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Ostkreis Aussage gegen Aussage im Vergewaltigungsprozess
Landkreis Ostkreis Aussage gegen Aussage im Vergewaltigungsprozess
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07:58 27.08.2021
Vor dem Marburger Landgericht wurde gestern das Berufungsverfahren im Vergewaltigungs-Prozess gegen einen Mann aus der Schwalm fortgesetzt.
Vor dem Marburger Landgericht wurde gestern das Berufungsverfahren im Vergewaltigungs-Prozess gegen einen Mann aus der Schwalm fortgesetzt. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Am 10. November 2016 wurde in Deutschland „Nein heißt Nein“ als Grundsatz in das Sexualstrafrecht aufgenommen.

Vor diesem Hintergrund zeigt sich auch der Berufungsprozess gegen einen inzwischen 28-jährigen Mann aus der Schwalm, der gestern fortgesetzt wurde. Der Mann wurde im Februar vom Marburger Amtsgericht wegen Vergewaltigung, Nötigung und Beleidigung eines Polizisten zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt. Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung hatten Berufung eingelegt (die OP berichtete gestern).

Der Mann soll am 16. August 2020 in den frühen Morgenstunden eine damals 20-jährige Frau aus dem Ostkreis in deren Wohnung vergewaltigt und geschlagen haben. Einen Tag später zeigte ihn die Frau an. Fest steht: Die beiden hatten schon zuvor miteinander Sex. Er war damals wegen anderer Delikte mit Bewährung auf freiem Fuß. Ende August wurde er festgenommen, seither sitzt er in Untersuchungshaft.

Standen am ersten Prozesstag ausschließlich die Aussagen des Mannes und – unter Ausschluss der Öffentlichkeit – der Frau auf dem Programm, so wurden gestern zahlreiche Zeugen aus dem Umfeld des Mannes und der Frau sowie zwei Polizisten aus Schwalmstadt vernommen.

In dem Fall steht Aussage gegen Aussage. Der Mann spricht von einvernehmlichem hartem Sex, den die Frau gewollt habe. Sie habe ihn mit dem Versprechen, ihm bestimmte Praktiken zu erlauben, erst in die Wohnung gelockt. Die Frau sagt, er habe sie vergewaltigt, habe weitergemacht, obwohl sie Schmerzen hatte und ihn aufgefordert habe, aufzuhören. Unterstrichen wird ihre Aussage durch zahlreiche blaue Flecken, die sie im Klinikum auch fotografisch dokumentieren ließ. Ein Gutachter kam im ersten Prozess zu der Einschätzung, dass die Flecken durch Schläge, Stöße oder Bisse verursacht wurden.

Während Verteidiger Frank Richtberg versucht, die Glaubwürdigkeit der Nebenklägerin zu erschüttern, nimmt Nebenklägervertreterin Diana Cosic die Zeugen, die den Angeklagten stützen, streng ins Verhör. Es geht unter anderem um Chatprotokolle von dem Handy des Angeklagten, die die Polizei sichergestellt hat. Das Handy hätten aber auch andere regelmäßig benutzt, sagt der Angeklagte. Insbesondere ein enger Freund, der dies gestern bestätigte. Dessen Handys hatte die Polizei zuvor wegen eines Verfahrens gegen ihn sichergestellt.

Das Gericht unter Vorsitz von Dr. Sebastian Pfotenhauer versucht akribisch Licht in die undurchsichtigen, von Erinnerungslücken, gegenseitiger Abneigung und freundschaftlicher Zuwendung getrübten Aussagen zu bringen. Es geht um Sexualpraktiken, Eifersucht, wer mit wem befreundet ist, wer mit wem wie lange eine Beziehung hatte, wer wann was gesagt, getan oder erfahren hat. Und nach den Vernehmungen ist klar: Längst geht es nicht mehr nur um Aussage gegen Aussage, sondern um Aussagen gegen Aussagen. Vieles, aber nicht alles lässt sich aus den Chatprotokollen herleiten.

Der Prozess wird am 7. September fortgesetzt. Viele Prozessbeteiligte vermuten, dass dieser Tag nicht reichen wird.

Von Uwe Badouin