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Ostkreis Arbeit und Abschied an einem Ort
Landkreis Ostkreis Arbeit und Abschied an einem Ort
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10:58 05.09.2021
Der Ende der 1980er-Jahre abgerissene Bahnhof in Anzefahr. Das Foto stammt von dem verstorbenen Hans-Heinrich Nau aus Betziesdorf und zeigt seinen Großvater Johannes Wege in Uniform.
Der Ende der 1980er-Jahre abgerissene Bahnhof in Anzefahr. Das Foto stammt von dem verstorbenen Hans-Heinrich Nau aus Betziesdorf und zeigt seinen Großvater Johannes Wege in Uniform. Quelle: Hans-Heinrich Nau
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Anzefahr

Der Zug fährt ein – so hieß es auch in Anzefahr gut 80 Jahre lang. Etwa seit dem Jahr 1900 war dort der einstige Bahnhof in Betrieb, der bis zu den 1980er-Jahren Anlaufpunkt für Bahnreisende war. Hier sehen wir Eindrücke vom früheren Bahnhofsgebäude kurz vor seinem Abriss. An die Anfänge und die Entwicklung der Main-Weser-Bahn erinnert Hans-Christoph Nahrgang, der uns diese Bilder zur Verfügung stellt und sich mit der Geschichte der Bahnstrecke befasst hat.

Überall nahm im 19. Jahrhundert die Bedeutung der Eisenbahn gegenüber Landstraßen und Wasserwegen immer weiter zu, Verbindungswege per Gleis schossen allerorts aus dem Boden, wie die Main-Weser-Bahn als Verbindung zwischen Kassel und dem Rhein-Main-Raum.

Planung der Strecke

Bei der Planung der Strecke ging anfangs allerdings nicht alles ganz glatt, Streitigkeiten über den Bau und die Streckenführung verzögerten den Bau. Erst im Jahr 1841 fiel die Entscheidung für den Ausbau der Strecke Marburg-Gießen, die dann 1845 in dem Staatsvertrag zwischen Kurhessen, dem Großherzogtum und der Stadt Frankfurt festgeschrieben wurde.

Mit dem Teilstück von Kassel über Marburg und Gießen nach Frankfurt wurde erst im Jahre 1849 begonnen. Die Bahn war im Frühjahr 1850 bis Marburg und am 15. Mai 1852 dann bis Frankfurt fertiggestellt.

Der Ende der 1980er-Jahre abgerissene Bahnhof in Anzefahr. Das Foto stammt von dem verstorbenen Hans-Heinrich Nau aus Betziesdorf und zeigt seinen Großvater Johannes Wege in Uniform. Quelle: Hans-Heinrich Nau

Der Bahnbau sorgte auch für Arbeitsplätze, die neue Berufsgruppe der Eisenbahner entstand und wuchs. Für viele Männer stellten die Bauarbeiten über Jahre eine gute Möglichkeit dar, eine Anstellung zu finden und so für ein Auskommen für die Familie zu sorgen.

Der Schrankenwärter

Hier ein Beispiel: Am 12. Juli 1847 ließ sich auch der Maurer Christian Sauerwald aus Oberrosphe von seinem Bürgermeister ein „Führungszeugnis“ ausstellen, das besagte: „…dass er sich zu jeder Zeit gut betragen hat und an Kurfürstlicher Bahn arbeiten will…“.

Jahrzehntelang hatten die Schrankenwärter die wichtige Aufgabe, die Bahnübergänge zu kontrollieren: Auch in Anzefahr befanden sich entlang der Main-Weser-Bahn mehrere beschrankte Bahnübergänge sowie Wohnhäuser, in denen die Schrankenwärter mit ihren Familien auch lebten.

Der Bahnhof Anzefahr wurde dann um 1900 in Betrieb genommen und bestand aus einem Dienstraum sowie einem Warteraum. Der Warteraum war mit Holzbänken und einem Ofen für kalte Arbeitstage ausgestattet.

Zwischen Freude und Abschiedsschmerz

Das alte Stellwerk des früheren Bahnhofs in Anzefahr. Quelle: Dr. Paul Koch

Das Bahnhofsgebäude wurde Ende der 1980er-Jahre abgerissen – durch technische Veränderungen konnte dort kein Bahnbediensteter mehr seinen Dienst versehen.

Bereits am 1. Juni 1978 wurde die Blockstelle Anzefahr stillgelegt, da die Bahn zuvor in Kirchhain ein neues Stellwerk errichtet hatte.Ein Bahnhof ist nicht nur Arbeitsplatz, sondern stets auch ein Ort der Ankunft und der Abfahrt – so war auch der Bahnhof Anzefahr bis zu seinem Abriss ein Ort für freudiges Wiedersehen, tragischen Unglücksfall oder auch schmerzhaften Abschied.

Über eine besonders traurige Abschiedsszene berichtet der Bonifatiusbote am 25. April 1915:

„Eine rührende Abschiedsszene

„Anzefahr. Eine rührende Abschiedsszene spielte sich dieser Tage auf der hiesigen Bahnhofs-Haltestelle ab. Der Einwohner K. … muss dem Rufe des Vaterlandes folgen. Zwei kleine Kinder… geben dem Vater das Geleit… Da fährt brausend ein Zug ein. …Erst jetzt erfasst der Trennungsschmerz die Herzen der Kleinen. Vater, Vater, schluchzen die unter Tränen, die wie Bächlein die Wangen herniederrollen. … Schnaubend setzt sich der Zug in Bewegung; die Kinder winken und weinen und wenden sich erst zum Gehen, als der Zug ihren Blicken entschwunden ist. … Daheim erwartet sie kein liebendes Herz, … denn … das Mütterlein ist schon früher verstorben.“

Auch diese traurigen Momente gehören wie die glücklichen zur Geschichte jedes Bahnhofs.

Von Ina Tannert