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Ostkreis Eine Erinnerung an das schwere Erbe
Landkreis Ostkreis Eine Erinnerung an das schwere Erbe
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07:58 27.01.2020
Eva Fahidi-Pusztai sprach im Jahr 2018 in der Gedenkstätte Münchmühle in Stadtallendorf. Damals mahnte sie eindringlich vor wachsendem Rechtsextremismus in Deutschland.  Quelle: Archivfoto
Stadtallendorf

Den Moment ihrer Ankunft im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau beschreibt Eva Fahidi-Pusztai in ihren Erinnerungen „Die Seele der Dinge“. Sie beschreibt genau den Moment, als sich entschied, wer noch weiterleben durfte und wer gleich zum Tode verurteilt wurde. „Selektion“ an der Rampe von Auschwitz, vorgenommen von KZ-Arzt Josef Mengele, wie Eva Fahidi-Pusztai später erfuhr. „Die größte Tragödie meines Lebens geschah so, dass ich sie nicht einmal bemerkte“, beschreibt die Überlebende der Shoa (der millionenfachen Ermordung von Juden durch die Nationalsozialisten) diesen Moment.

76 Jahre später spricht sie im Dialog mit der OP von der „Herabsetzung“ und dem Verlust ihrer Familie. Eva Fahidi-Pusztai verlor mehr als 40 Angehörige. Vor wenigen Tagen hielt mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier erstmals ein deutsches Staatsoberhaupt eine Rede in Yad Vashem, der israelischen Gedenkstätte an den Holocaust. Es war eine Rede, die international höchste Beachtung erfuhr. Er sprach unter anderem auch davon, dass Deutschland „beladen ist mit großer historischer Schuld“ und warnte eindringlich vor „bösen Geistern in neuem Gewand“.

Lob für Steinmeiers Rede

Eva Fahidi-Pusztai hat diese Rede gehört. „Der Herr Bundespräsident hat die Rede gehalten, die ihm die deutsche Geschichte auf den Lippen gab, er hat dazu die besten Worte in der besten Form gefunden, über die historische Verantwortung, die nicht in Vergessenheit geraten darf“, erklärt Eva Fahidi-Pusztai gegenüber der OP. Sie lobt die Rede Steinmeiers ausdrücklich – und wendet sich erneut gegen jede Form von Hass.

Die Stadtallendorfer Ehrenbürgerin verbrachte sechs Wochen im Vernichtungslager Auschwitz. Den Tag, als sie Auschwitz mit 1 000 anderen ungarischen Jüdinnen verlassen durfte, nennt sie ihren „zweiten Geburtstag“. Es war der 13. August 1944. Sechs Wochen lagen zwischen Ankunft an der Rampe des Vernichtungslagers und der Abreise. Ihr Weg führte ins damalige Allendorf, zur Zwangsarbeit im Werk der Dynamit Aktiengesellschaft (DAG).
Eva Fahidi-Pusztai berichtet von ihren zahllosen Schulbesuchen. Sie schreibt der OP, dass sie dort viel lieber schöne Volksmärchen vorlesen möchte. Stattdessen erzähle sie von all dem Schrecklichen, was sie erlebt habe. Von Auschwitz, von menschenunwürdiger Zwangsarbeit, Unterkunft im KZ-Außenlager Münchmühle.

"Schwere Erbschaft" für die Kinder

„Ihre Vorfahren haben diese Kinder, die mich anschauen, nicht gefragt, ob es richtig ist, was sie getan haben. Die Kinder können nichts dafür“, so die 94-Jährige. Sie spricht aber auch – analog zu Bundespräsident Steinmeier – von der „schweren Erbschaft“, die die gesamte Bundesrepublik durch die Shoa zu tragen habe. „Verzeihen ja, vergessen nie“, lautet ein Leitsatz der Ungarin, die Jahr für Jahr Deutschland und Stadtallendorf besucht und darüber spricht, was sie erlebt hat. Vor Schulklassen, vor Gruppen oder im Erwin-Piscator-Haus in Marburg bei einer öffentlichen Veranstaltung. Sie gehört auch zu den Überlebenden der deutschen Vernichtungslager, die dem Hass abschwören.

Jahrzehntelang hatte Eva Fahidi-Pusztai selbst geschwiegen, kein Wort Deutsch mehr gesprochen. Bis sie auf Einladung des Magistrats zur Begegnungswoche nach Stadtallendorf kam. Ein zentraler Moment in ihrem Leben, wie sie selbst immer wieder betont hat. Seitdem reist sie im hohen Alter weiter durch ganz Deutschland, um zu erinnern. Im vergangenen Mai trat die damals 93-Jährige als Akteurin mit einem Tanztheater in der Stadtallendorfer Stadthalle auf.

  • Heute Abend findet ab 18 Uhr eine Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz auf dem Aufbauplatz am Dokumentations- und Informationszentrum statt. Dazu laden unter anderem der Landkreis und die Städte Stadtallendorf und Marburg ein. Schüler verschiedener „Schulen ohne Rassismus“ werden das Programm mitgestalten.
  • Das 2012 erschienene Buch „Die Seele der Dinge“ ist eine erweiterte Ausgabe der Erinnerungen von Eva Fahidi-Pusztai und im Lukas-Verlag erschienen.

Zur Person

Eva Fahidi-Pusztai wurde in Debrecen in Ostungarn geboren. Sie ist mittlerweile 94 Jahre alt und lebt mit ihrem Lebensgefährten in Budapest. Sie ist seit 2014 Ehrenbürgerin der Stadt Stadtallendorf. Im vergangenen Oktober hatte sie sich zuletzt in der OP angesichts des Anschlags auf die Hallenser Synagoge gegen aufkommenden Antisemitismus in Deutschland gewandt und deutlich gewarnt. 

von Michael Rinde