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Ostkreis Brandstiftung bleibt ohne Folgen
Landkreis Ostkreis Brandstiftung bleibt ohne Folgen
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20:00 15.11.2021
Unter einer paranoiden Schizophrenie sowie einer akuten Psychose litt ein 35-Jähriger, als er im Februar in Neustadt einen Brand in seiner Wohnung auslöste. Der Fall wurde am Montag vor dem Landgericht verhandelt.
Unter einer paranoiden Schizophrenie sowie einer akuten Psychose litt ein 35-Jähriger, als er im Februar in Neustadt einen Brand in seiner Wohnung auslöste. Der Fall wurde am Montag vor dem Landgericht verhandelt. Quelle: Archivfoto
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Marburg

Ist der Beschuldigte in einer psychiatrischen Anstalt unterzubringen? Diese Frage beantwortete am Montag (15. November) die 12. Strafkammer des Landgerichts unter dem Vorsitz von Richterin Beate Mengel mit „Nein“. Dem 35-Jährigen warf Staatsanwalt Timo Ide vor, Mitte Februar dieses Jahres fahrlässig ein Gebäude in der Neustädter Goethestraße im Zustand der Schuldunfähigkeit in Brand gesetzt zu haben. Das soll gegen 19 Uhr geschehen sein, indem der Beschuldigte in seiner mit Zeitungen, Textilien und Unrat vollgemüllten Wohnung Brennstoff für einen Ölofen vergoss und anzündete. Den Schaden in der ausgebrannten Wohnung bezifferte der als Zeuge gehörte Hausbesitzer später auf rund 36 000 Euro.

Laut des mittlerweile in Kirchhain lebenden, schüchtern und verängstigt wirkenden 35-Jährigen kam er am Abend des 16. Februar nach Hause und wollte den Ölofen anmachen, um das Wohnzimmer zu heizen. Dabei geriet Öl in die Auffangpfanne und entzündete sich. Da er es nicht schaffte, das Feuer zu löschen, rannte er zu Nachbarn, damit diese die Feuerwehr alarmieren. Dieser Version stand die Rekonstruktion der Brandsachverständigen des Landeskriminalamts entgegen. Diese gingen den Brandspuren zufolge vom Entstehen des Feuers im Flur aus. Dort brannten Teppichboden und Wände ab, während es rund um den Ofen viel weniger Brandspuren gab.

Lieber, netter Mensch

Da der Beschuldigte aber seit der ersten Vernehmung seine Version vertrat und, wie Ide bemerkte, „man sich so eine Geschichte nicht ausdenkt“, hakten der Staatsanwalt, die Richter und auch Pflichtverteidiger Thomas Strecker nach. Doch der Sachverständige blieb bei seiner Version, bis der Beschuldigte bemerkte, dass neben dem Ölofen ein Vorhang hing, um den Flur vom Wohnzimmer zu trennen, da es dort keine Tür gab. Aufgrund dieser „neuen Information“ räumte der Sachverständige ein, dass sich das Feuer über den Vorhang auch vom Ofen aus in den Flur habe ausbreiten können.

Weitere Zeugen beschrieben den Beschuldigten als „ganz lieben, netten Menschen“, sagten aus, von der Drohung, „alles abzufackeln“, nie direkt, sondern nur gerüchteweise gehört zu haben, oder befanden, der 35-Jährige sehe jetzt viel besser aus als vor der Brandnacht. Dies und auch die ordentlich geführte neue Wohnung sowie die positive Einstellung und die Lebenspläne des Beschuldigten seien darauf zurückzuführen, dass dieser wieder regelmäßig Medikamente einnehme, erklärte seine gesetzlich bestellte Betreuerin.

Akute Psychose

Die Medikamente zum Behandeln einer paranoiden Schizophrenie setzte der 35-Jährige zwei Jahre vor der Tat ab, verwahrloste zunehmend. Laut einer psychiatrischen Gutachterin litt der Beschuldigte zur Tatzeit unter einer akuten Psychose, die Denk- und Konzentrationsstörungen zur Folge hatte und ihn in der Bedienung des Ofens „nicht sehr achtsam“ werden ließen. Bei Absetzen des Medikamentes könnte es jedoch wieder zu Brandstiftungen kommen, antwortete die Gutachterin auf eine Frage von Richterin Mengel.

Timo Ide folgte in seinem Plädoyer der Schilderung des 35-Jährigen und sprach von einer fahrlässigen Brandstiftung, die wegen der akuten Psychose im Zustand der Schuldunfähigkeit begangen wurde, weswegen der Beschuldigte nicht bestraft werden könne. Das Unterbringen in einer psychiatrischen Anstalt komme nicht in Betracht, da erhebliche Zweifel an einen symptomatischen Zusammenhang, also dem Hang zum Verüben solcher Taten, bestehen und erhebliche Rechtsbrüche nicht zu erwarten seien. Verteidiger Strecker schloss sich der Meinung des Staatsanwalts an.

Als Schlusswort erklärte der Beschuldigte, die Unannehmlichkeiten täten ihm unendlich leid. Anschließend lehnte das Gericht das Unterbringen in eine psychiatrische Anstalt ab. Die Kosten des Verfahrens trägt die Staatskasse.   

Von Gianfranco Fain

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