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Ostkreis Von Petrus und Paulus zu Putin
Landkreis Ostkreis Von Petrus und Paulus zu Putin
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14:47 30.06.2022
Bischof Dr. Michael Gerber predigte an der Forstkapelle vor rund 200 Gläubigen. 
Bischof Dr. Michael Gerber predigte an der Forstkapelle vor rund 200 Gläubigen.  Quelle: Florian Lerchbacher
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Neustadt

„Die großen Probleme der Welt können wir nicht alleine lösen – sei es beim Klima oder in der Politik“, sagte Fuldas Bischof Dr. Michael Gerber am Mittwochabend an der Forstkapelle im Wald zwischen Neustadt und Stadtallendorf während seiner Predigt vor rund 200 Gläubigen. Spontan hatte er im vergangenen Jahr während der Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Kirche in Momberg zugesagt, auch zum Jubiläum „750 Jahre Neustadt“ in die Junker-Hansen-Stadt zu kommen: „Dass unser Oberhirte zweimal innerhalb eines Jahres zu uns kommt, ist alles andere als selbstverständlich“, freute sich Bürgermeister Thomas Groll.

Unterschiedliche Perspektiven benötigt

Im Beisein unter anderem des ehemaligen Neustädter und Momberger Pfarrers Arnulf Hummel und seines Nachfolgers Andreas Rhiel widmete sich der Bischof zum Hochfest „Heiliger Petrus und Heiliger Paulus“ dem Wirken der beiden, „die am Anfang der Kirche standen“, und übertrug ihre Geschichte auf die heutige Zeit. Mehrstimmigkeit habe es also von Beginn an gegeben – und diese sei sowohl für die Kirche als auch die Gesellschaft wichtig.

Als Beispiel nannte er die Überlegung, aus den vier Evangelien eins zu machen. Davon halte er nichts, schließlich seien unterschiedliche Perspektiven nicht nur legitim, sondern ergänzten sich auch – und das werde gebraucht. Im Gegensatz dazu stünden Putin und die Machthaber in China, die „ihre eigene Wirklichkeit“ hätten. Viel eher entspreche das Miteinander dem Wesen der Christen – und nur so ließen sich Probleme lösen: Die Menschen seien nicht nur „ergänzungsbedürftig“, sondern eben auch „ergänzungsfähig“.

Dass dabei auch Unstimmigkeiten aufträten, liege in der Natur der Sache: Auch das Verhältnis von Petrus und Paulus sei nicht spannungsfrei gewesen. Es heiße zwar oft, die beiden Heiligen seien ein Herz und eine Seele gewesen: „Aber zwischen ihnen krachte es auch kräftig.“ Christ sein sei eben ein Prozess, ein lebenslanges Ringen. Und Rückschläge gehörten zum Leben: „Petrus und Paulus glaubten, sie seien starke Typen – aber beide hatten ihre Einbrüche.“

Musik von Trinitatisbläsern

Sie hätten ihre Grenzen erfahren, seien aber daran gewachsen: „Das braucht die Gesellschaft.“ Man müsse und dürfe auch zu seinen Schwächen stehen, betonte er und verurteilte Putins Handeln in der Ukraine, der versuche, das Faustrecht durchzusetzen.

Die sogenannte Forstkirmes untermalten die Trinitatisbläser musikalisch, zudem waren Fahnenabordnungen mehrerer Kolpingfamilien zugegen. Um die Bewirtung im Anschluss beziehungsweise das gemütliche Beisammensein kümmerten sich Neustadts Katholische Frauengemeinschaft und die Kolpingfamilie.

Die Forstkapelle

Die Stadt Neustadt feiert ihr 750-jähriges Bestehen, die Forstkapelle im Herrenwald ist 127 Jahre alt. Einweihung war am 29. Juni 1895 mit fast 4 000 Gläubigen. Die Pläne für das Gotteshaus stammen von Professor Karl Schäfer, dem Architekten der Marburger Universität. Die Bauzeit betrug ein Jahr – wobei der Neustädter Baumeister damals schlechte Arbeit leistete, mehrere Rüffel kassierte und letztendlich auch eine Strafe zahlen musste.

Doch schon viel früher waren Gläubige in den Wald gepilgert. Die „Wallfahrt nach Forst“ habe eine fast 400-jährige Tradition, heißt es in einer Chronik. Der Legende nach, weil während des Dreißigjährigen Krieges an dieser Stelle kaiserliche Truppen „zwölf rote Mönche“ umgebracht hatten. Die Idee, eine Kapelle im Forst zu errichten, kam von Kaplan Malkmus. Erst stand dort ein hölzerner Bildstock, der 1850 abbrannte, dann wurde eine Pieta (Darstellung der trauernden Maria, die den Leichnam Christi im Schoß hält) angefertigt, die heute in der Friedhofskapelle steht. Seit 1977 gibt es einen kleinen Turm für eine mobile Glocke.

Von Florian Lerchbacher