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Ostkreis Stehende Ovationen für Künstlerin
Landkreis Ostkreis Stehende Ovationen für Künstlerin
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00:18 12.05.2019
Kleine Gesten, leise Töne – und ganz viel Würde: Die 93-jährige Ehrenbürgerin Éva Pusztai-Fahidi trat an der Seite von Tänzerin Emese Chuorka auf.  Quelle: Tobias Hirsch
Stadtallendorf

Wer am Dienstagabend diese Performance auf der Bühne erlebt, dem brennt sie sich unauslöschlich ins Gedächtnis ein. Die Grazie, mit der die 93-jährige Éva Pusztai-Fahidi zusammen mit der jungen Tänzerin Emese Chuorka ihr Leben tanzt, ist hinreißend.

Und mehr als ergreifend die Würde, mit der die Auschwitz-Überlebende den Holocaust auf die Bühne bringt. „Strandflieder oder Die Euphorie des Seins“ lautet der Name des Tanztheaters, das schon mehr als 80-mal zu sehen war.
Als einzige ihrer ungarischen Großfamilie überlebte Éva Pusztai-Fahidi den Holocaust.

Seit 30 Jahren „hat sie ihre ganze Kraft und ihr Wirken in den Dienst der Erinnerung, gerade auch in unsere Stadt gestellt“, würdigt Bürgermeister Christian Somogyi sie in seiner Ansprache. Seit 2014 ist Éva Pusztai Ehrenbürgerin der Stadt Stadtallendorf.

Sie strahlt mit jeder Bewegung Würde und Haltung aus und zeigt eine tiefe Verbundenheit mit der jungen Tänzerin Emese Chuorka. Das Budapester Projekt „The Symptoms“ der ungarischen Regisseurin und Choreografin Réka Szabó und Dolmetscherin Golda Fischer verbindet das Leben der Holocaust-Überlebenden mit dem der jungen Tänzerin. Im Tanz findet ein tief bewegender Dialog zwischen den beiden statt.

In dem 100-minütigen Auftritt sind Freude, Trauer, tiefe Menschlichkeit aber auch Humor und Schmerz auf das Innigste miteinander verwoben und Kindheitserinnerungen, Geschichten und Berufswünsche werden eindringlich erzählt. Die Gruppe hat ihr Stück über Éva Pusztais Leben Strandflieder genannt.

Der ungarische Strandflieder ist eine Blume, die auf den Steppen um Debrecen wächst. In dem Tanzstück erzählt die Holocaust-Überlebende von der Pflanze als eine ihrer ersten Kindheitserinnerungen. „Wenn sie blüht, ist das ganze Feld wie in eine große lila Decke eingehüllt“, erinnert sie sich.

1. April 1945 ist 
der Tag der Befreiung

Ihre ersten Erinnerungen drehen sich darum, wie sie als Dreijährige vor einem dreiteiligen Spiegel zur Musik von Camille Saint-Saëns tanzte. „Meine Mutti lobt mich, wie geschickt ich bin“, sagt sie. Acht Jahre ist sie alt, als ihre Schwester Gilike geboren wird. „Acht Jahre lang habe ich auf sie gewartet, sie war mir sehr ähnlich“, erklärt sie.

Eingepfercht mit 80 Menschen in einen Viehwaggon wird sie mit ihrer Familie nach Auschwitz-Birkenau verschleppt. Ihre Schwester ist elf Jahre alt, als die Mutter Hand in Hand mit ihr in den Tod geht. Sie sieht das Gesicht der Mutter in dem Moment, als sie registriert, dass sie sterben wird.

„Ein solches Bild kann man sein Leben nicht loswerden“. Mit 1 000 weiteren Frauen kommt sie nach Allendorf. Im Außenlager des KZ-Buchenwald muss sie Tag und Nacht Granaten schleppen. „Wir waren ausgehungert, haben entsetzlich kurze Haare gehabt, das ist jetzt 74 Jahre her. Und das war hier, in Allendorf“, sagt sie leise.

Am 1. April 1945 wird sie von amerikanischen Truppen auf einem Todesmarsch bei Ziegenhain befreit. Sie ist inzwischen 93 Jahre alt, doch für sich selbst sei sie noch 16 Jahre alt, ein braves Mädchen, das zu ihrer Mutti will – doch die ist gestorben, mit Gilike in den Gastod gegangen.

„70 Jahre bin ich alt, als ich ihr verzeihen und sagen konnte, danke, dass du meine Mutter bist.“ Schon bei ihrer ersten Begegnung habe wie gewusst, dass es zwischen ihnen etwas Besonderes gebe, erzählt Tänzerin Emese Chuorka. Und das spürt an diesem Abend auch das Publikum.

Knapp 250 Besucher zollen am Ende der Vorstellung Éva Pusztai-Fahidi ihre Hochachtung, erheben sich von ihren Plätzen und spendeten minutenlang Applaus. Die überaus beeindruckende Darbietung präsentierte die Stadt Stadtallendorf gemeinsam mit dem Landkreis Marburg-Biedenkopf im Rahmen der 27. Stadtallendorfer Kunst- und Kulturtage.

von Karin Waldhüter