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Ostkreis Auto-Rambo schuldunfähig
Landkreis Ostkreis Auto-Rambo schuldunfähig
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11:05 03.06.2020
(Symbolbild) Das Amtsgericht Marburg hat einen 35-Jährigen freigesprochen, der 2015 in Kirchhain gegen eine Gaststätte und anderes Auto gefahren war. Quelle: Thorsten Richter
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Kirchhain

Im März vor fünf Jahren rammte ein heute 35-Jähriger mit seinem Auto eine Gaststätte in Kirchhain, danach ein anderes Fahrzeug und machte sich dann aus dem Staub. Am Dienstag musste sich der in den Niederlanden lebende Mann, der sowohl die Staatsbürgerschaft unseres Nachbarlandes als auch die der Türkei hat, vor dem Amtsgericht in Marburg verantworten. Und was sich bereits beim ersten Termin vor einigen Monaten angedeutet hatte, bewahrheitete sich nun: Der Mann leidet unter Schizophrenie und daher lasse sich nicht ausschließen, dass er zum Tatzeitpunkt schuldunfähig war, wie Richter Dominik Best erläuterte.

Gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr in Tateinheit mit Sachbeschädigung, eine Trunkenheitsfahrt und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort – so lauteten die Anschuldigungen. Der 35-Jährige war 2015, wie Zeugen berichteten, von Gästen aus der Gaststätte geleitet worden, nachdem er Frauen belästigt hatte. Danach setzte er sich in sein Auto und rammte mit diesem die Gebäudewand. Anschließend legte er den Rückwärtsgang ein und fuhr einige Meter zurück, um Schwung zu holen und erneut gegen die Kneipe fahren zu können – allerdings hatte er übersehen, dass hinter ihm ein Fahrzeug parkte, das er rammte und stark beschädigte. Daraufhin stieg er aus, machte sich aus dem Staub, kehrte aber zum Tatort zurück und wurde von den Kneipengästen letztlich so lange festgehalten, bis die Polizei ihn festnahm. Der Täter selber gab an, sich nicht an die Geschehnisse zu erinnern.

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Am Tathergang bestand nach der Befragung zahlreicher Zeugen kein Zweifel mehr. Alle, die aussagten, beschrieben das Verhalten des Mannes als eigentümlich und aggressiv. „Er war sehr aufgewühlt, hat immer geschimpft und war auf irgendetwas wütend“, sagte ein 39-Jähriger, betonte aber gleichzeitig, den Angeklagten nicht verstanden zu haben, weil er in einer anderen Sprache sprach (wahrscheinlich türkisch). „Eine normale Unterhaltung war nicht möglich“, sagte ein 35-Jähriger. Eine 48-Jährige erklärte, der Mann habe gar nicht reagiert, wenn ihm Frauen gesagt hätten, er möge sie in Ruhe lassen. „Er hat irgendwas geschrien mit Terrorist und Pistole“, ergänzte ein 28-Jähriger.

„Er war völlig unkontrolliert“, resümierte der 58 Jahre alte, ehemalige Betreiber der Kneipe und berichtete, mit dem Angeklagten vor der Gaststätte gesprochen und versucht zu haben, ihn zu beruhigen – er konnte mit ihm kommunizieren, da beide Männer türkisch sprechen.

Wirt: „Habe dir verziehen“

Während der Unterhaltung habe der Mann gesagt, er müsse sich gar nicht abregen – es gelte viel eher, die anderen Gäste zu beruhigen. Am Ende seiner Aussage ärgerte sich der 58-Jährige noch, dass er aufgrund des fünf Jahre zurückliegenden Vorfalls im Jahr 2018 seine Kneipe habe aufgeben müssen – weil Kirchhain ein Dorf sei, dort eben getratscht werde und die Tat nachhaltig rufschädigend gewesen sei. Ein Punkt, den Richter Best nicht gelten lassen wollte.

Das Besondere: Der Angeklagte entschuldigte sich nach der Befragung des Gastwirtes bei diesem – und dieser richtete nach seiner Aussage ebenfalls persönliche Worte an den 35-Jährigen. Als alle Beteiligten schon das Schlimmste befürchteten, sagte er nur: „Ich bitte Dich, auf Dich aufzupassen. Ich habe Dir verziehen.“

Während der Verhandlung zeigte sich: Der Mann war damals in Kirchhain, weil er seiner Frau (mit der er zwei Kinder hat) nachgereist war. Diese hatte ihn nach einem aus seiner Erkrankung resultierenden Streit verlassen. Er hatte gerade seinen Job verloren und zur Tatzeit mindestens 1,3 Promille und außerdem Cannabis konsumiert. Seine Frau, mit der er inzwischen wieder zusammenlebt, berichtete, dass die ersten Krankheitssymptome im Jahr 2010 aufgetreten seien.

Ein Facharzt für Psychotherapie trat vor Gericht als Sachverständiger auf. Er analysierte, dass der Mann – der Stimmen hörte und sich verfolgt fühlte – unter Schizophrenie leidet, aber wahrscheinlich erst auf Depression behandelt wurde. Inzwischen nehme der Angeklagte jedoch die richtigen Medikamente und sei korrekt eingestellt: „Im Jahr 2015 wurde er offenkundig nur unzureichend oder gar nicht medikamentös behandelt.“

Auch Cannabis im Spiel

Und am Tattag habe der Cannabis-Konsum sicherlich auch noch zum schlechten Zustand des Mannes beigetragen: „Kiffen und Psychose beeinflussen einander negativ.“ In jedem Fall sei seine „aufgehobene Steuerungsfähigkeit nicht auszuschließen“. Die Staatsanwältin resümierte: „Ich könnte jetzt lange Ausführungen machen, dass sich der Sachverhalt bestätigt hat (...) Aber wir haben gehört, dass er nicht schuldfähig war. Insofern kann er für seine Taten nicht bestraft werden, daher fordere ich einen Freispruch.“ Anschließend regte sie noch an, dem Mann für Deutschland die Fahrerlaubnis zu entziehen. Der Anwalt des Angeklagten warf aber ein, dass die Sperre nur möglich sei, wenn sich der Täter durch die Tat als ungeeignet erwiesen habe, ein Fahrzeug zu führen. Das sei nicht gegeben. Dies bekräftigte auch Richter Best, nachdem er den Freispruch ausgesprochen hatte.

von Florian Lerchbacher

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