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Ostkreis Trockenheit setzt Störchen zu
Landkreis Ostkreis Trockenheit setzt Störchen zu
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10:00 26.07.2022
Ein Storch geht durch eine Wiese im Ohmrückhaltebecken bei Kleinseelheim.
Ein Storch geht durch eine Wiese im Ohmrückhaltebecken bei Kleinseelheim. Quelle: Thorsten Richter
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Kirchhain

Es ist immer ein besonderer Anblick, wenn die Thermik stimmt und sie über Kleinseelheim zum Beispiel ruhig kreisen, die Scharen von Störchen. Mittlerweile lässt sich Bilanz für das Storchenjahr 2022 ziehen. Aus Sicht von Nabu-Storchenbeauftragtem Winfried Kräling, der seit Jahren Statistiken führt, ergibt sich ein zweiseitiges Bild: Es gibt mehr bewohnte Horste, aber weniger Nachwuchs als 2021, dem „Rekordjahr für Weißstörche“ im Landkreis.

In Zahlen heißt das konkret: Es gibt aktuell 62 bewohnte Horste, 10 mehr als im Vorjahr, 91 Jungtiere wurden zuletzt gezählt. Das sind 27 Tiere weniger als 2021. Wie kommt es zu dem Rückgang beim Storchennachwuchs? Experte Kräling sieht die Trockenheit, die schon im Frühjahr einsetzte, als Hauptgrund. Dadurch sei es zu Nahrungsmangel gekommen. Alarmierend war dabei auch die Beobachtung von „Chronismus“. Erstmals haben Storchenbeobacher vermehrt festgestellt, dass Eltern die schwächsten Jungen wenige Tage nach der Geburt getötet haben, offenbar aus Nahrungsmangel. „So hatten wir dieses Phänomen noch nicht“, sagt Kräling.

Bei den Nachwuchszahlen will der Nabu-Storchenbeauftragte nicht ausschließen, dass es einige wenige Jungtiere geben könnte, die nicht zu beobachten waren. Denn es gab zehn Horste in Bäumen, fünf davon liegen sehr versteckt und waren nicht genau einsehbar. Dass es nun zehn Baumbrüter gibt, ist aus Sicht Krälings sehr erfreulich. Denn es gab einige Bemühungen darum, Jungtiere auf natürlichen Nistplätzen anzusiedeln, weg von Freiluftleitungen und Hochspannungsmasten.

Herausragendes Gebiet für die Störche bleibt dabei die Radenhäuser Lache. Allein dort stellten die etwa ein Dutzend ehrenamtlichen Storchenbeobachter in dieser Saison 39 bewohnte Horste fest. „Die Lache bleibt der Hotspot für Storche, diese Zahl ist auch landesweit ein Spitzenwert“, sagt Kräling. Allerdings gab es in diesem Jahr merklich weniger Beobachtungen von größeren Storchenansammlungen auf offener Fläche. Auch das führt Kräling auf die Trockenheit und Nahrungsmangel zurück. Der Weißstorch braucht Wiese für die Nahrungssuche, die bei uns nicht heimischen Schwarzstörche seien auf den Wald fixiert.

Ein Randaspekt: Eine Ausgleichsfläche für die A49, das Bekassinenloch bei Amöneburg, scheint auch für den Weißstorch attraktiv. Dort hat sich ein Pärchen bisher angesiedelt.

Krälings ganz persönliche Einschätzung zum Storchenjahr 2022: „Es ist das zweitbeste Jahr gewesen, aber es zeigt sich auch deutlich, dass Klimawandel und das Wetter entscheidend für die weitere Entwicklung sein werden“. Es habe sich dabei auch gezeigt, dass die Befürchtung von Überpopulationen bei den Störchen aus dem vergangenen Jahr unbegründet gewesen seien. Die Tiere regulierten ihre Population nach wie vor auf natürliche Weise selbst.

Horste in Strommasten

Storchennester in Strommasten bilden ein Problem (die OP berichtete). Seit langem kümmern sich Nabu, untere Naturschutzbehörde, Stadt Kirchhain und die Leitungsbetreiber darum, Tiere von Masten fernzuhalten. Doch Störche seien sehr standorttreu, unterstreicht Nabu-Storchenbeauftragter Winfried Kräling. Betroffene Mastenbetreiber sind etwa die Deutsche Bahn (mit Masten der Main-Weser-Bahn) und Tenet und Avacon. „Die Zusammenarbeit klappt sehr gut“, lobt Kräling gegenüber der OP.

Erfreulich ist, dass es mehr Baumbrüter gibt. Für sie wurden eigens im Vorfeld einzelne Bäume vorbereitet, zwei der präparierten natürlichen Quartiere wurden auch von Störchen angenommen. Hessenweit wurden in der Vergangenheit zehn Störche durch Stromschläge getötet, im vergangenen Jahr wurde ein Fall in Niederwetter bekannt. Hinzu kommen die Schäden an Leitungen. Kräling erkennt allerdings Fortschritte beim Schutz von Störchen und Anlagen. 

Zweite Brut

Die milden Winter haben eine direkte Auswirkung auf die Vogelwelt. Verschiedene Zugvögel kommen früher im Jahr wieder zurück und bleiben länger. Diese hinzugewonnene Zeit vor Ort sorgt tatsächlich auch für eine zweite Brut, sagt Professor Martin Kraft vom Marburger Insitut für Ornithologie und Ökologie (MIO). Er nennt den Mauersegel und den Kuckuck als Beispiele. Wobei sich der Kuckuck auch bei einer zweiten Brut treu bleibt und auch diese anderen Vögeln ins Nest legt.

Der Kuckuck muss keine Angst haben, mit einer Zweitbrut zu spät zu kommen, denn Vögel, die im Winter hierbleiben, wie Haus- und Feldsperling, Meisen und Kleiber, versuchen sich oft an einer zweiten Brut. Sollten sich die Winter in den nächsten Jahren weiter mehrheitlich als mild erweisen, geht Kraft davon aus, dass es mehr Zugvögel-Zweitbruten geben wird.

Von Michael Rinde