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Ostkreis Aus der Box in der Luft auf den Boden
Landkreis Ostkreis Aus der Box in der Luft auf den Boden
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19:56 26.11.2020
Spezialkräfte nähern sich einer in der Luft hängenden Box, in der ein Waldbesetzer liegt.
Spezialkräfte nähern sich einer in der Luft hängenden Box, in der ein Waldbesetzer liegt. Quelle: Foto: Hirsch
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Dannenrod

Eines der größten Baumhaus-Camps im Dannenröder Wald steht seit gestern im Fokus der Räumarbeiten der Polizei. Es geht um 13 Baumhäuser und mehrere Konstruktionen aus Baumstämmen, in deren Mitte Waldbesetzer auf Plattformen sitzen. Einige davon hat die Polizei gestern geräumt. Nicht überall ging das ohne Widerstand ab: Einem Höhenretter eines Spezialeinsatzkommandos trat ein Baumhaus-Besetzer in zehn Metern Höhe gegen den Kopf. Das Geschehen wurde in einem Livestream im Netz verbreitet. Die Polizei hat ein Strafverfahren eingeleitet.

Die Räumungs- und Rodungsarbeiten für die A49 im Dannenröder Forst gingen auch am Donnerstag (26. November) weiter.  Das Baumhausdorf "Nirgendwo" im Süden des Waldes wurde geräumt. Hunderte Polizisten waren in Einsatz. 

Am Nachmittag eskalierte eine weitere Situation. Bei der Räumung einer Plattform, so die Polizei auf dem Nachrichtendienst Twitter, habe eine Person einen scharfkantigen Gegenstand, eine Art Enterhaken geschleudert. Die Polizei spricht von einem „lebensgefährlichen Angriff“. Nach eigener Darstellung drohte sie der Person mit dem Einsatz von Tasern, woraufhin die Person aufgab und festgenommen wurde.

Und wieder hatten sich A-49-Gegner Arme einbetoniert, zum Beispiel in einem Betonklotz in sechs Metern Höhe. Der so fixierte Mensch musste samt Betonblock zunächst zu Boden gebracht werden. In „Nirgendwo“ im nördlichen Bereich von Forst und Trasse gab es auch eine besondere Konstruktion in luftiger Höhe: In einer Box, gehalten von Seilen, lag ein Mensch. Waldbesetzer sollen diese Box „Suicide Box“ (also „Selbstmord-Box“) nennen. Der „Insasse“ jener Box wurde sicher auf den Boden zurückgebracht und von der Polizei zunächst in Gewahrsam genommen.

Asphaltiermaschine angezündet

Gestern wurde bekannt, dass in der Nacht zu Montag in Bad Hersfeld eine Asphaltmaschine in Flammen aufgegangen ist, offenbar Brandstiftung. Die Baumaschine gehört dem Unternehmen Strabag, dass am Weiterbau der A49 beteiligt ist. Zugleich tauchte auf der linksextremen Seite „de.indymedia.org“ eine Art Bekennerschreiben auf. Darin wird der direkte Bezug zum Weiterbau der Autobahn hergestellt. Ob dieses Bekennerschreiben authentisch ist, prüft die Polizei derzeit noch. In der Veröffentlichung finden sich auch weitere Drohungen, unter anderem die Ankündigung, auch nach Abschluss der Rodungen im Forst aktiv zu bleiben. „Wir können einen Zusammenhang mit der A49 derzeit nicht ausschließen“, so ein Sprecher der Polizei. Es wäre nicht der erste derartige Angriff aus Richtung von Linksextremisten. Das hessische Landesamt für Verfassungsschutz zählt zum Beispiel auch die misslungene Attacke mit Sprengvorrichtungen auf Baumaschinen bei Treysa dazu, wie aus der Antwort auf eine OP-Anfrage hervorgeht.

Jenseits von Camp „Nirgendwo“ gab es ebenfalls Polizeieinsätze im Zusammenhang mit dem Dannenröder Wald und der A49. So nahmen Polizisten am Morgen eine richterlich angeordnete Durchsuchung in der Nähe der Mahnwache Schmitthof bei Lehrbach vor. Der Besitzer der Flächen hatte mit der Durchsuchung nichts zu tun, wie die Ermittlungsbehörden gestern ausdrücklich betonten. Es gab offenbar Hinweise, dass dort in der Nähe der Mahnwache Material für Barrikaden und möglicherweise Pyrotechnik gelagert wurde. „Wir haben nichts gefunden, was als gefährlicher Gegenstand identifizierbar wäre“, sagt Thomas Hauburger, Sprecher der Staatsanwaltschaft Gießen, gegenüber der OP.

Ermittlungsverfahren eingeleitet

Im Zusammenhang mit den Fällarbeiten im Dannenröder Wald hatte es zwei schwere Unfälle gegeben, unter anderem am 15. November, als eine A-49-Gegnerin aus einer Baumstamm-Konstruktion, einem Tripod abstürzte. Sie erlitt Wirbelbrüche. Dort ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen eines Anfangsverdachtes gegen einen Polizeibeamten, der ein Seil in der Nähe durchschnitten hatte (die OP berichtete). Offen ist nach wie vor die Frage, ob der Polizist erkennen konnte, welche Funktion das Seil hatte. Weitere Zeugen müssten gehört werden, so Staatsanwalt Hauburger.

Mit Blick auf den jüngsten Unfall vom vergangenen Samstag hat die Staatsanwaltschaft Gießen ein Ermittlungsverfahren gegen eine Polizeibeamtin eingeleitet. Auch bei ihr geht es um einen Anfangsverdacht. Die Ermittlungsbehörden prüfen, ob sie ein Halteseil niedergetreten hat. Eine Plattform war in Schieflage geraten und eine Waldbesetzerin deshalb aus vier bis sechs Metern Höhe abgestürzt. Sie wurde schwer verletzt. In beiden Ermittlungsverfahren wird der Vorwurf einer fahrlässigen Körperverletzung im Amt geprüft. Von einem Anfangsverdacht sprechen Juristen, wenn Anhaltspunkte für eine Straftat vorliegen. Dann müssen Ermittlungen aufgenommen werden.

Von von Michael Rinde und Tobias Hirsch

Bürgertelefon auch an Wochenenden

Seit dem 17. November bietet die Polizei im Zusammenhang mit ihrem A-49-Einsatz ein Bürgertelefon an. Bisher ist die Polizei für Bürgerfragen täglich von 8 bis 16 Uhr unter der Rufnummer 0641/7006 / 54 45 oder per E-Mail an die Adresse A49-Buergerinfo@polizei.hessen.de

Dieses Angebot wird jetzt auch auf die nächsten beiden Wochenenden ausgeweitet. Am 28 und 29. und 5. und 6. November ist die Polizei jetzt ebenfalls erreichbar und zwar in der Zeit von 9 bis 15 Uhr. Interesse an dem Angebot ist augenscheinlich vorhanden. Durchschnittlich 15 Bürgeranfragen hat es seit der Einrichtung täglich gegeben. Im Gros beschäftige die Bürger die Verkehrsituation an der B62 und der L3343, aber auch größere Ansammlungen von Einsatzfahrzeugen zum Beispiel. „Daneben spielten Fragen zu den Arbeiten an Sonn- und Feiertagen und rund um das Thema Arbeitsschutz eine Rolle“, so ein Sprecher des A-49-Presseteams. Und: „Es meldeten sich auch Bürgerinnen und Bürger, die Lob und Dank gegenüber der Polizei aussprachen“, sagt Sprecher Guido Rehr.