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Ostkreis Backhäuser bekommen eine eigene Lobby
Landkreis Ostkreis Backhäuser bekommen eine eigene Lobby
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12:58 21.03.2021
Manfred Linne bereitet im Backhaus Erfurtshausen Roggenbrote für das Backen vor. Linne ist pensionierter Bäckermeister.
Manfred Linne bereitet im Backhaus Erfurtshausen Roggenbrote für das Backen vor. Linne ist pensionierter Bäckermeister. Quelle: Michael Rinde
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Erfurtshausen

Vor Jahrzehnten schleppte die heute 90-jährige Rosa Linne das Mehl zum Brotbacken noch selbst aus der Mühle zum Backhaus in ihrem Heimatort Erfurtshausen. Säckeweise. Damals war das Schwerarbeit für sie, aber unbedingt nötig, um zu frischem Brot zu kommen.

„Das musste dann 14 Tage halten, egal, wie es am Ende ausgesehen und geschmeckt hat“, erinnert sie sich. Dank Backhaus gab es überhaupt frisches Brot für viele Menschen im Dorf.

Ein regionenübergreifendes „Backhausjahr“

Im Jahr 2021 ist das Backhaus in Erfurtshausen wie auch vielen anderen Orten im Marburger Land wie auch im Lahn-Dill-Bergland wieder eine Attraktion für das Leben im Dorf, wenn auch eine ganz anders geartete.

Deshalb gibt es jetzt ein regionenübergreifendes „Backhausjahr“, organisiert von der „Marburg Stadt und Land Tourismus GmbH“ und dem Naturpark Lahn-Dill-Bergland. Die Vorbereitungen dafür reichen weit vor den Beginn der Corona-Pandemie zurück. Doch die hat jetzt natürlich erheblichen Einfluss auf das besondere Jahr.

QR-Code lässt Backhäuser „sprechen“

Unverdrossen starteten die Tourismuspartner seit vergangenen Freitag (19. März) dennoch ihre geplanten Aktionen. Eine davon betrifft die Backhäuser unmittelbar. An jedem Backhaus in der Tourismusregion werden Plaketten mit der Aufschrift „Hessisches Backhaus“ angebracht. Auf den Plaketten findet sich ein QR-Code.

Wer ihn mit seinem Handy scannt, der bekommt dann ein ganzes Bündel an Informationen über eben dieses Backhaus. Etwa 120 Backhäuser haben die beiden Partner in ihren Regionen ausgemacht, 90 davon werden noch genutzt, 45 davon stehen im heimischen Raum. Und weitere 45 eben im Lahn-Dill-Bergland.

Backhäuser als touristische Stationen?

Es soll bei Weitem nicht bei den Plaketten bleiben. Klaus Hövel, Geschäftsführer der „Marburg Stadt und Land Tourismus GmbH“ hat Reiseerlebnisse im Sinn, Backhäuser als touristische Stationen auf Wander- und Rundwegen etwa. „Aber sie sind auch etwas für die Menschen direkt aus der Region“, sagt er.

Tourismusmanager Dr. Jörg Wegerhoff ist erst vor einigen Jahren aus Hamburg in diese Gegend gezogen. Er unterstreicht, dass Backhäuser und ihre Historie eben schon eine Besonderheit dieser Region sind und im restlichen Bundesgebiet wohl eher eine Ausnahme bilden. Ihn selbst hat der Backhaus-Virus auch gepackt, nachdem er sich mit diesem Projekt befasst hat. Er ist seit einem Jahr auch Mitglied im Backhausverein seines Ortes.

Zeit zum „Schwätzen“ für die Vereine

Es wird während dieses Backhausjahres „Schwätztermine“ geben, bei denen sich Backhausvereine austauschen können, ob sie real oder virtuell stattfinden, hängt von Corona ab. Außerdem soll es Plattformen geben, um Rezepte und Erfahrungen auszutauschen, am 12. September, am Tag des offenen Denkmals, sollen die Backhäuser und ihre Vereine eine weitere Bühne bekommen.

„Wir haben gemerkt, wie gerne sich die Backhausvereine vernetzen möchten“, sagt Hövel mit der Erfahrung von bereits drei Gesprächsrunden mit Vereinen.

Neun unterschiedliche Schwerpunkte

Insgesamt umfasst der Plan neun verschiedene Schwerpunkte. Den Partnern ist es gelungen, für die Finanzierung die Sparkasse Marburg-Biedenkopf mit ins Boot zu holen. „Wenn man sieht, wie Backhausgemeinschaften aufleben, dann weiß man, das ist etwas Gutes für die Region“, sagt Bezirksdirektor Helmut Schmidt zu den Gründen.

Während des Auftakttermins wurde im Vorbereitungsraum des Backhauses intensiv gearbeitet. Manfred Linne, der Sohn der 90-jährigen Rosa Linne, bereitete Roggenbrote für den Ofen vor. Linne ist Bäckermeister im Ruhestand. Er freut sich, dass er in dem komplett neugestalteten Backhaus arbeiten kann.

Arbeiten nach alten Rezepturen

Gearbeitet wird dort nach alten Rezepturen, der Teig wird über Tage hinweg angesäuert, Linne zeigt ein Glas mit fertigem Teig. Der wird für den nächsten Backgang zurückgestellt. Wie in alten Zeiten. „Wir haben von meiner Mutter viele Tipps bekommen“, sagt Manfred Linne.

Erfurtshausens Backhaus

Einen freut es natürlich ganz besonders, dass das Erfurtshäuser Backhaus für den Auftakt ausgewählt wurde, Amöneburgs Bürgermeister Michael Plettenberg. Er unterstreicht, wie viel Arbeit die Mitglieder des Heimat- und Verschönerungsvereins in das Projekt Backhaus gesteckt haben. „Das war ein zentrales Projekt der Dorferneuerung, weil es im Dorf immer noch eine große Rolle spielt“, sagt Plettenberg. Neben dem neuen Ofen ist auch dank Anbau ein Vorbereitungsraum zum Beispiel entstanden. Insgesamt 250 000 Euro wurden investiert. Das Backhaus hat eine Besonderheit, die in Sachen Tourismus natürlich Gewicht hat: Nach wie vor gibt es im Obergeschoss ein Gästezimmer für Wanderer und Durchreisende. Passend zu den Ideen für das Backhausjahr.

Von Michael Rinde