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Ostkreis Autorin aus Rüdigheim startet durch
Landkreis Ostkreis Autorin aus Rüdigheim startet durch
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15:06 14.02.2021
Die in Rüdigheim aufgewachsene Autorin Miriam Kraehe startet mit drei Pseudonymen bei drei Verlagen durch.
Die in Rüdigheim aufgewachsene Autorin Miriam Kraehe startet mit drei Pseudonymen bei drei Verlagen durch. Quelle: Franziska Kuttler
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Rüdigheim

Was haben Miriam Georg, Mina Gold und Lisa Kirsch gemeinsam? Sie alle sind Autorinnen. Miriam Georg schreibt für den Rowohlt-Verlag, Mina Gold für den Penguin-Verlag und Lisa Kirsch für den Fischer-Verlag. Schaut man auf ihre Biografien, so fällt auf: Sie alle wurden 1987 geboren, sie alle haben einen Abschluss in Europäischer Literatur, sie alle arbeiten als freiberufliche Korrekturleserin und Lektorin, sie alle betreiben außerdem ein Schmucklabel und sie alle leben mit ihrer Hündin Rosali und ihrer Büchersammlung im Berliner Stadtteil Neukölln. Bei Rowohlt erfährt man noch etwas mehr: Miriam Georg hat einen Masterabschluss mit dem Schwerpunkt Amerikanisch-Indianische Literatur und ihre kleine Hündin Rosali ist gehörlos.

Die merkwürdigen Parallelen in den Biografien sind kein Wunder: Miriam Georg, Mina Gold und Lisa Kirsch sind ein und dieselbe Person. Es sind Pseudonyme von Miriam Kraehe aus Rüdigheim. Miriam Kraehe ist seit kurzem 33 Jahre alt und machte 2007 an der Stiftsschule Amöneburg ihr Abitur. Alle Angaben aus ihrer Biografie stimmen: Sie war freie Korrekturleserin und Lektorin, doch dafür hat sie jetzt keine Zeit mehr. Auch ihr Schmucklabel betreibt sie nicht mehr. Sie schreibt ausschließlich und hat damit aktuell sehr viel Erfolg.

„Schreiben ist gerade mein einziger Job“

Zuletzt erschien im Dezember 2020 bei Rowohlt unter dem Pseudonym Miriam Georg der Roman „Elbleuchten“, der inzwischen auf Platz 17 der Spiegel-Bestsellerliste für Taschenbücher geklettert ist. Die hanseatische Familiensaga um Lily Karsten, Tochter einer der reichsten Reederfamilien Hamburgs, und Jo Bolten, der in den Slums des Altstädter Gängeviertels aufwuchs, ist auf zwei Bände angelegt. „Elbleuchten“ spielt Mitte des 19. Jahrhunderts und wird von Leserinnen und Lesern begeistert aufgenommen. Der Nachfolger „Elbsturm“ ist schon fertig und erscheint nach Verlagsangaben am 21. April.

Als Nina Gold hat sie beim Penguin-Verlag ihr Roman-Debüt „Nannys küssen besser“ (2017) und „Der Sommer der Inselblumen“ (2020) veröffentlicht. Am 8. März soll „Das Leuchten der Inselblumen“ erscheinen. Es sind romantische Liebesgeschichten. Und unter dem Namen Lisa Kirsch hat sie mit „Das Glück in vollen Zügen“ im August 2020 nach Ansicht der Fischer-Verlags „die romantischste Liebeskomödie des Sommers“ auf den Markt gebracht.

Wie schafft man das? „Das Schreiben ist gerade mein einziger Job. Ich kann mich voll darauf konzentrieren und schreibe momentan fast drei Bücher im Jahr“, sagte sie im Gespräch mit der OP. „Ich kenne viele Autorinnen und Autoren, die immer viel ändern. Ich mache das nicht, dafür habe ich einfach keine Zeit.“ Tatsächlich wollen die Verlage mehr von Miriam Georg, mehr von Mina Gold und mehr von Lisa Kirsch. Alle haben neue Projekte in Pipeline – bei Rowohlt plant sie mit dem Verlag und ihrer Agentin gerade einen Nachfolger für die Hamburger Familiensaga, der Fischer-Verlag will einen Nachfolger für „Das Glück in vollen Zügen“. Er soll 2022 erscheinen. Bei Penguin ist Band drei der Inselblumen-Reihe in Vorbereitung. „Die nächsten Jahre sind durchgeplant“, sagt die Autorin.

Sie schreibt Lovestories und liebt Horrorfilme

Miriam Kraehe hat wahrlich viel zu tun – doch es läuft für sie. „Elbsturm“ beispielsweise habe sie in sehr kurzer Zeit geschrieben. „Die Charaktere standen schon“, sagt sie. Der Rest, die Geschichte, floss dann nur so aus ihr heraus. „Ich bin immer mit den Gedanken bei dem Buch, das ich gerade schreibe. Bin Spazierengehen, einfach überall“, sagt sie und ergänzt: „Schreiben ist ein harter Job, fast wie Sport machen. Nach zwei Stunden höchster Konzentration bin ich oft richtig fertig. Aber es macht sehr viel Spaß, besonders wenn es so gut läuft wie jetzt.“ Schreibblockaden, der Alptraum vieler Autorinnen und Autoren, hatte sie bislang nicht – „eher kleine Schreibkrisen“, sagt sie. Aber selbst für diese kleinen Krisen hat sie angesichts des Tempos keine Zeit.

Liebesgeschichten spielen eine zentrale Rolle in ihren Romanen – dabei sei sie gar nicht so romantisch. „Ohne Liebe aber geht es nicht in dem Genre, in dem ich schreibe. Das muss sein. Aber ich greife auch andere Themen auf, etwa die Emanzipation und die Frauenfrage im 19. Jahrhundert wie in Elbleuchten.“

Doch Miriam Kraehe hat auch eine „dunkle“ Ader. Sie liebe Horrorfilme, sagt sie – und lacht herzlich. „Ich sehe im Grunde fast ausschließlich Horrorfilme. Es ist mein Lieblingsgenre.“ Ihr Favorit: „Der Exorzist“, ein für viele Menschen wahrlich gruseliger Streifen aus dem Jahr 1973. Den habe sie im Alter von 12 Jahren gesehen – „damit ging’s los“. Alpträume bekomme sie von Horrorfilmen nicht. „Ich schreie auch auf, darum geht es ja bei dem Genre. Es ist halt ein Nervenkitzel – so wie Achterbahn-Fahren“, sagt sie.

Welchen Film würde sie jemandem empfehlen, den sie überhaupt nicht leiden kann? „Tanz der Teufel“, sagt sie spontan. „Die moderne Version.“ Der hat auch sie, den bekennenden Horrorfan, so richtig erschreckt. „Ich hatte eine Gänsehaut im Nacken, konnte mich gar nicht mehr rühren.“ Für alle anderen heißt das wohl: Finger weg von diesem Film. Wegen dieser „dunklen“ Ader würde sie auch gerne mal etwas „Dunkleres“ schreiben – einen Krimi vielleicht. Ob und wann es dazu kommt, ist noch offen. Mit dem Gedanken aber spiele sie schon.

Miriam Kraehe ist behütet aufgewachsen in dem kleinen Dörfchen Rüdigheim. Sie hat zwei Schwestern und einen Bruder und ist, wie sie betont, ein absoluter Familienmensch. „Alle sechs Wochen versuche ich, nach Hause zu kommen“, sagt sie. Nach wie vor reise sie regelmäßig mit der ganzen Familie in den Urlaub auf Texel, ihre Lieblingsinsel. „In diesem Jahr wird das wohl nichts. Dann fahren wir eben im nächsten Jahr zweimal.“

Nach dem Abitur hat sie in Marburg und Münster studiert und danach eine Zeit in Rom gelebt. Als Lektorin und Korrekturleserin hatte sie „einen Job, den sie von überall aus ausüben könnte“. Rom sei die schönste Zeit in ihrem Leben gewesen, sagt Miriam Kraehe. Inzwischen lebt sie in Berlin, genauer: in Berlin-Neukölln. Und sie fühlt sich wohl in dem in vielen Medien so verrufenen Multi-Kulti-Stadtviertel. „Diesen Ruf hat das Viertel nur bei Menschen von außerhalb. Wenn man nicht in Gang-Geschichten gerät, ist das Viertel richtig toll.“

Von Uwe Badouin