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Ostkreis Aus 945 Patches wird ein großes Ganzes
Landkreis Ostkreis Aus 945 Patches wird ein großes Ganzes
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10:58 03.10.2020
Die Idee für das Tipi-Projekt stammt von der Remscheider Künstlerin Ute Lennartz-Lembeck. Quelle: Foto: Florian Lerchbacher
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Kirchhain

Die Stadt Kirchhain kann sich seit neuestem getrost in einem Atemzug mit New York (USA), Taipeh (Taiwan), Brüssel (Belgien), Nairobi (Kenia), aber auch Leichlingen und Beckum nennen. Der Grund ist ein buntes Gemeinschaftsprojekt der Bürger, das im Annapark steht und weit mehr als ein hübscher Blickfang ist. Vor allem ist es ein Zeichen des Zusammenhalts der Menschen – in diesem Fall während der Corona-Pandemie.

Die Idee dazu hatte Sabine Balzer von der Stadt Kirchhain, die auf die Remscheiderin Ute Lennartz-Lembeck gestoßen war. Die Künstlerin hat das Tipi-Projekt ins Leben gerufen, das bereits an zahlreichen Orten umgesetzt worden war – nun eben auch in der Ohmstadt. Sie animiert Menschen dazu, 20 mal 20 Zentimeter große Patches (die Größe kann natürlich variieren, muss aber einheitlich sein) zu stricken, häkeln oder weben, die dann Stück für Stück zusammengesetzt werden, bis sie ein großes Tipi ergeben. Sie habe das als ganz besonders passend zur Corona-Zeit gefunden, betont Balzer, schließlich könnten die Menschen jeder für sich zu Hause ein oder mehrere Patches gestalten und entsprechend die Grundlagen für das Gemeinschaftsprojekt schaffen. „Die Quadrate sind so, wie jeder Mensch gestrickt ist – aber gleichzeitig passen sie zusammen“, erklärt Lennartz-Lembeck und ergänzt, dass sie dadurch die Gesellschaft repräsentierten.

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Als Balzer die Kirchhainer dazu animierte, das Tipi-Projekt umzusetzen, dachte sie zunächst, dass es mindestens ein Jahr dauere, bis ausreichend Patches zusammengekommen sind. Doch letztendlich kamen innerhalb von zwei Monaten rund 1 500 Stoffquadrate zusammen. Tagtäglich habe sie stapelweise Patches aus dem Postfach der Stadt gefischt. Wie viele Menschen sich letztendlich insgesamt beteiligt hätten, könne sie gar nicht sagen, berichtet sie: Aber es seien eine Menge gewesen. Jüngste Künstlerin sei wahrscheinlich eine sechs Jahre alte Johanna gewesen, die ein Patch gewebt habe.

Beteiligt waren auch die rund 20 Frauen der Kirchhainer Kreativgruppe um Margot Landmesser, die sich eigentlich montags treffen – doch natürlich fielen auch ihre gemeinsamen Handarbeitsstunden der Corona-Pandemie zum Opfer. Aber so häkelten oder strickten die Frauen eben zu Hause, ehe eine Gruppe im Bürgerhaus zusammenkam, um dort insgesamt 945 Patches nach Farben zu sortieren und zusammenzufügen: Zunächst zu Reihen, die sie dann wiederum aneinanderhäkelten, bis sie letztendlich vor zwei großen Stoffstücken standen, aus denen sie unter Zuhilfenahme von einem Dutzend sechs Meter langer Bambusstangen das Tipi erstellten. Jüngste Helferin war Anouk Piwecki, die mit 14 Jahren unbedingt teilnehmen wollte, wie die Mitglieder der Kreativgruppe stolz berichteten.

„Das ist ein toller Blickfang, der den Annapark belebt“, lobte Bürgermeister Olaf Hausmann, dem es wichtig war, während der Einweihung des Tipis auf einen Regentanz zu verzichten. Er überreichte einigen Helferinnen für ihren Einsatz eine Rose – unter anderem auch seiner „großen“ Schwester Konstanze Neurath. „Sie hat bestimmt während des gemeinsamen Strickens alle bösen Geschichten von mir erzählt“, vermutete er lachend – bekam jedoch keine Antwort. Allerdings ließ sich das Projekt aufgrund der Corona-Pandemie auch nicht ganz so umsetzen, wie Künstlerin Lennart-Lembeck das einst im Sinn hatte, schließlich ist ein Ziel, dass sich Menschen während der gemeinsamen Handarbeit kennenlernen, sich austauschen und Freundschaften entstehen. Aber auch so hatten die Kirchhainer offenbar viel Freude an dem Projekt, das auch in dieser Form die Gemeinschaft beziehungsweise den Zusammenhalt repräsentiert.

Insgesamt gibt es auf der Welt bisher 46 solcher Tipis. Die Kirchhainer hätten übrigens fast noch ein zweites Stoffzelt der gleichen Größe basteln können, denn insgesamt kamen rund 1 500 Patches zusammen. Diese bleiben aber nun natürlich nicht liegen: Die Frauen der Kreativgruppe wollen auch diese zusammenfügen und daraus Decken gestalten, die sie Obdachlosen spenden werden.

Von Florian Lerchbacher