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Ostkreis Aus Erfurtshäuser Schandfleck wird ein Schmuckstück
Landkreis Ostkreis Aus Erfurtshäuser Schandfleck wird ein Schmuckstück
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10:00 02.09.2021
Stolz wirft Arnold Mengel einen Blick in den neuen Ofen des Backhauses. 
Stolz wirft Arnold Mengel einen Blick in den neuen Ofen des Backhauses.  Quelle: Florian Lerchbacher
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Erfurtshausen

Viele Jahre lang befand sich das Backhaus in bedauerlichem Zustand. Im Zuge der Dorferneuerung machten die Erfurtshäuser aus dem einstigen Schandfleck jedoch ein echtes Schmuckstück – dahinter steckt allerdings jede Menge Arbeit.

Insgesamt 16 Helfer setzten die Rahmen zusammen. Quelle: Privatfoto

Schon lange habe es im Ort den Wunsch gegeben, das alte Backhaus wieder auf Vordermann zu bringen, erinnert sich Arnold Mengel, der Erste Vorsitzende des Heimat- und Verschönerungsvereins, zurück. Es habe verschiedene Ideen gegeben, doch erst während der von 2010 bis 2019 laufenden Dorferneuerung seien die Pläne konkreter geworden. Eines Tages habe dann Dr. Annette Schick angeregt, das angrenzende Gebäude zu erwerben und abzureißen, um die Dorfmitte übersichtlicher und freundlicher zu gestalten. „Mein erster Gedanke war, dass sie verrückt ist. Aber je mehr ich drüber nachdachte, umso besser gefiel mir die Idee“, berichtet Mengel und betont, vom Kritiker zu einem der größten Fans des Projektes geworden zu sein. Bei einer Befragung der Bürger hätten sich dann auch noch rund 90 Prozent dafür ausgesprochen, das historische Gebäude zu erhalten und auf Vordermann zu bringen: „Entsprechend wurde klar, dass wir es angehen wollen.“

Die heimische Architektin Ivonne Linne entwickelte ein Konzept, der Heimat- und Verschönerungsverein erklärte Bereitschaft, die Trägerschaft zu übernehmen und auch Stadt und die zahlreichen Behörden spielten mit, betont Mengel. Und so machten sich die Erfurtshäuser im Jahr 2017 daran, das herausragendste Projekt ihrer Dorferneuerung mit jeder Menge Eigenleistung umzusetzen.

Klare Trennung zwischen Alt und Neu

Zu den Plänen gehörte nicht nur die Sanierung des Backhauses, dessen historische Fassade aus Backstein und Fachwerk erhalten werden sollte: „Eigentlich haben wir uns quasi drei Häusern gewidmet“, so Mengel: Es wurde schließlich auch noch das Nebengebäude abgerissen und stattdessen ein Neubau mit Backvorbereitungsraum errichtet, an dem auch noch eine kleine Lagerhalle steht, in der Vereine ihre Ausrüstung unterstellen können.

Die historische Fassade des Backhauses blieb erhalten. Quelle: Florian Lerchbacher

Wichtig sei gewesen, dass es eine klare Trennung zwischen Neu und Alt gebe – wobei trotzdem eine Verbindung existiert, denn über dem eigentlichen Backraum haben die Erfurtshäuser eine Tradition bewahrt und dort ein Gästezimmer eingerichtet, das gegen Spende genutzt werden kann. Früher hätten dort Handwerker auf der Walz genächtigt oder es seien Vagabunden untergebracht worden, erinnert sich Steffen Fuhrmann, der Zweite Vorsitzende des Heimat- und Verschönerungsvereins. Dies habe sich angeboten, weil das Backhaus tagtäglich genutzt wurde und es insofern immer schön warm gewesen sei. Der Unterschied zu früheren Zeiten: Einst wurden die Gäste zur Sicherheit in der Unterkunft eingeschlossen – heutzutage sollen Nutzer der Wohnung kommen und gehen können, wann sie wollen.

Mit der Entkernung ging es 2017 los

Doch zurück zu den Anfängen des Projektes: Im September 2017 begannen die Erfurtshäuser, das nebenstehende Gebäude zu entkernen, im November des Jahres erledigte eine Firma dann den eigentlichen Abriss. „Dann machten wir uns an den Neuaufbau“, sagt Mengel: Um Fundament und Bodenplatte kümmerten sich Firmen mit Unterstützung einiger Eigenleister, dann (im Dezember 2018) ging’s an den Holzrahmenbau. „16 Helfer schraubten die Teile bei Schmuddelwetter auf dem Platz vor dem Bürgerhaus zusammen. Dann fuhren wir sie mit Traktoren nach unten und stellten sie auf – und alles ohne Kran.“ An Weihnachten feierten die fleißigen Handwerker entsprechend ein kleines Richtfest.

So sieht das neue Nebengebäude des historischen Backhauses aus. Quelle: Florian Lerchbacher

2019 machten sie sich an die Außendämmung und den Innenausbau und kümmerten sich parallel ums Backhaus, aus dem sie zunächst den Ofen und mehr als zehn Container Schutt entfernt hatten. Dort standen die Verschönerung der Fassade und das Neueindecken des Dachs an. Glücklicherweise waren die Erfurtshäuser dann im Frühjahr 2020, als Corona die Republik beziehungsweise die Welt erwischte, mit dem Innenausbau fertig und mussten nur noch außen weiterarbeiten“, berichtet Mengel und erinnert sich mit Freude an die Gestaltung des Vorplatzes, zu dessen Attraktivität ein kleines Wasserspiel mit Sitzgelegenheit beitragen. „Nur einweihen konnten wir unser schönes neues Ensemble nicht“, bedauert er.

Steffen Fuhrmann steht im Schlafraum des schicken Gästezimmers. Quelle: Florian Lerchbacher

Im Gästezimmer habe es ein Probewohnen gegeben, nachdem nur noch kleinere Veränderungen beziehungsweise Ergänzungen notwendig geworden seien. Und auch den Backofen – in den 44 Laibe à 1,2 Kilo passen – unterzogen die Erfurtshäuser ein paar Tests: Jeder Ofen habe schließlich seine Eigenheiten und es gelte, sich erst einmal an die neue Anlage zu gewöhnen. Das sei unter Federführung von Manfred Linne aber gut gelungen. Die ersten zwei Brotfuhren boten Mengel und Fuhrmann ihren Mitbürgern über Whatsapp an. Es dauerte nur wenige Minuten, bis alles an den Mann oder an die Frau gebracht wurde, erklären sie. Ladung drei hätten sie dann an alle Über-80-Jährigen im Dorf verteilt. „Sehr lecker“ laute das einhellige Urteil.

So sieht der Vorbereitungsraum im neuen Gebäude aus. Quelle: Florian Lerchbacher

Rund 5 400 Stunden an Eigenleistung stecken im Backhaus-2.0-Projekt, in das sich um die 50 bis 60 Bürger einbrachten. Lediglich einmal im Jahr 2018 habe es eine „kleine Flaute“ beim Einsatzwillen der Helfer gegeben, sagt Mengel und lobt Fuhrmann, der viel Werbung für das Projekt gemacht habe. Außerdem fand als zusätzliche Motivation ein „Tag der offenen Baustelle“ statt, der aber nur wenig bewirkte. Nichtsdestotrotz sei das kurze Tief relativ schnell überwunden worden. Beeindruckend ist es jedenfalls allemal, was die Erfurtshäuser größtenteils in Eigenleistung innerhalb weniger Jahre neu geschaffen haben: „Man hat ja alles im Dorf, was man für so ein Projekt braucht“, gibt sich Mengel bescheiden.

Die Trägerschaft über die neue Anlage, in der es dank der Dorflinde auch W-LAN gibt und die auch ans Nahwärmenetz angeschlossen ist, übernimmt der Heimat- und Verschönerungsverein (allen voran Steffen Fuhrmann). Nutzen kann das Backhaus jeder Amöneburger gegen eine Aufwandsentschädigung.

Am Samstag steht die Einweihung des rund eine Viertelmillion Euro teuren Leuchtturmprojektes der Erfurtshäuser Dorferneuerung auf dem Programm – allerdings im kleinen Rahmen und nur mit geladenen Gästen. Der Öffentlichkeit präsentieren die Erfurtshäuser ihren neuen Stolz am Tag des offenen Denkmals, also dem 12. September.

Von Florian Lerchbacher