder, die an diesem kalten Wintermorgen auf dem Stroh hinter der Weißmühle in Neustadt stehen. Das zottelige Fell auf den massigen, bis zu 600 Kilo schweren Körpern ist teilweise gefroren. Aber vor allem mit ihren riesigen Hörnern wirken die Rinder immens gefährlich. Gut, dass sie in einem Gatter stehen, oder? „Nein, die sind total entspannt und friedlich“, sagt Heinz Westphal. Denn so seien sie gezüchtet. Er ist quasi der „Herr des Highland Cattle“, hat mittlerweile eine Herde „von 90 bis 100 Tieren“, wie er selbst sagt. „Die Temperaturen finden die Tiere übrigens klasse“, weiß er – „die Hitze im Sommer macht ihnen mehr zu schaffen.“

Doch wieso stehen Schottische Hochlandrinder an der Weißmühle in Neustadt? „Der Hof gehörte meiner Großmutter. Und als die gestorben war, wollten meine Geschwister eigentlich, dass die Weißmühle verkauft wird“, erzählt Heinz Westphal. Doch er wollte nicht, „denn der Hof ist unwiederbringlich. Ich habe also gesagt, man müsste was draus machen“, so Westphal. Und seine Geschwister sagten: „Dann mach.“ Also zog der gelernte Tischler, der zu der Zeit mit seiner Frau Merve in Marburg lebte, in die Weißmühle. Vor zwölf Jahren zogen dann auch die Hochlandrinder ein. Wie kam er darauf?

Das Land war früher zu sumpfig zum Befahren

„Wir hatten damals vier Hektar Fläche am Haus, sehr feucht und nur mit sehr magerem Futter. Da ging es drum, wie wir das pflegen“, erinnert sich Westphal. Mit der Maschine das Land befahren, sei damals nicht möglich gewesen – zu sumpfig. Doch Beweidung, das sei möglich gewesen.

„Wir hatten die wildesten Ideen – mit Elchpark Neustadt oder auch mit Ziegen oder Schafen.“ Doch Westphal hatte früher auch in England gearbeitet, an der Grenze zu Schottland. Also hatte er das Highland Cattle im Hinterkopf. Er fuhr zu einem Züchtertreffen in Hessisch Lichtenau, ließ sich alles erklären – und kaufte dann seine ersten fünf Tiere. Die Tiere beweideten das Land – Westphal wurde von der Unteren Naturschutzbehörde angesprochen, ob seine Tiere auch andere Brachen rund um Neustadt beweiden könnten. Können sie. „Die Flächen werden dabei von Botanikern überwacht, es gibt dann ganz klare Vorgaben, wie etwa, dass eine Fläche nur vom 1. bis 7. Mai mit fünf Tieren bewirtschaftet werden darf.“ Aus dem ersten Projekt habe sich eine große Dynamik entwickelt. Und so hat Heinz Westphal mittlerweile eben zwischen 90 und 100 seiner „felltragenden Naturschützer“ im Einsatz – auf mehr als 60 Naturschutzprojekten mit gut 90 Hektar in der Region. Und auch eine Herde Wasserbüffel hat in der Weißmühle Einzug gehalten.

Doch die Hochlandrinder sind nicht nur wegen ihrer Beweidungsqualität gefragt: Sie haben auch ein Fleisch, das äußerst beliebt ist. „Es ist langsam gewachsen, feinfaserig und ganz zart marmoriert“, schwärmt Westphal. Ein Grund dafür sei, dass die Tiere immer extensiv auf den Weiden unterwegs seien. Und: Die Hochlandrinder erreichen dadurch erst nach 30 Monaten das Schlachtalter. „Schon früh haben Bekannte gefragt, ob sie Fleisch bekommen können“, erzählt der 46-Jährige. Schnell merkte er: Es gibt großen Bedarf. Daher vermarktet Heinz Westphal das Fleisch seiner Rinder – doch werden sie nicht einfach geschlachtet und dann sukzessive verkauft.

Erst wenn alle Teile verkauft sind, wird geschlachtet

Vielmehr setzt Westphal auf das „Crowdbutching“. Das heißt: Zunächst werden alle Teile der Rinder vermarktet. Dazu sammelt Westphal Bestellungen, bietet beispielsweise Pakete mit fünf oder zehn Kilo Inhalt an, „in denen dann alles enthalten ist – eben auch beispielsweise Beinscheiben oder Suppenfleisch und nicht nur Steaks oder Burger-Pattys“, erläutert er. Auch gebe es Kleinmengen wie Hackfleisch oder Gulasch sowie verschiedene Wurstwaren, allerdings erst an zweiter Stelle. Und erst, wenn alles verkauft ist, wird das Tier geschlachtet. Nur so sei der Nachhaltigkeitsgedanke, der Westphal wichtig ist, gewährleistet. Er merkt, dass es wieder den Wunsch nach mehr Regionalität gibt. „Mindestens ein Drittel bis fast die Hälfte unserer Produkte bleibt hier in Neustadt, das hätte ich anfangs nie gedacht“, sagt er. Zwölf bis 18 Tiere schlachte er im Jahr, außerdem noch ein Tier, „um für den Sommer Würste und Steaks auch tiefgefroren anbieten zu können“.

Zum nachhaltigen Gedanken gehört auch, dass Westphal das Fleisch nicht vakuumiert, sondern ein Kistensystem eingeführt hat – „um Verpackungsmüll zu vermeiden“, sagt Heinz Westphal. Nach dem Schlachttermin, der den Käufern mitgeteilt wird, dauert es drei Wochen, in denen das Fleisch reift – „dann gibt es einen Abholtermin hier an der Weißmühle und danach fahre ich mit dem Kühlanhänger an Verteilpunkte in Großseelheim, Marburg und Cölbe.“ Nachhaltigkeit also auch im Verkauf – nach dem Motto: Einer fährt – und nicht viele. Und wie geht es weiter? „Ich denke noch über einen Verkaufsautomaten nach, in dem sich unsere Produkte ebenso finden, wie die von anderen Erzeugern aus Neustadt.“

Von Andreas Schmidt