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Ostkreis Bundeswehr ist „weitgehend ausgehöhlt“
Landkreis Ostkreis Bundeswehr ist „weitgehend ausgehöhlt“
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17:58 17.05.2022
Dr. Klaus Wittmann, Brigadegeneral a.D. und Publizist, äußert sich zur Zukunft der Bundeswehr.
Dr. Klaus Wittmann, Brigadegeneral a.D. und Publizist, äußert sich zur Zukunft der Bundeswehr. Quelle: Florian Lerchbacher
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Neustadt

Der Brigadegeneral a. D. Dr. Klaus Wittmann führte die Panzerbrigade 14 „Hessischer Löwe“ fast vier Jahre lang. Er ist zugleich Historiker und Publizist. Im OP-Interview äußert er sich zur Zukunft der Bundeswehr und der deutschen Ukraine-Politik.

Wie gut ist Deutschland militärisch gegen einen Aggressor wie Russland derzeit geschützt?

Klaus Wittmann: Wir sind in der Lage, unseren Nato-Verpflichtungen nachzukommen. Aber ansonsten stimme ich dem Offenbarungseid zu, den der Inspekteur des Heeres zu Beginn des Ukraine-Krieges geleistet hat, dass wir im Moment „ziemlich blank“ sind.

Überrascht Sie diese Entwicklung?

Nein, ich habe schon vor zwölf Jahren einen Beitrag im Rheinischen Merkur geschrieben mit der Überschrift „Sicherheitspolitik nach Kassenlage“. Die Bundeswehr wurde verkleinert, schwere Waffensysteme wurden systematisch abgebaut, ich habe mich bis zuletzt für die Wehrpflicht eingesetzt. Allein schon aus sicherheitspolitischen Hintergründen. Und nun ist die Bundeswehr mittlerweile weitgehend ausgehöhlt.

Inwiefern?

Es gibt im Heer mittlerweile keine vollausgestattete Brigade mehr, die ihre Aufträge aus sich alleine heraus erfüllen kann. Wenn es einen Auftrag gibt, dann muss das Material für diese Brigade überall zusammengeliehen werden. Die Brigade 37 wird demnächst Speerspitze der Nato-Eingreiftruppe, der ergeht es so mit ihrer Vollausstattung.

Dr. Klaus Wittmann, Brigadegeneral a.D. und Publizist, äußert sich zur Zukunft der Bundeswehr.  Quelle: Florian Lerchbacher

Wird denn nun alles gut nach der Ankündigung, die Bundeswehr finanziell besser auszustatten?

Abwarten. Es gibt seit 2018 die Planung für drei voll ausgestattete Kampfdivisionen bis 2032 („Fähigkeitsprofil“), das wäre nicht zu viel und nicht zu wenig für das Land in der Mitte Europas. 100 Milliarden Euro sind als Sondervermögen vorgesehen, hinzu kommt die Erhöhung des Wehretats auf 2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes entsprechend der eingegangenen Nato-Verpflichtung. Doch jetzt höre ich, dass diese Aussagen aus der „Zeitenwende“-Rede von Bundeskanzler Olaf Scholz schon wieder relativiert werden. So wird geäußert, die 100 Milliarden sollten dafür genommen werden, über die nächsten Jahre die 2-Prozent-Marke zu erreichen. Das wäre im Sinne der Bundeswehr fatal, denn so wird das Geld nicht reichen.

Wie sollte denn eine verteidigungsbereite Bundeswehr in Zukunft aussehen?

Neben den drei Kampfdivisionen fehlt es an modernen Kommunikationsmitteln, vielen aufgegebenen Fähigkeiten wie zum Beispiel Heeresflugabwehr, Munitionsvorräten, und die Nachfolge mehrerer Großsysteme ist dringlich. Und es kommt etwas anderes hinzu. Die Bevölkerung muss wieder ein Sicherheitsbewusstsein entwickeln. Es gehört außerdem vieles dazu, was wir einmal konnten oder hatten, denken Sie an den Zivilschutz. Vieles ist abgeschafft worden, nachdem wir nach der Wiedervereinigung „nur noch von Freunden umgeben“ waren. Wir haben nicht daran gedacht, dass die Solidarität unserer Verbündeten, die wir jahrzehntelang in Anspruch genommen haben, auch mal von uns verlangt werden wird. Im Baltikum ist es jetzt so weit. Die Nato als Ganzes war nie nur von Freunden umgeben. Und jetzt sind latente Sorgen virulent geworden.

Zur Person

Dr. Klaus Wittmann ist Brigadegeneral a. D. der Bundeswehr, Historiker und Publizist. Er war von 1992 bis 1996 Kommandeur der damaligen Panzerbrigade 14 (vormals 6) „Hessischer Löwe“ in Neustadt. Seine enge Bindung an die Junker-Hansen-Stadt besteht seit Jahrzehnten. Er ist auch Ehrenkommandant der Neustädter Bürgergarde, bei deren Gründung er dabei war. Der 75-jährige Wittmann hat einen Lehrauftrag am Historischen Institut der Universität Potsdam, wo er unter anderem Aspekte der osteuropäischen Geschichte beleuchtet. Darüber hinaus kommentiert er regelmäßig in zahlreichen Medien. Zurzeit engagiert er sich mit seinem Förderverein „Orgel Petri-Kirche Riga“ für die Rekonstruktion der historischen Orgel in der Petri-Kirche zu Riga, der alten Hansestadt und Hauptstadt Lettlands, wo er familiäre Wurzeln hat.

Die Wahrscheinlichkeit, dass deutsche Kampfverbände in Osteuropa kämpfen müssen, ist zurzeit höher als die Wahrscheinlichkeit, dass die Bundeswehr sich feindlichen Verbänden auf deutschem Boden entgegenstellen muss. Geben Sie dieser These recht?

Das eine könnte nach dem anderen geschehen. Wenn Putin in der Ukraine Erfolg hat und wenn meine These stimmt, dass er vor allem Angst vor dem demokratischen Virus hat, dann kann ich mir sehr gut vorstellen, dass er in Polen oder im Baltikum seine Aggression fortsetzt wird. Es ist eben nicht nur pathetisch, wenn man sagt, dass die Ukraine auch unsere Freiheit verteidigt.

„Zögerlich, spät und spärlich“

Tun wir denn momentan genug, um die Ukraine zu unterstützen?

Zum Glück ist der „Unterwerfungs-Blitzkrieg“ von Putins Armee misslungen. Ich beobachte seit der „Zeitenwende“-Rede des Kanzlers hinsichtlich der angekündigten Waffenlieferungen Verzögerungen, Vorbehalte, Ausreden und Kriegsangst aufgrund von Putins Drohungen. Ein vom Cäsarenwahn befallener Diktator versucht gerade, einen souveränen Nachbarstaat zu unterwerfen, zu zerstückeln und in seiner Identität zu zerstören. Das kann nicht zugelassen werden. Der ukrainische Botschafter hat nach Beginn der Invasion Gepard-Flugabwehrpanzer erbeten. Wäre man dem gefolgt, dann hätte die Ukraine sie inzwischen oder sehr bald. Gleiches gilt für die Panzerhaubitzen 2000, die jetzt zur Verfügung gestellt werden. Hätte man kurz nach der Scholz-Rede entschieden, dann wären diese äußerst wirksamen Systeme jetzt verfügbar. Als zögerlich, spät und spärlich werden unsere Waffenlieferungen wahrgenommen, während doch von uns Führung erwartet wird. Wenn der Krieg mal endet, mit welchem Ergebnis auch immer, dann werden wir uns fragen müssen, ob wir wirklich alles zur Beeinflussung seines Ausgangs getan haben.

Der Reservistenverband hält es für wichtig, dass die Bundeswehr nicht nur mehr Material braucht, sondern auch mehr Personal. Wie sehen Sie das?

Wir haben jetzt schon große Probleme, die Sollstärken unserer Verbände zu erreichen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Bundeswehr durchaus mehr Soldaten brauchen könnte, wenn dieses Personal denn zu gewinnen wäre. Daran habe ich aber meine Zweifel.

Klares Nein zum Aufleben der Wehrpflicht

Also sollten wir die Wehrpflicht wieder einführen?

Nein, das macht keinen Sinn. Das bräuchte einen Vorlauf von mindestens zwei Jahren, um die Voraussetzungen zu schaffen; auch die entsprechenden Einrichtungen für Einberufung, Unterbringung und Ausbildung fehlen. Ich bleibe dabei, das „Aussetzen“ bedeutete damals de facto die Abschaffung der Wehrpflicht. Eine allgemeine Dienstpflicht ist auch keine Lösung, aber alle Freiwilligendienste sollten gestärkt werden.

Sie kennen den Standort Stadtallendorf ebenfalls gut. Die Bundeswehr wird sich verändern, wird das Folgen für den heimischen Standort haben?

Ich habe selbst einige Bataillone auflösen müssen, und viele Standorte wurden geschlossen, weil die militärische Konzentration in Mitteleuropa, auf deutschem Boden, nicht mehr erforderlich war. Jetzt ändert sich die Lage vollständig. Wenn wir wieder drei volle Kampfdivisionen bekommen, dann werden wir auch mehr Standorte brauchen, zum Beispiel solche wie die Hessen-Kaserne. Aber Details kann ich nicht voraussagen. Frühere Standorte zu reaktivieren bietet sich immer an, wenn sie noch nicht völlig abgewickelt sind.

Von Michael Rinde

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