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Ostkreis Von Hebammen und Geburten
Landkreis Ostkreis Von Hebammen und Geburten
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17:00 30.10.2021
Viel zu diskutieren gab es während der Eröffnung der Ausstellung „Hebammen in Hessen – gestern und heute“.
Viel zu diskutieren gab es während der Eröffnung der Ausstellung „Hebammen in Hessen – gestern und heute“. Quelle: Privatfoto
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Stadtallendorf

Während Hausgeburten früher ganz selbstverständlich waren und Frauen nur im Notfall im Krankenhaus ihre Kinder zur Welt brachten, machen sie heute in Hessen nur noch ein bis zwei Prozent aller Geburten aus. Diese und viele weitere Informationen teilte Professorin Marita Metz-Becker mit den Besuchern der Ausstellung „Hebammen in Hessen – gestern und heute“, die in Teilen auf ihren Forschungen für das Buch „Drei Generationen Hebammenalltag – Wandel der Gebärkultur in Deutschland“ (Psychosozial-Verlag Gießen) basiert.

Die Kulturwissenschaftlerin referierte während der Ausstellungseröffnung am Montagabend über das Thema „Wandel der Gebärkultur in Deutschland am Beispiel des Hebammenberufs“. Dabei erinnerte sie daran, dass ab Ende der 1960er-Jahre nach einer Gesetzesänderung jede Frau im Krankenhaus ihr Kind gebären durfte – davor war dies nur möglich, wenn es sich um eine Risikogeburt handelte.

Auf seinen Körper hören

Doch schon in den 70er- und 80er-Jahren seien Frauen auf die Barrikaden gegangen und hätten eine Gegenbewegung ins Rollen gebracht. In Krankenhäusern seien die Geburten durch den Einsatz von Medikamenten „programmiert“ worden, sodass Frauen nicht mehr auf ihren Körper hören mussten, sondern es sozusagen einen Zeitplan einzuhalten gab.

Dazu passe, dass früher bei der Ausbildung von Hebammen für eine Geburt mindestens 24 Stunden veranschlagt worden seien – heute aber nur noch 12, so Metz-Becker, die ergänzte: „Was sich heute abspielt, ist auch skandalös: Beispielsweise an der Uniklinik in Gießen kommen über 50 Prozent der Kinder durch Kaiserschnitt zur Welt.“ Teilweise entstehe der Eindruck, Frauen hätten das Gebären verlernt.

In diesem Zusammenhang kam sie auf den Beruf der Hebamme zu sprechen: Hausgeburten dürften diese alleine machen – ein Arzt hingegen nicht. „Eigentlich haben sie also ein gutes Standing. Aber wenn sie in Kliniken bei Geburten im Einsatz sind, dann stehen die Ärzte über ihnen“, bemängelte die Professorin im Gespräch mit dieser Zeitung und kritisierte auch noch die hohen Versicherungssummen, die fällig würden, wenn Hebammen Hausgeburten begleiten: Mehr als 10 000 Euro müssten sie im Jahr zahlen – ein Großteil werde zwar zurückerstattet, aber in Vorleistung müssten sie immer gehen: „Und das bei einem geringen Stundenlohn.

Da ist es kein Wunder, dass viele die Freiberuflichkeit aufgeben.“ Und weil es immer weniger freiberuflich tätige Hebammen gebe und entsprechend Hausgeburten kaum noch begleitet werden könnten, werde so das gesetzlich festgehaltene Recht der Frauen untergraben, den Ort der Geburt frei zu wählen. Hinzu komme, dass immer mehr Kreißsäle in kleinen Krankenhäusern geschlossen werden und Frauen so verpflichtet würden, in die „großen Zentren der Maximalversorgung“ zu gehen: „Das ist ein Unding.“ Aber viele Gebärende hätten auch ihre grundsätzliche Einstellung verändert, würden sich sofort per Periduralanästhesie betäuben lassen – und so auch den körpereigenen Hormoncocktail nach der Geburt verpassen.

Diskussionsstoff für Besucher

„In großen Krankenhäusern muss es einfach schnell gehen“, monierte Metz-Becker, bedauerte, dass das Gebären in eher familiären, kleinen Krankenhäusern kaum noch möglich sei und Frauen vielerorts zwar über Monitore überwacht werden, aber letztendlich aus den Augen verloren gingen. Deswegen würden viele Hebammen wieder eine Eins-zu-Eins-Betreuung fordern – so wie früher bei Hausgeburten.

Entsprechend gab es viel Diskussionsstoff unter den Besuchern der Ausstellungseröffnung – der auch Josefine Huhn, die älteste Hebamme des Landkreises, beiwohnte. Darüber freute sich die Professorin besonders, da sie die über 90-Jährige auch für ihr Buch interviewt hatte – das die Hessische Landeszentrale für politische Bildung den Gästen kostenlos zur Verfügung stellte. Die Landeszentrale war in Kooperation mit dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge (Landesverband Hessen), der Kommunalen Frauenbeauftragten der Landeshauptstadt Wiesbaden und dem Dokumentationszentrum Stadtallendorf auch Veranstalter.

Die Ausstellung „Hebammen in Hessen – gestern und heute“ besteht aus 17 „Roll-ups“ und ist bis zum 26. November in den Kunstfenstern der Stadthalle zu sehen. Sie wird in Stadtallendorf erstmals präsentiert. „Das ist also eine Weltpremiere“, freut sich die Professorin. Danach wechselt die Ausstellung in die Landeshauptstadt – im Jahr 2023 kommt sie dann nach Marburg.

Von Florian Lerchbacher

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