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Ostkreis Bloß keinen Ekel vor dem Egel
Landkreis Ostkreis Bloß keinen Ekel vor dem Egel
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08:00 04.08.2021
Blutegel können bei einer Vielzahl von Krankheiten zum Einsatz kommen.
Blutegel können bei einer Vielzahl von Krankheiten zum Einsatz kommen. Quelle: Rolf Vennenbernd
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Rauschenberg

Katja Wendel gibt zu: „Ich bin in meine kleinen Helfer fast ein bisschen verliebt. Auch, wenn sie nicht wirklich zum Kuscheln geeignet sind“, sagt sie lachend. Die 51-Jährige ist seit fast zwei Jahrzehnten Heilpraktikerin, hat eine Praxis in Rauschenberg und eine weitere in Felsberg. Und sie setzt auf die Blutegeltherapie – als traditionelles Heilmittel in der modernen Humanmedizin.

„Die Egel haben mich schon während meiner Ausbildung fasziniert“, sagt sie. An der Schule besuchte sie einen Kurs zu Ausleitungstherapien – also um den Körper beispielsweise zu entgiften, zu entlasten oder die Stoffe auszuleiten, die sich im Körper angesammelt haben. „Dabei können Blutegel sehr gut helfen und unterstützen.“ Doch sie setze die Tierchen „hauptsächlich zur Schmerztherapie ein, denn dabei haben sie sich bewährt. Egal, wo der Schmerz sitzt“, sagt Katja Wendel. Ob Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich oder bei einem Bandscheibenvorfall, Arthrose im Knie oder rheumatische Beschwerden, „der kleine Helfer ist absolut vielseitig einsetzbar“. Aber warum?

Nun, bei der Therapie werden die Blutegel den Patienten auf die Haut gesetzt, dort beißen sie sich mit ihren an den drei Kiefern befindlichen 80 Kalkzähnchen fest und fangen an zu saugen. Dabei geben sie ihren Speichel ab, dieser ist ein wahrer „Zaubersaft“. Denn er enthält einen ganzen Cocktail von Dutzenden verschiedenen Substanzen, die schmerzlindernd, entzündungshemmend, blutverdünnend und entstauend wirken.

Egel-Speichel ist ein ganz besonderer Saft

Und: Der Biss tut in der Regel auch nicht weh, denn im Speichel sind auch schmerzlindernde Stoffe enthalten. Der Egel kann übrigens bis zum Fünffachen seines eigenen Körpergewichts an Blut aufnehmen.

Damit das funktioniert und das Blut nicht gerinnt, ist in seinem Speichel auch der Stoff Hirudin enthalten – ein stark gerinnungshemmendes Protein. „Dadurch kann eine Wunde bis zu 24 Stunden nachbluten“, erläutert Katja Wendel.

Das heißt im Umkehrschluss: Menschen, die gerinnungshemmende Medikamente einnehmen oder Bluter sind, für die kommt die Egeltherapie nicht infrage. „Daher mache ich bei jedem Patienten auch zunächst eine ausführliche Anamnese“, so Wendel.

Wie können die Tiere denn etwa bei einer Verspannung im Nackenbereich helfen? „Durch den Einsatz werden die verspannten Muskeln besser durchblutet, der Lymphfluss wird angekurbelt – und die Selbstheilung des Körpers angeregt“, sagt die Heilpraktikerin. Denn der Organismus werde gezwungen, frisches Blut zu bilden, „das wird an den Ort des Geschehens herangeführt, der Muskel kann sich auch wieder entspannen“.

Katja Wendel Quelle: Andreas Schmidt

Die Heilpraktikerin sei mitunter immer noch selbst verblüfft, „wie schnell sich mit der Therapie mitunter Erfolge erzielen lassen. Einige Patienten berichten schon nach einer Behandlung, dass es ihnen besser geht“, sagt sie. Doch es gebe auch die anderen Fälle, bei denen die Behandlung „auch nach zwei Wochen noch nicht anschlägt“. Daher gilt: „Heilversprechen kann man nicht geben, weil jeder Mensch anders reagiert, das wäre unseriös.“

Was können die Egel denn besser als beispielsweise Physiotherapeuten? „Die Frage stellt sich nicht – vielmehr wäre das eine absolut gelungene Kombination, eine tolle Ergänzung“, sagt Katja Wendel. „Aber zuerst sollte der Blutegel dran, um den Muskel besser zu durchbluten und zu lockern. Wenn die Bisswunden verheilt sind und dann kommt die Physiotherapie, dann hat der Patient richtig gute Erfolge“, ist sie überzeugt.

Das gelte bei ganz vielen Gebieten – auch etwa der Orthopädie. „Ich hatte kürzlich einen Patienten mit Bandscheibenvorfall. Dem habe ich sechs Egel angesetzt und er hat nach zwei Tagen gesagt, dass 80 Prozent seiner Beschwerden weg seien“, erzählt sie. Auch zahlreiche Arthrose-Patienten habe sie, denen die Blutegel-Therapie eine Operation erspart habe.

Katja Wendel wünscht sich, dass die Menschen die Furcht vor der Behandlung verlieren. „Bloß keinen Ekel vor dem Egel", rät sie. „Bevor jemand mit dem Messer an sich herumschneiden lässt, sollte er den Tieren eine Chance geben“, findet Wendel.

Dass die Behandlung nicht von den gesetzlichen Krankenkassen anerkannt wird, sieht sie mittlerweile gelassener. „Bei Schulmedizinern bricht der Widerstand langsam auf, sie setzen die Tiere selbst ein“, weiß sie. „Ansonsten gilt: Wer heilt, hat Recht.“

Blutegel werden als Arzneimittel anerkannt

Schon in der Antike wurden Menschen mit Egeln behandelt, ebenso bei den Ägyptern zur Pharaonenzeit. Im 19. Jahrhundert geriet die Methode ähnlich wie der Aderlass in Verruf, wird aber seit einigen Jahrzehnten beim Menschen – und mittlerweile sogar auch beim Tier – wieder häufiger angewandt. Auch bei Katja Wendel: „Rund 70 Prozent meiner Behandlungen sind mittlerweile Blutegel-Therapien“, sagt sie. Blutegel sind mittlerweile als Arzneimittel anerkannt, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte in Bonn mitteilt.

Katja Wendel bezieht ihre „kleinen Helfer“ übrigens aus Biebertal – dort hat sich die „Biebertaler Blutegelzucht" auf die Helfer spezialisiert. „Generell kommen die Egel dort zunächst drei bis fünf Monate in Quarantäne“, weiß Wendel. Gefüttert werden die Tierchen während dieser Zeit nicht, „denn sie müssen ja hungrig sein und am Patienten schnell anbeißen, um ihr Tagwerk zu verrichten – und das heißt Blut trinken". Und zwar bis zu 50 Milliliter je Tier.

Sind die Tiere satt, fallen sie von selbst vom Körper ab oder lassen sich leicht abnehmen, weil sie sich dann nicht mehr festbeißen.

Nach einer Mahlzeit brauchen die Tiere übrigens für zwei Jahre keine Nahrung mehr. Noch einmal eingesetzt werden dürften sie am Patienten ohnehin nicht mehr. Dann werden sie entweder mittels Kälte betäubt und getötet oder kommen zurück nach Biebertal ins „Rentnerbecken“, wie Wendel sagt. Grundlage dafür: Der Patient muss den Transport bezahlen.

Und was kostet eine Behandlung? „Pro Egel neun Euro – und 60 Euro für die Behandlung“, sagt Wendel.

Von Andreas Schmidt

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