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Ostkreis „Wir brauchen diesen Widerstand“
Landkreis Ostkreis „Wir brauchen diesen Widerstand“
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09:37 12.10.2020
Friedlicher Protest am Sonntag: Hunderte Menschen kamen an den Dannenröder Forst, wo auch Angelika und Reinhard Forst ihre Alternativpläne zur A 49 öffentlich vorstellten. Quelle: Nadine Weigel
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Dannenrod

Der Protest ebbt nicht ab. Am Wochenende kam es wieder zu zahlreichen Aktionen von A-49-Gegnern. Am Samstag nahmen rund 50 Menschen an einer Fahrraddemo teil, die auch über die A 49 ging. Über Bad Zwesten, Neuental, Schlierbach und Stadtallendorf führte die Fahrraddemo nach Dannenrod und verlief aus polizeilicher Sicht ohne Zwischenfälle. Weiterhin fanden ein Solidaritätsspaziergang (15 Teilnehmer) und eine Mahnwache (30 Teilnehmer) statt, die ebenfalls ohne Zwischenfälle vonstatten gingen, wie die Beamten mitteilten.

Es blieb jedoch nicht so friedlich. Gegen 18 Uhr am Samstagabend wurde im Bereich des Klärwerks Lehrbach ein mit vier Polizisten besetztes Polizeifahrzeug angegriffen. Laut Polizei warfen vermummte Personen aus dem angrenzenden Waldgebiet mit Steinen und Farbbeuteln auf das Fahrzeug, das stark beschädigt wurde. Durch die Steinwürfe wurden mehrere Scheiben des Streifenwagens komplett zerstört. Glücklicherweise kamen die Polizeibeamten im Fahrzeug dabei nicht zu Schaden. Festgenommen wurde niemand. Die Angreifer flüchteten unerkannt zurück in den Wald. Wie die Polizei gestern auf Twitter mitteilte, wurde von Unbekannten ein „Selbstbezichtigungsschreiben“ veröffentlicht, in dem der Anschlag „als letzte Warnung“ bezeichnet werde. Darin heiße es an die Polizei gerichtet: „Wir kennen Eure Wege und wir wissen, wie wir Euch angreifen können, um Eurem zerstörerischen Treiben ein Ende zu setzen.“

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Die Polizei appellierte als Reaktion darauf an die Menschen, die ihren Protest friedlich kundtun: „Distanzieren Sie sich von gewaltbereiten Straftätern und lassen sich Ihr Anliegen nicht durch militante Aktionen zerstören.“

Carola Rackete wirbt für Widerstand

Friedlicher ging es dagegen gestern beim Waldspaziergang zu. Hunderte Menschen waren gekommen, um ihre Solidarität mit den Aktivisten zu demonstrieren – und um einem der bekanntesten Gesichter der Waldbesetzer zu lauschen: Carola Rackete.

Die 32-Jährige wurde international bekannt, weil sie im Juni 2019 als Kapitänin der Sea-Watch 3 mit Geflüchteten nach wochenlangem Warten trotz Verbotes von italienischen Behörden den Hafen der Insel Lampedusa anlief. „Ich werde oft gefragt, warum ich hier im Wald bin. Ganz einfach, ich bin Naturschutzökologin“, rief sie den Menschen zu. Sie sei in den letzten neun Jahren acht Mal mit einem Forschungsschiff in der Antarktis gewesen und habe gesehen, welche fatalen Auswirkungen die Klima-Krise habe. „Wir brauchen die Verkehrswende und wir brauchen diesen Widerstand“, betonte Rackete, die dafür warb, mehr im Einklang mit der Natur zu leben. „Wälder, Moore und sogar Wale helfen uns gegen die Klima-Krise, wenn wir ihnen helfen zu überleben.“ Neben Rackete war auch das heimische Urgestein des A-49-Widerstandes, Reinhard Forst, nach Dannenrod gekommen. Zusammen mit seiner Tochter Angelika stellte der fast 80-Jährige seine Alternativroute zur A 49 vor (die OP berichtete ausführlich am Samstag). „Mit dieser Route würde es viel mehr Entlastung geben“, betonte Angelika Forst noch einmal.

Nach OP-Informationen soll es heute mit den Rodungen im Herrenwald weitergehen, nachdem in der vergangenen Woche in Maulbach gerodet wurde. Aktivisten kündigten gestern an, im Herrenwald wieder Baumhäuser und Strukturen errichtet zu haben und die Fällarbeiten blockieren zu wollen.

Von Nadine Weigel