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Ostkreis Die Auswirkungen sind erträglich
Landkreis Ostkreis Die Auswirkungen sind erträglich
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12:00 22.12.2020
Ein bisschen wie hinter Glas ist's derzeit für die Senioren. Karla und Hermann Schulze nehmen die Situation gelassen.
Ein bisschen wie hinter Glas ist's derzeit für die Senioren. Karla und Hermann Schulze nehmen die Situation gelassen. Quelle: Florian Lerchbacher
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Stadtallendorf / Neustadt

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie mit den derzeit einhergehenden Verhaltensregelungen beziehungsweise den daraus resultierenden Einschränkungen spürt jeder Bürger. Doch wie stark eigentlich? Die OP hat nachgefragt: bei Schüler Tizian Rückert (17) aus Stadtallendorf und bei Hermann Schulze aus Neustadt, als 76-Jähriger ein Angehöriger der Risikogruppe.

Von einer Krise will der Senior jedenfalls nichts wissen. Natürlich seien die Einschränkungen spürbar, aber nichts im Vergleich zu den Nachkriegsjahren, die er als junger Bub erlebte. Nicht zu wissen, ob man an einem Tag etwas zu essen bekommt – das lasse sich als Krisenzeit bezeichnen. Aber nicht eine Situation, in der man beim Einkaufen Maske tragen muss, sich von Mitmenschen fernhalten sollte und Veranstaltungen abgesagt werden. Geschäftsleute, die ihre Läden schließen müssen, dürften sehr wohl von Krisen sprechen – aber für ihn als Privatmensch sei diese Zeit keine Krisenzeit. „Wir haben in unserem Leben schon so viel erlebt und gefeiert, da ist es nicht schlimm, wenn wir uns eine Zeit in Verzicht üben müssen“, sagt er und nennt Silvester als Beispiel: Das lasse sich doch einfach auch im April oder so nachfeiern – wenn es überhaupt nachgeholt werden müsse: „Das Leben funktioniert auch ohne.“

Natürlich sei es schade, die Familienmitglieder nur in geringerem Ausmaß zu sehen, gibt er zu. Andererseits sei es verschmerzbar, sie eben nur kurz oder in kleinerem Rahmen zu treffen – oder auch nur rasch gute Wünsche und Geschenke auszutauschen. Weit mehr als schade sei es jedoch, dass er und Ehefrau Karla eine 80 Jahre alte Freundin in Frankreich nicht besuchen können – die von Schicksalsschlägen gebeutelt wurde. Vor zwei Jahren starb ihr Mann, und nun leide sie immer mehr unter Auswirkungen von Demenz: „Da würden wir gerne hinfahren, helfen und einfach nur Herz zeigen, sagt Schulze und betont: „Das wäre uns wichtig gewesen.“

„Wir können problemlos walken oder Rad fahren“

Ansonsten jedoch könnten sie nicht klagen: „Wir kommen problemlos in die Natur, können dort walken oder Rad fahren und haben auch noch den Garten, in dem wir tätig sind“, wirft Ehefrau Karla ein und gibt zu bedenken: „Die Einschränkungen sind also für uns kaum spürbar – da sieht es bei einer fünfköpfigen Familie im vierten Stock eines Frankfurter Hochhauses bestimmt ganz anders aus.“

„Langweilig wird uns bestimmt nicht, denn wir haben genug in Haus und Garten zu tun“, ergänzt Hermann Schulze, der sich in seiner Freizeit um zwei Familien aus Eritrea und Syrien kümmert. Jüngst habe er sie besucht – im Gegensatz zu sonst aber nur kurz und nach Ankündigung: „Ich klingelte, wünschte alles Gute und übergab Weihnachtsgeschenke“, berichtet er. Natürlich sei es schade gewesen, dass dies so schnell und wenig feierlich gelaufen sei – andererseits seien das Zeichen und der Ausdruck der Herzlichkeit und Zusammengehörigkeit das, was zählt. Und da sei letztendlich egal, ob der Besuch lange oder kurz dauert. „Ich glaube, wir sprechen hier über eine überschaubare Zeit, in der wir eben auf ein paar Dinge verzichten müssen. Aber, um die Kanzlerin zu zitieren: Wir schaffen das.“

Er spüre sogar einige positive Auswirkungen: „Ich bin ruhiger geworden und empfinde nicht mehr so einen Zeitdruck“, sagt die rheinische Frohnatur, die sich sonst kaum eine Veranstaltung in Neustadt entgehen lässt – vom Karneval bis zu den zeitgeschichtlichen Vorträgen. Wahrscheinlich sei es leichter, zu Hause zu bleiben, wenn ohnehin nichts anliegt. „Ich bin in jedem Fall ruhiger geworden und finde sogar auch Zeit und Muße, zu Hause auch mal ein Buch zu lesen. Noch dazu fällt es mir leichter, das Erledigen von Aufgaben auch einfach auf morgen zu verschieben. In Terminnöte kommt man ja eigentlich nicht mehr.“

„Ich weiß ja, warum es die Vorsichtsmaßnahmen gibt“

Für ihn seien die Einschränkungen also insgesamt nicht so schlimm: „Aber die jungen Leute tun mir leid. Sie können sich kaum noch mit Freunden treffen und müssen zum Beispiel darauf verzichten, in großer Runde das neue Jahr zu begrüßen. Ich glaube, für sie ist es viel schlimmer.“ Doch ist das wirklich so? „Ich finde es noch erträglich“, entgegnet Zwölftklässler Tizian Rückert auf Nachfrage dieser Zeitung. Natürlich sei Zurückhaltung gefragt und er könne sich eben nur noch mit wenigen Freunden treffen: „Aber die Vorsichtsmaßnahmen sind ja nicht willkürlich und ich weiß, warum es sie gibt.“

Auch er habe Angst, im Fall der Fälle Mitmenschen oder gar Großeltern zu infizieren – insofern sei es sinnvoll, Vorsicht walten zu lassen und sich auch in Verzicht zu üben. Entsprechend halte er lieber Abstand und trage Maske, wenn er auf seine Großeltern trifft. Und es sei auch akzeptabel, dass an Weihnachten eben nicht im großen Familienkreis gefeiert werde. „An Silvester ist es dann schon etwas schade und wird schwer“, gibt er zu – und übt in diesem Zusammenhang Kritik: Er könne nicht verstehen, dass man sich nicht beziehungsweise nur mit wenigen Freunden treffen solle – aber gleichzeitig in der Schule alle zusammen im Klassenraum gesessen hätten. „Insbesondere in der Zeit, in der der Inzidenzwert im Landkreis über 200 lag, hätte ich mir mehr Maßnahmen gewünscht.“ Ein komisches Gefühl sei beim Schulbesuch dann doch aufgekommen. Er könne durchaus verstehen, dass jüngere Schüler in der Schule unterrichtet werden müssen – allein schon aus Gründen der Betreuung. „Aber ältere Schüler hätten auch zu Hause bleiben können und online unterrichtet werden – für uns ist es einfacher, auch zu Hause selbstständig zu arbeiten.“ Das hätte auch an der Schule an sich ganz andere Möglichkeiten für die jüngeren Schüler bedeutet, betont er.

Allerdings habe sich insbesondere während des ersten Lockdowns gezeigt, dass Deutschland bei der Digitalisierung hinterherhinke. Das sei ein Weckruf gewesen – an den, so seine Hoffnung, sich auch nach der Pandemie noch erinnert werde, um die Entwicklung weiter voranzutreiben. Videotelefonie habe beispielsweise eine ganz neue Bedeutung bekommen: Diente sie früher eher zur Unterhaltung, so sei sie inzwischen – wenn sie denn einwandfrei funktioniere – ein seriöses und wichtiges Kommunikationsmedium.

Außerdem gelte es, den ein oder anderen Schüler während Online-Unterrichts dann doch noch einmal gesondert abzuholen: „Einige fühlten sich zurückgelassen. Besonders am Anfang.“ Zwar sei versucht worden, Unterrichtspunkte im Nachhinein aufzuarbeiten – was aber eben nicht überall gelungen sei. Nichtsdestotrotz glaubt er, dass sowohl Lehrer als auch Schüler besser vorbereitet sind, falls es nach den Winterferien wieder Online-Unterricht gibt – was er befürworten würde: „Eine komplette Schulschließung wird aber nicht kommen.“

Eines haben er und Hermann Schulze übrigens gemeinsam: Auch der 17-Jährige spürt ein gewisses Maß der Entschleunigung: „Auch ich bin ruhiger geworden.“

von Florian Lerchbacher