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Ostkreis Ein lauter Ruf nach der Verkehrswende
Landkreis Ostkreis Ein lauter Ruf nach der Verkehrswende
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20:59 28.09.2020
Prominente Unterstützung für die Waldbesetzer in Dannenrod: Carola Rackete ist in den Dannenröder Forst gezogen. Quelle: Thorsten Richter
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Dannenrod

„Ich bin Naturschutzökologin“, erklärt die 32-Jährige ihren Aufenthalt im Forst und bezeichnet den A49-Weiterbau und die geplante Abholzung eines Teilstücks des Mischwaldes als „Projekt mit Symbolwert für das Verkehrswesen in Deutschland“, das es zu verhindern gelte.

Autobahnen seien ein „Verkehrskonzept des letzten Jahrhunderts“. Es sei Zeit für die Verkehrswende, sprich: eine Verlagerung des Verkehrs auf die Schiene. Und in Städten solle mehr aufs Fahrrad gesetzt werden.

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„Während der Klimakrise alte Wälder zu roden ist Unsinn. Was wir brauchen, ist ein echtes Konzept für die Verkehrswende, keine Infrastrukturprojekte, die lebende Ökosysteme zerstören“, twitterte sie unmittelbar nach dem Gespräch mit dieser Zeitung.

Der Autobahnbau entspreche nicht den Zielen des Klimaschutzes, denen die Bundesregierung mit Unterzeichnung des Pariser Abkommens zugestimmt habe.

Geld lieber in andere Mobilitätsformen stecken

Dabei habe sie durchaus Verständnis für die Anwohner von Bundesstraßen, die sich durch den Verkehr belästigt fühlen, schließlich sei sie selber in solch einem Dorf aufgewachsen. Nichtsdestotrotz stelle eine Autobahn keine Alternative dar – auch wenn Kommunalpolitiker dies anders sähen und dringend den Weiterbau fordern, um die Ortschaften zu entlasten und die Wirtschaft zu fördern. Wenn die Bundesregierung es wirklich wollte, wäre es ihrer Meinung nach möglich, viel Verkehr auf die Schiene zu verlegen – und zwar recht schnell.

Sie glaubt nicht, dass – wie oftmals angeführt – dieser Wechsel Jahrzehnte in Anspruch nehmen müsse: Wo ein Wille ist, sei auch ein Weg, aber es fehle eben genau an diesem Willen. Und da E-Mobilität insbesondere bei Lastwagen keine echte Alternative darstelle, müsse der Verkehr eben auf die Schiene verlegt werden: „Man müsste das Geld, das für den Ausbau der Straßen vorgesehen ist, einfach in den Ausbau des Schienennetzes und in andere Mobilitätsformen stecken.“

Rackete fordert ein Umschreiben des Bundesverkehrswegeplans. Es sei notwendig, dass die Bundesregierung alle Bauprojekte noch einmal unter die Lupe nimmt und prüft, ob diese sich mit den im Pariser Abkommen festgehaltenen Klimaschutzzielen vereinbaren ließen. Sei das nicht der Fall, müssten die Projekte gestrichen werden. Die Möglichkeit bestehe durchaus, dass die Regierung den A49-Weiterbau noch abblase: „Es ist wichtig, so unsinnige Projekte zu stoppen.“ Die umgesetzten oder noch vorgesehenen Ausgleichsmaßnahmen für den Weiterbau der Straße seien einfach kein Ersatz für einen 300 Jahre alten Wald – auch nicht für ein Teilstück.

Carola Rackete möchte ein Zeichen setzen. Ein Zeichen, dass es bei vielen Menschen bereits zu einem Umdenken gekommen sei und sie Umwelt- und Klimaschutz als wichtiger als die Förderung der Wirtschaft und den Ausbau des Straßenverkehrs ansehen. Dass es im „breiten Bündnis, das sich für den Erhalt des Waldes einsetzt“, auch Mitstreiter gibt, die sich radikalisieren, betrachtet auch sie mit Besorgnis.

Gleichzeitig könne sie es durchaus irgendwie verstehen, schließlich halte sich die Bundesregierung auch nicht an die eigenen Verpflichtungen, siehe Pariser Abkommen. Aber, so hebt sie hervor, dies seien Einzelaktionen autonomer Bewegungen, die ein negatives Bild auf die Waldbesetzer werfen würden und auch im Forst ein Diskussionsthema seien. Teilweise komme es auch zu einem Umdenken: So hätten sich beispielsweise die Verfasser eines umstrittenen Graffito am Sonntag nach internen Diskussionen bereit erklärt, dieses wieder zu übermalen.

Heldin oder Kriminelle? Die Kapitänin Carola Rackete

Für die einen ist sie heldenhaft, aus Sicht der anderen ist sie eine Gesetzesbrecherin: Carola Rackete, die als Kapitänin der „Sea-Watch 3“ zahlreiche Migranten ohne Erlaubnis nach Italien gebracht hat. Die junge Frau mit dem großen Dutt aus Dreadlocks ist in Preetz bei Kiel geboren und in Hambühren in Niedersachsen aufgewachsen. Die 32-Jährige hat in Norddeutschland und England studiert. In Norddeutschland hat Rackete eine Ausbildung als Nautische Offizierin absolviert.

Bevor sie 2016 zu Sea-Watch ging, war sie unter anderem auf einem Forschungsschiff von Greenpeace unterwegs und für das Alfred-Wegener-Institut für Meeresforschung im Einsatz. Dort ging es um Polarforschung – Rackete kennt die Arktis. In ihrem Lebenslauf ist zu lesen, dass sie auch zur Zukunft des Naturschutzes in verschiedenen Regionen der Welt forscht.

Von Florian Lerchbacher