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Ostkreis Die Fleischerei-Turbo-Meisterin
Landkreis Ostkreis Die Fleischerei-Turbo-Meisterin
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16:59 22.11.2020
Metzgermeisterin Christina Heinen aus Kirchhain bei der Arbeit – sie mischt die Zutaten für die Kartoffelwurst. Quelle: Tobias Hirsch
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Kirchhain

Der 24. April dieses Jahres war der Tag, an dem sich das Leben der Kirchhainerin Christina Heinen radikal änderte. Denn an diesem Tag ist ihr Vater Heinz Heinen, Gastronom und Metzger, „überraschend gestorben. Das war ein Schock für uns alle“, sagt die 30-Jährige im Gespräch mit der OP. „Ich habe an diesem Tag meinen Vater, meinen Chef und meinen besten Freund verloren.“

Damit die Betriebe – die Hotels Kirchhainer Hof und Hessischer Hof mit der angeschlossenen Gastronomie und vor allem auch die Metzgerei – in familiärer Hand bleiben konnten, absolvierte Christina Heinen die Meisterprüfung im Fleischerhandwerk. Nur so habe sie die Betriebsleitung der Metzgerei übernehmen können, sagt Heinen.

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Ursprünglich hatte die Kirchhainerin nach ihrem Abitur „einen kurzen Ausflug ins Lehramtsstudium gemacht – habe aber recht schnell gemerkt, dass mein Herz doch an den Betrieben der Familie hängt“, bekennt sie. Also begann sie 2001 mit der Ausbildung zur Hotelfachfrau, arbeitete ein Jahr lang in den familieneigenen Hotels.

Christina Heinen absolvierte an der Käthe-Kollwitz-Schule in Marburg noch die Weiterbildung zur Betriebswirtin und verabschiedete sich zunächst für ein Jahr an die Ostsee: An einem Vier-Sterne-Hotel in Niendorf war sie stellvertretende Direktionsleitung.

Geschäftlich schon länger im Bilde

„Aber es war schon immer klar, dass ich die elterlichen Betriebe übernehme. Mein Vater und ich hatten ein sehr vertrautes Verhältnis, er hat mich in den vergangenen Jahren schon immer in die Entscheidungen mit einbezogen – er hatte keine Geheimnisse vor mir.“

Das erwies sich als Glück im Unglück. Denn als Heinz Heinen im Frühjahr verstarb war Tochter Christina geschäftlich im Bilde. Doch fehlte der Meistertitel im Fleischerhandwerk. Die Metzgerei sei immens wichtig, „in unseren Betrieben greifen viele Zahnräder ineinander – nur mit der eigenen Metzgerei kann ich die Qualität in der Gastronomie sicherstellen. Und viele Hotelgäste entschieden sich auch für uns, weil wir die eigene Metzgerei haben.“

Doch wie konnte Christina Heinen Fleischer-Meisterin werden, ohne eine Ausbildung im Fleischer-Handwerk zu haben? „Ich bin quasi Quereinsteigerin“, sagt sie. Sie habe ihrem Vater schon früher auch in der Metzgerei begeistert geholfen, und auch die Kreishandwerkerschaft habe versucht, Lösungen aufzuzeigen. „Ich bin ja mein ganzes Leben lang im Betrieb – ich habe schon während meiner Ausbildung zur Hotelfachfrau gelernt, wo sich beispielsweise welche Teile vom Schwein befinden.“

Vorwissen half bei der Prüfung

Mit der Handwerkskammer gab es ein zweistündiges Vorgespräch, „wobei mein Werdegang und auch mein entsprechendes Vorwissen abgefragt wurden“, sagt Heinen. Nach den zwei Stunden habe festgestanden, dass sich die 30-Jährige zum Meisterkurs anmelden dürfe. Auch deshalb, weil sie die Teile drei und vier – also den betriebswirtschaftlichen Part und den Ausbilderschein der Prüfung – durch ihre betriebswirtschaftliche Ausbildung schon hatte.

„Ich musste also ,nur’ Teil eins und zwei machen – eben den Fleischer-Teil. Aber der war für mich unglaublich schwierig“, gibt sie zu. Doch ihr war klar: An der Meisterprüfung führt kein Weg vorbei.

„Also bin ich acht Wochen lang jeden Morgen nach Kassel zum Lehrgang gefahren – und habe dann abends in Kirchhain in der Wurstküche geübt“, erzählt sie. Oder habe mit Bernd Möller in Kleinseelheim üben können. Mit Erfolg: Sie schloss die Prüfung mit einer Zwei ab, „das ist ein Meilenstein, auf den ich stolz bin – und für den ich allen, die mir geholfen haben, von Herzen danke“.

Lockdown „macht es nicht leichter“

Doch warum die Arbeit? Sie hätte es sich ja auch leicht machen und einen Betriebsleiter für die Metzgerei einstellen können. „Ja, das wäre einfacher gewesen. Aber das hier“, sagt sie und macht eine ausschweifende Bewegung mit den Armen, „das ist mein Leben, hier hängt mein ganzes Herz dran. Und es hängen auch viele Jobs und Familien dran.“ Sie ist die dritte Generation Heinen, „ich glaube, dass es mir im Blut liegt“.

Dass sie nun bereits den zweiten Lockdown der Gastronomie verkraften muss „macht es nicht leichter. Aber die Metzgerei ist offen und sie läuft gut – das hilft allen.“ Christina Heinen will Metzgerei und Gastronomie auch ihren eigenen Stempel aufdrücken – mit neuen Wurstsorten oder besonderen „Cuts“ für den Grill. Doch für sie ist klar: „Das Gutbürgerliche wird im Hessischen Hof bleiben.“

Die Handwerksmeister 2020

Am 6. November wollte die Kreishandwerkerschaft Marburg die 34 Jungmeisterinnen und Jungmeister in der Stadthalle Stadtallendorf ehren, die in den vergangenen zwölf Monaten ihre Meisterprüfung absolviert haben – die Corona-Pandemie machte diesem Festakt allerdings einen Strich durch die Rechnung. Ihre Prüfungen erfolgreich absolviert haben:

Kraftfahrzeugtechnikerhandwerk: Gianluca Amoroso, Gemünden; Dmitri Benke, Pohlheim; Dirk Edelmann, Kirchhain; Sergej Geier, Mücke; Nico Hantschel, Allendorf (Lumda); Carsten Heideroth, Münchhausen; Jeremy Hinderfeld, Gießen; Christian Janka, Maintal; Alexander Kien, Gießen; Georg Kuhn, Waldsolms; Alexander Lauer, Cölbe; Philipp Roth, Mücke; Ingo Schmitz, Kirchhain; Sascha Schwalm, Gießen und Markus Winter, Kirchhain.

Fleischerhandwerk: Christina Heinen, Kirchhain und Andreas Klipp, Neustadt.

Maler- und Lackiererhandwerk: Thomas Heinrich, Lich; Pawel Lisowski, Wetzlar; André Masurka, Leun; Mazlum Ortac, Lollar; Franziskus Pawelski, Stadtallendorf; Alexander Preis, Kirchhain und Iwan Roumelidis, Lollar.

Metallbauerhandwerk: Malte Mehrmann, Amöneburg; Loris Renz, Ebsdorfergrund und Jörn-Marc Gregorio Zettl, Rabenau.

Elektrotechnikerhandwerk: Philipp Ruhl, Amöneburg; Alexander Schein, Rauschenberg; Michael Scheuer, Münchhausen; Mike Schleich, Weimar und Sönke Südbrock, Hüttenberg.

Fliesen-, Platten- und Mosaiklegerhandwerk: Tino Wolf, Marburg.

Steinmetz- und Steinbildhauer-Handwerk: Caspar David Fischer, Marburg.

Von Andreas Schmidt