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Ostkreis Mitsamt Hängematte auf den Boden zurück
Landkreis Ostkreis Mitsamt Hängematte auf den Boden zurück
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19:18 07.01.2021
Polizeibeamte räumten gestern ein kleines Waldbesetzer-Camp im Herrenwald. 
Polizeibeamte räumten gestern ein kleines Waldbesetzer-Camp im Herrenwald.  Quelle: Foto: Michael Rinde
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Niederklein

Die Beamten kamen gestern gegen 8.30 Uhr in den südlichen Herrenwald. Mit dabei waren, wie bei den Räumungen im Dannenröder Forst, Hebebühne und Spezialeinsatzkräfte (SEK). Der Einsatz galt dem noch jungen „Camp Liv“ und der Traverse mit dem übergroßen Schriftzug „Danni lebt“. Als sie angekommen seien, hätten sich 14 Personen auf den sogenannten Poltern befunden, berichtet eine Polizeisprecherin vor Ort. Polter sind die aufgeschichteten Haufen aus Astwerk und Baumkronen, die noch entsorgt werden müssen. Das war mit Beginn der Besetzung für die Forstunternehmen nun nicht mehr möglich. Entstanden ist das Camp um den Jahreswechsel herum. Grund des Einsatzes sei der illegale Aufenthalt der Personen auf einer Baustelle, erklärte die Polizei. Bereits am Montag hatten Beamte einzelne Zelte beschlagnahmt und entfernt.

Eine Hundertschaft der hessischen Polizei war gestern im Einsatz. Den Waldbesetzern war es vor allem darum gegangen, zu zeigen, dass der Widerstand gegen die A 49 ihrerseits andauert (die OP berichtete). Bereits Anfang der Woche, bei einem Besuch der OP, hatten die Bewohner von „Camp Liv“ eine Räumung durch die Polizei erwartet.

Suche mitWärmebildkamera

Zu den besetzten Poltern kam noch eine Plattform in einem Baum, außerdem ein Bewohner einer Hängematte. Sie hing an der Traverse, die die beiden Enden der Trasse miteinander verband. Speziell geschulte Höhenretter der Polizei holten den A-49-Gegner mitsamt Traverse und Hängematte wieder auf den Boden herab. Drei der Campbewohner hätten sich am Morgen entschieden, die Polter freiwillig zu verlassen, alle übrigen wären geblieben, so die Polizei am Vormittag.

Die Bewohner des kleinen Camps waren sehr international. Unter ihnen war auch eine Gruppe spanischer Umweltaktivisten. Das machte die Kommunikation beim gestrigen Einsatz der Polizei nicht immer einfach, wie aus der Entfernung hörbar war.

Beamte räumten das Hab und Gut einschließlich Müll von den Holzstapeln. Es wurde anschließend von einer Firma entsorgt. Das verärgerte eine Sympathisantin der Bewohner, die das Geschehen aus einiger Entfernung sah. Sie habe einige Schlafsäcke besorgt, damit die Menschen nicht frieren müssten, und könnte nicht verstehen, dass die jetzt weggeworfen werden, sagte sie gegenüber der OP.

Wie auch bei den großen Räumungsaktionen in den zurückliegenden Monaten gab es Herausforderungen für die eingesetzten Beamten. Einige Campbewohner hatten sich innerhalb von Poltern versteckt. Einer befand sich in einem sogenannten Lock-on, hatte sich also am Boden festgekettet und einbetoniert. Er wurde von der Polizei befreit.

Vorsichtshalber suchte die Polizei die Holzhaufen mit Wärmebildkameras ab, um auszuschließen, dass sich darin weitere Menschen aufhielten. Ansonsten kam es im Laufe des Vormittags offenbar zu einer Attacke einer Person, die die Polizei von einer Plattform herunterholte. Wie ein Sprecher erklärte, habe die Frau gebissen und getreten. Sie wurde festgenommen. Insgesamt wurden 3 Ermittlungs- und 21 Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet.

Keine neuenFällungen

Gegen Mittag endete der Einsatz. Am Nachmittag musste die Bundesstraße 62 zwischen Lehrbach und Niederklein kurzfristig wegen einer Spontan-Demonstration mit etwa 20 Teilnehmern, so die Polizei, allerdings gesperrt werden.

Die A-49-Gegner hatten sich bewusst für den Herrenwald als Standort für ihr Camp entschieden angesichts des momentanen Sicherheitszaunes auf der Trasse im Dannenröder Forst. Ein weiterer Grund: Die Waldbesetzer erwarten, dass im Herrenwald noch weitere Bäume fallen. Die Rede sei von einem vier Meter breiten Streifen speziell für den Randstreifen der Autobahn, erklärte Campbewohnerin „Muffin“ Anfang der Woche. Dem widerspricht die Projektgesellschaft Deges auf Nachfrage der OP. Deges ist für die Bauvorbereitung bei der A 49 verantwortlich. „Auf der Trasse müssen planmäßig keine weiteren Flächen gefällt werden“, erklärt Deges-Sprecher Michael Zarth. Fällungen einzelner Bäume kann Deges dabei nicht ausschließen. Dabei geht es um Bäume, die während der eigentlichen Rodungen aus unterschiedlichen Gründen stehengeblieben sind, etwa, weil ein Maschineneinsatz seinerzeit dort nicht möglich war.

Nach wie vor befinden sich auf der gesamten Trasse noch Baumstümpfe wie auch Wurzeln. Deren Entfernung wird später Sache der Baufirma, also des privaten Partners für den A-49-Weiterbau. Entgegen der Vermutung von Camp-Bewohnern, dass diese Arbeiten auch nur während der Fällsaison, also noch bis 28. Februar, erlaubt sind, ist das während des ganzen Jahres möglich, wie Deges-Sprecher Zarth erklärt.

Von Michael Rinde