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Ostkreis Widerstand formiert sich
Landkreis Ostkreis Widerstand formiert sich
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14:44 25.06.2020
Auf das Atmen-Gelände sollen Kattas ziehen – die auch im Park der Görges in Straußberg leben.  Quelle: Privatfoto
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Amöneburg

Der Vergnügungspark mit Affengehegen und Rodelbahn spaltet die Menschen: Die einen finden das Projekt großartig die anderen unmöglich. Das zeichnete sich bereits nach der ersten Berichterstattung dieser Zeitung über die Pläne der Marburger Familie Görge für das Atmen-Gelände am Fuß des Berges ab. Inzwischen beziehen immer mehr Bürger der Kernstadt Stellung. Gleich mehrere Gruppen lehnen das Vorhaben aus verschiedenen Gründen ab - während die Görges dafür werben, das Gespräch mit ihnen zu suchen und sich aus erster Hand informieren zu lassen, außerdem haben sie ihre Pläne aufgrund der lautwerdenden Kritik bereits überarbeitet.

Einer der ersten Kritiker, der sogar ein Flugblatt herausgab, war Kesselgassen-Bewohner Johannes Theil. Seine Hauptsorge bezog sich auf die unmittelbar unter dem Atmen-Gelände liegende Lindau-Kapelle, an der laut ursprünglicher Idee der Verkehr der Besucher vorbeigeleitet werden sollte. „Das Ensemble von Kapelle und Waschbach ist ein einzigartiges Kulturgut“, betonte er und sorgte sich um die Ruhe und den Frieden, den Gläubige an und in dem 150 Jahre alten kleinen Gotteshaus finden. Die gute Nachricht für ihn: Die Görges haben ihre Pläne insofern verändert, dass die Parkplätze auf das Atmen-Gelände wandern sollen und kein Verkehr mehr direkt an der Kapelle vorbeiführt (außer auf der Hauptstraße). Dies sei Resultat aus Gesprächen unter anderem mit der SPD-Fraktion aber auch den Mitgliedern des Vereins 13Hundert, erklärt Tobias Görge, einer der Investoren. Das bedeute zwar auch auf dem Gelände einige Veränderungen, unter anderem an der Rodelbahn, aber es gelte schließlich auch, einen Konsens zu finden. Damit muss sich auch Landwirt Benedikt Zecher nicht mehr um das gepachtete Land sorgen, auf dem er Bio-Landwirtschaft betreibt – von dem Teile als Parkfläche angedacht worden waren. Im Gespräch mit der OP hatte er auch schon angekündigt, die Flächen nicht abgeben zu wollen.

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Zecher gehört den sogenannten „Amönebürgern“ an, die ebenfalls ein Flugblatt herausgegeben hatten. Die Gruppe um Angelika Forst kritisiert gleich mehrere Punkte. Vor allem, dass der geschätzte Besucherzuspruch von 50 000 bis 100 000 Menschen im Jahr kein „sanfter Tourismus“, sondern eher „Massentourismus“ sei. Zum einen sorgen sich die Kernstädter angesichts von teilweise nur 250 Metern Abstand zur Anlage (Luftlinie) um die Lautstärke, die von der Anlage ausgeht, zum anderen vor den Menschen, die in die Kernstadt strömen könnten: „Mir wird angst und bange, wenn ich mir vorstelle, dass auch nur ein Bruchteil hier hochkommt. Die Kernstadt wird an Wohn- und Lebensqualität verlieren – und das ist schlecht für Ort und Anwohner!“ Auch Gastronome hätten sich gegen das Vorhaben ausgesprochen – ihnen reiche die derzeitige Auslastung. Noch dazu passe ein Vergnügungspark nicht zu Amöneburg, das für „Natur, Kultur, Historie“ stehe. Zu Amöneburg würde eher ein Konzept mit Wildbienenschutz, Wander- und Fahrradtourismus, Baumpflanzmöglichkeiten und Ähnlichem passen. Forst und ihre Mitstreiter appellieren sogar an die Stadt, ihnen die Möglichkeit zu geben, ihre Ideen auf dem Atmen-Gelände umzusetzen, zum Beispiel eine Grillhütte, einen Fahrradweg, Schrebergärten oder einen BMX-Trail.

Rund 600 Zettel mit Informationen haben die Amönebürger in der Kernstadt verteilt. Mehr als 200 kamen zurück – und eigentlich alle, die antworteten, hätten sich gegen das Vorhaben ausgesprochen, berichtet Forst, die mit ihren Mitstreitern auch schon das Gespräch mit den Görges suchten und dies als „sehr fair und offen“ bezeichneten. Das bestätigt Tobias Görge, der allerdings das Flugblatt an sich als nicht ganz so fair bezeichnet: „Es punktet nicht mit Sachlichkeit und Informationen. Bis ich den gezeichneten Affen darauf als solchen erkannte, hatte es erstmal gedauert – ich dachte erst, es sei ein Monster.“ Aufgrund der Aufmachung sei es nicht verwunderlich, dass das Projekt auf Ablehnung stößt. Er appelliert daher an die Bürger, sich selber ein Bild von den Plänen zu machen und lädt dazu ein, am Samstag auf das Atmen-Gelände zu kommen und das Gespräch mit den Görges zu suchen (aufgrund der Corona-Pandemie müssen sich Bürger bei der Stadtverwaltung anmelden – ab 10 Uhr gibt es zu jeder vollen Stunde auf 20 Gäste begrenzte Termine, die ersten sind bereits ausgebucht). Um den Kernstädtern entgegenzukommen, haben die Görges die Siamangs aus ihrer Projektidee gestrichen: Die „singenden“ Affen seien von Bürgern als „Brüllaffen“ bezeichnet worden, was nicht passe – aber angesichts der Entfernung zur Besiedlung sei es in Ordnung, auf diese etwas lauteren Tiere zu verzichten.

Er könne sich auch vorstellen, aus Rücksicht auf die Bürger das Gelände nicht durch einen gesonderten Ausgang an die Kernstadt anzubinden. An einigen Stellen sei aber kein Entgegenkommen möglich, zum Beispiel bei Öffnungsterminen. Insgesamt sei seiner Familie aber sehr viel daran gelegen, das Projekt im Einklang mit den Bürgern umzusetzen: „Zu viele Gegner vor der Haustür – das macht keinen Sinn.“ Aus diesem Grund halte er neben einer Bürgerversammlung auch eine Bürgerbefragung zur Akzeptanz für sinnvoll.

Die Stellungnahme zu einem weiteren Kritikpunkt lässt Görge derweil den mit der zoologischen Betreuung des Projektes beauftragten Dr. Dieter Minnemann beantworten. Eine Gruppe um den Amöneburger Arzt Carlos Frieder Schwarzinger sorgt sich (ebenso wie die Tierschutzorganisation Peta) gerade vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie um Zoonose, also die Übertragung von Krankheiten von Tier auf Mensch (oder umgekehrt). Der Tier-Mensch-Kontakt müsse neu bewertet und überdacht werden. Die Bilder von Menschen, die mit Affen kuscheln, würden ihm die Schweißperlen auf die Stirn treiben. Er kenne nicht einen Fall, in dem Krankheiten von Menschenaffen auf Menschen übertragen wurden, entgegnet Minnemann, der seit mehr als 40 Jahren Tiergärtner ist. Noch dazu handele es sich bei Affen in Parks heutzutage nicht mehr um Wildtiere: Alle würden ausschließlich aus Tiergärten stammen – deshalb seien solche Projekte auch wichtig für den Artenschutz. Ähnlich klingt die Beantwortung einer OP-Anfrage an das Regierungspräsidium, (RP) das mitteilt: „Streng geschützte Affenarten dürfen gehalten werden, wenn eine entsprechende Herkunft aus einem legalen Bestand (Zucht oder Einfuhr) nachgewiesen wird. (...) Das Zoonose-Risiko ist bei vernünftiger Haltung überschaubar. Dies gilt für alle Tierarten, nicht nur für Affen. Das Hauptrisiko bei Affen liegt eher im Bereich der Sicherheit.“

In diesem Zusammenhang teilt das RP auch mit, dass es bisher keine Gespräche mit den Investoren gegeben habe. Ein Vergnügungspark mit Rodelbahn und Affengehege sei bisher nicht durch die erwirkte Zielabweichung vom Regionalplan gedeckt und wahrscheinlich seien eine Änderung der Abweichungsentscheidung und wohl auch des Bebauungsplanes erforderlich – so das Projekt denn wirklich umgesetzt werden soll.

von Florian Lerchbacher

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