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Ostkreis Tote Tiere und Musik
Landkreis Ostkreis Tote Tiere und Musik
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17:57 11.08.2020
Dr. Ulrich Hoerder spricht mit Gundel Neveling über seine Sand-Bilder. Quelle: Florian Lerchbacher
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Rauschenberg

„Ich genieße es, die Möglichkeit zu haben, Kunst zu betrachten“, betont Gundel Neveling und freut sich, dass Dr. Ulrich Hoerder und seine Frau Anne im alten Sägewerk einen Ausstellungsraum beziehungsweise ein offenes Atelier eingerichtet haben.

„Das ist auch toll für die Stadt“, ergänzt die Rauschenbergerin, die sich am Sonntag die Zeit nahm, die Ausstellung von fünf Fotografen unter die Lupe zu nehmen.

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Die Werke sind äußerst abwechslungsreich: Jürgen Schmidt-Lohmann präsentiert grafische Kunst und hat sich dafür den Begriff „Gratofafi“ schützen lassen.

Erhard Scherpf zeigt mumifizierte Tierkörper, Gunnar Lippki Bilder, die an Gemälde erinnern. Werner Eismann spielt auf seinen Fotos mit Farben, Formen und Licht – und in jeder ruhigen Minute vor seinen Bildern Bass. Er nehme zu Ausstellungen immer ein Instrument mit, um freie Minuten nutzen zu können und zu üben, üben, üben.

„Das ist ein Experiment“

„Ich will möglichst viel Musik und Kunst machen“, sagt der 63 Jahre alte Mardorfer, der nun auch mehr Zeit für seine Leidenschaften hat, da er – wie er über sich selber sagt – „Früh-Früh-Früh-Rentner“ ist. Und dann zeigt natürlich auch Gastgeber Ulrich Hoerder seine Fotografien, auf denen er sich (passend zur Adresse des alten Sägewerks „Im Sand“) dem Thema Sand gewidmet hat.

Er sei sich durchaus bewusst, dass nicht alle Besucher Zugang zu allen ausgestellten Fotos finden könnten, sagt Hoerder – und es wundert auch kaum, dass vor allem die Fotos Scherpfs tiefe Spuren bei den Gästen hinterlassen.

„Das ist eben keine Ausstellung von Tierfotografien oder Ähnlichem, sondern ein Experiment“, sagt der Rauschenberger. Schon während der Rauschenale hatte Scherpf sich mit der Haut und ihren Krankheiten einem eher ungewöhnlichen Motiv für Fotos genährt: „Sterben und Tod“, lautet sein Thema.

„Aber Kunst polarisiert eben“

Und mit den Tierkadavern schockiert er zunächst – doch bei genauerer Betrachtung findet sich auch in diesen Bildern trotz des traurigen Themas eine gewisse Schönheit im Feinen und Vergänglichen. Die Idee sei außergewöhnlich, kommentiert auch Ausstellungsbesucher Harry Hecker und ergänzt, dass die Kadaver viel plastischer als erwartet seien. Er könne verstehen, wenn nicht jeder Besucher begeistert sei: „Aber Kunst polarisiert eben.“

Das weiß er selber nur allzu gut, schließlich ist auch Hecker Künstler – und noch dazu einer, der ebenfalls bald im alten Sägewerk seine Holzskulpturen zeigen wird. Am Wochenende 15./16. August ist sowohl am Samstag als auch am Sonntag die Fotoausstellung zwischen 11 und 17 Uhr zu sehen. An den letzten beiden August-Wochenenden stellt dann wieder Anne Hoerder ihre Werke aus – ebenso wie neun weitere Künstler. Das Motto dann lautet „Künstlern bei ihrer Arbeit über die Schulter schauen“.

Ziel der Hoerders ist es schließlich, das alte Sägewerk als Ausstellungsraum in der Region zu etablieren. Anne Hoerder glaubt jedenfalls, dass die Chancen jetzt gut stehen: „Es ist doch viel leichter, die Menschen aufs Land in einen luftigen Ausstellungsraum mit hohen Decken und offenen Türen zu locken als in einen geschlossenen kleinen Raum in der Stadt.“

von Florian Lerchbacher

11.08.2020
10.08.2020