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Ostkreis Kleine Raupe, großer Aufwand
Landkreis Ostkreis Kleine Raupe, großer Aufwand
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18:44 26.06.2020
Baumpfleger Max Nabrotzki von der Firma Marbaum arbeitet in luftiger Höhe und befreit eine gut 300 Jahre alte Eiche neben der Georg-Büchner-Schule von Raupen und Nestern des Eichenprozessionsspinners. Quelle: Götz Schaub
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Stadtallendorf

Naturdenkmäler machen manchmal mehr Arbeit, als einem lieb sein kann. Aber sie verdienen natürlich eine besondere Aufmerksamkeit, weil sie eigentlich immer ortsbildprägend sind. So auch die Eichen, die gegenüber der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf stehen. Bei einer Routine-Überprüfung im Auftrag der Unteren Naturschutzbehörde wurden Mitarbeiter der Firma „Marbaum“ leider fündig: Der gefürchtete Eichenprozessionsspinner hat es sich „häuslich eingerichtet“. Ende vergangener Woche ging es deshalb in Schutzkleidung und unter Einhaltung aller Vorsichtsmaßnahmen „in“ den Baum. Max Nabrotzki hing am Seil, bewaffnet mit einem kleinen Flammenwerfer und Haarspray, mit dem er die Nester praktisch verkapselt, damit möglichst wenige Brennhaare aufgewirbelt werden und in die Umgebung gelangen.

Angeleitet wurde er zusätzlich von unten von Mitarbeiter Gregor Schmidt, der mit einem Fernglas die Äste anschaute beziehungsweise die üblichen Stellen absuchte, in denen die Nester in der Regel zu finden sind. An Nabrotzkis Gürtel hing ein Eimer, in die er die Nester und Raupen des ungeliebten Schmetterlings einsammelte. Der Eichenprozessionsspinner ist eben ein Schädling, der auch noch sehr unangenehme Eigenschaften besitzt. „Die Raupen fressen die Eichenblätter kahl, wobei sie das Gerippe des Blattes tatsächlich verschmähen“, sagt Michael Allgäuer von der Firma Marbaum. Zudem sind die Raupen mit Brennhaaren ausgestattet, die im Mai und Juni auch gefährlich für Menschen werden. „Gelangt so ein Härchen auf unbedeckte Haut, löst es heftige Reaktionen aus, die lange sichtbar bleiben können und für Juckreiz sorgen. So ein Brennhaar ist nicht leicht zu entfernen, weil es einen Widerhaken besitzt, in dem sich das Nesselgift befindet“, so Allgäuer.

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Wenn man ein solches Härchen einatmet, kommt es schnell zu Reizungen im Bereich der Mund- und Nasenschleimhaut, was zu Bronchitis und Asthma führen kann. Auch Bindehautentzündungen sind möglich. Die Menschen müssen gar nicht nah an die Raupen rankommen. Durch die Bewegung der Raupen brechen immer wieder Brennhaare ab und rieseln vom Baum in die Umgegend oder werden von leichten Winden weiter weg getragen. In Besiedelungen ist es dann nur eine Frage der Zeit, bis ein Mensch „getroffen“ wird.

Weil die Baumpfleger auch an einem weiteren Baum den Eichenprozessionsspinner feststellten, informierten sie zur Sicherheit auch die Schulleitung der Georg-Büchner-Schule, damit diese von der unsichtbaren Gefahr aus der Nachbarschaft wissen. Und die Gefahr bleibt auch bestehen, wenn aus den Raupen Nachtfalter geworden sind, denn die Härchen bleiben am Baum und in den Nestern zurück und behalten sogar über Jahre ihre Wirkung bei Hautkontakt. Wer jetzt glaubt, dass die Wahrscheinlichkeit doch sehr gering ist, mit einem Brennhaar in Berührung zu kommen, sollte wissen, dass eine einzige Altraupe bis zu 700.000 Stück davon besitzt.

Den Baumpflegern geht es auch darum, die Jahrhunderte alten Bäume vor Kahlfraß zu schützen. Also müssen die Einsätze im Baum sehr gewissenhaft ausgeführt werden. Jedes Nest weniger zählt. Allgäuer weiß aber auch zu erzählen, dass die Tierchen untereinander sehr sozial eingestellt sind und Geselligkeit mögen. So rücken sie des nachts in langen Reihen, die mehrere Meter lang sein können, zum gemeinsamen Fressen aus, was ihnen auch ihren Namen einbrachte. Es sieht eben am Stamm aus, als ob dort eine Prozession stattfinden würde.

Wer Nester des Eichenprozessionsspinners entdeckt, sollte sie umgehend melden, keinesfalls selbst entfernen, weil dazu entsprechende Schutzkleidung nötig ist. Ansprechpartner sind im öffentlichen Raum wie Besiedlungen das Gesundheitsamt oder auch das Gartenamt. Wenn sie im Wald entdeckt wurden, das entsprechende Forstamt. Abgesperrte Bäume sollte man großzügig umgehen, auch Hunde sollten von den Bäumen ferngehalten werden.

Von Götz Schaub

25.06.2020
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