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Ostkreis Ein hoffnungsloser Fall
Landkreis Ostkreis Ein hoffnungsloser Fall
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14:57 29.03.2020
Themenfoto: Eine goldfarbene Justitia-Figur. Foto: dpa
Themenfoto: Eine goldfarbene Justitia-Figur. Quelle: dpa
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Neustadt

Eine eher ungewöhnliche Verhandlung gab es unmittelbar vor der Corona-Pandemie am Kirchhainer Amtsgericht zu erleben. Ein 32-jähriger ehemaliger Bewohner der Erstaufnahmeeinrichtung (EAE) für Flüchtlinge musste sich wegen Körperverletzung verantworten: Ende Juli 2018 soll er laut Anklage eine ebenfalls in der EAE lebende Frau unter anderem mit der Faust geschlagen und, als sie zu Boden ging, auch noch getreten haben. Grund sei gewesen, dass sie Lügen verbreitet und schlecht über den Mann geredet habe.

Schon der Beginn der Verhandlung war ein besonderer: Warum der Angeklagte gegen den Strafbefehl Einspruch eingelegt habe, wollte Richter Joachim Filmer wissen. „Weil ich nichts gemacht habe“, bekam er als Antwort und wies den Mann darauf hin, dass er – falls die Beweisaufnahme zeige, dass er schuldig sei – eine deutlich höhere Strafe als die von der Staatsanwaltschaft beantragten 60 Tagessätze à 15 Euro berappen müsse. „Okay, kein Problem“, ließ der ohne Rechtsanwalt erschienene Iraner über den Dolmetscher wissen.

Seine 35 Jahre alte Landsfrau berichtete, sie sei vor rund anderthalb Jahren mit dem Angeklagten und zwei weiteren Personen einkaufen gewesen. Als sie dann gemeinsam eine Pause machten, habe der 32-Jährige Kondome aus der Tasche geholt – die weitere Aussage war jedoch für Zuhörer eher schwer nachzuvollziehen. Ihrem Bericht zufolge muss die Frau wohl mit dem Mann in einen Streit geraten sein, weil sie ihm beim Lügen erwischt und er anschließend ihre Handtasche ausgeleert habe. Dann habe er so stark auf sie eingeprügelt, dass selbst die beiden anderen Personen zu Boden gegangen seien. Mit dabei sei auch eine Minderjährige gewesen, die erstmals in ihrem Leben Alkohol getrunken hatte – und der es „nicht so gut gegangen“ sei. Insgesamt vermittelte sie mit ihrer Aussage den Eindruck, dass sie nicht auf Avancen des Mannes eingegangen war, er die Zurückweisung nicht hinnehmen wollte und sie deswegen verprügelt habe.

Der Angeklagte schilderte derweil eine ganz andere Geschichte. Von einem gemeinsamen Einkaufsweg wollte er nichts wissen. Er erklärte, die 35-Jährige habe immer wieder „unsittliche Sachen gemacht“ – und am Tattag dann noch Alkohol gekauft und diesen zusammen mit erwähnter Minderjährigen konsumiert. Doch damit nicht genug: Um dafür Zeit zu haben, habe sie ihren Sohn vier oder fünf Stunden lang im Zimmer in der EAE eingesperrt. Als sich dann die Sicherheitskräfte meldeten, sei er beunruhigt gewesen: „Und sie hat mich beschimpft. Ich fragte: Was bist Du für eine Mutter? Und sie hat mich geohrfeigt.“

Vier oder fünf Gläschen Wodka

Auf Nachfrage des Richters berichtete er, damals „ein bisschen“ Alkohol intus gehabt zu haben: „So vier oder fünf Gläschen Wodka.“ Seine Aussage beendete er mit dem Hinweis, dass allein schon die Tatsache, dass die Frau im Raum sitze, für seine Unschuld spreche: „Wenn ich zuschlagen würde, würden Menschen zerbrechen.“ Worte, die bei Richter Filmer beinahe einen Brechreiz ausgelöst hätten.

Schienen der Angeklagte und die als Zeugin aufgetretene Frau schon unterschiedliche Tage geschildert zu haben, so wurde die Verwirrung perfekt, als ein gemeinsamer Freund der beiden als Zeuge auftrat. Er wiederum berichtete, sie und die Minderjährige hätten zu viert zusammengesessen und Alkohol getrunken – immerhin sagte auch er aus, dass dies außerhalb des EAE-Geländes stattgefunden habe. Dann sei eine Diskussion in einen Streit eskaliert: „Sie wollten handgreiflich werden, ich habe das verhindert.“ Wer was gesagt habe, wisse er nicht mehr. „Worum ging es?“, fragte Filmer. „Um Nichtigkeiten. Wegen eines kleinen Spaßes wurde die Sache ernst“, entgegnete der Zeuge und löste die Frage nach dem Warum aus. „Ich weiß nicht mehr, das ist lange her. Ich weiß nicht einmal mehr, was ich gestern gegessen habe“, resümierte der 34-Jährige und gab an, dass er die Auseinandersetzung nicht zugelassen habe und derjenige gewesen sei, der sämtliche Schläge von beiden Seiten kassierte.

Und dann wurde es endgültig kurios, denn der Zeuge fing an, zwischen dem 32-Jährigen und der 35-Jährigen zu vermitteln. Dabei vermittelte er deutlich den Eindruck, auf Seiten des Angeklagten zu stehen und das Verhalten der Frau nicht gutzuheißen. Letztendlich lenkte die Frau sogar ein: „Ich bin ein religiöser Mensch“, sagte sie und ergänzte: „Meine Religion rät zum Verzeihen. Daher ziehe ich die Anklage zurück.“

Sowohl Richter als auch Staatsanwältin nahmen dies hin. Letztere sagte noch, dass es angesichts der unterschiedlichen Aussagen schwierig geworden wäre, den tatsächlichen Hergang nachzuvollziehen. Am Ende wurde das Verfahren eingestellt.

Von Florian Lerchbacher