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Ostkreis Sachverständiger wertet Handys aus
Landkreis Ostkreis Sachverständiger wertet Handys aus
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20:11 25.01.2022
Vor dem Landgericht in Marburg muss sich ein 29 Jahre alter Mann aus Neustadt wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten.
Vor dem Landgericht in Marburg muss sich ein 29 Jahre alter Mann aus Neustadt wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Im Prozess um gefährliche Körperverletzung, in dem sich ein 29 Jahre alter Mann aus Neustadt verantworten muss, der einen Flüchtling aus der Erstaufnahmeeinrichtung brutal zusammengeschlagen hat und ihn dann schwer verletzt nahe dem Munitionslager in Neustadt liegen ließ, kam das Opfer gestern nicht zur Verhandlung. Der damals 19-Jährige war zu dem Tatzeitpunkt erst einige Monate in Deutschland. Aktuell ist er untergetaucht. Seit August vergangenen Jahres gibt es laut der Vorsitzenden Richterin Beate Mengel keine Erkenntnisse über seinen Aufenthaltsort. Deshalb verlas die Richterin die polizeiliche Aussage.

Das Opfer sei am Tattag mit dem ersten Zug von Marburg nach Neustadt gefahren, am Bahnhof ausgestiegen und sei von dem Fahrer eines schwarzen BMW angesprochen worden. Dieser Mann sei ausgestiegen und habe sofort auf ihn eingeschlagen – zwei weitere Männer seien hinzugekommen. Man habe ihn mit Holzstöcken geschlagen. Dass er Stunden später erst an einem anderen Ort gefunden worden ist, konnte er nicht erklären.

Dem Angeklagten wird vorgeworfen, am Morgen des 13. September 2020 den Tod des Opfers billigend in Kauf genommen zu haben. Es gibt belastendes Videomaterial, auf dem Ausschnitte der Tat zu sehen sind. Das Opfer liegt blutend auf dem Boden, während der Angeklagte ihm mehrmals gegen den Kopf tritt. In die Kamera gerichtet wiederholt der Angeklagte: „Ist das der Typ? Ist er das?“ Dabei fordert er das blutende Opfer auf, in die Kamera zu schauen. Ein Polizist sagte über die Verletzungen des Opfers aus: „Er war übel zugerichtet“ und dass das Opfer nicht ansprechbar war. Nach der Versorgung durch die Rettungssanitäter sei das Opfer in die Notaufnahme ins Krankenhaus eingeliefert worden.

Opfer wurde erst Stunden später gefunden

Das Opfer wurde gegen 14 Uhr – gut sechs Stunden später, als die eigentliche Tat per Video gefilmt wurde – nach einem Hinweis durch den Angeklagten gefunden. Zunächst wurde von einer Arbeitskollegin des Angeklagten eine blutverschmierte Jacke des Opfers in der Nähe des Munitionslagers gefunden. Der mutmaßliche Täter soll der Zeugin danach berichtet haben, dass in einem 1,3 Kilometer entfernten Waldweg beim Schäferhundeverein ein Verletzter liege. Dort fand sie dann zusammen mit einer Freundin das Opfer und verständigte die Rettungskräfte. Der Angeklagte hatte in einer Erklärung die Tat bereits einräumt. Er habe dem Geschädigten lediglich einen „Denkzettel“ verpassen wollen. Auslöser war die Annahme, dass das Opfer bereits am 27. August eine junge Frau belästigt haben soll. Eine heute 17-Jährige sagte als Zeugin aus, dass sie von einen dunkelhäutigen Mann auf englisch angesprochen worden sei. Kurze Zeit später habe ein Audi neben ihr gehalten und der Fahrer habe gefragt: „Soll ich die Sache regeln?“ Weitere Angaben zu dem Fahrer konnte sie nicht machen.

Da der Angeklagte die Videos der Tat per Whatsapp verschickt hat, beauftragte das Gericht einen Sachverständigen, der Chatverläufe und die Telefonverbindungen beschlagnahmter Handys analysierten sollte– darunter auch das der Arbeitskollegin, die das Opfer gefunden und den Rettungsdienst gerufen hatte. Auf den Bilddateien waren unter anderem Fotos eines schwarzen BMW, einer blutigen Hand vor einem Audi-Emblem am Lenkrad sowie ein Baseball-Schläger zu sehen – allerdings stehen die Bilder nicht in unmittelbaren Zusammenhang mit dem Tatzeitpunkt.

Prozess wird mit weiterem Gutachten fortgesetzt

Die Videos mit den Sequenzen, die die Tat zeigen, wurden am 13. September 2020 in der Zeit zwischen 8.07 und 8.23 Uhr verschickt. Kurz davor müssen sie aufgenommen worden sein, sagte der Sachverständige. Auf einer Datei sieht man den Angeklagten und das Opfer vor dem Bahnhof in Neustadt, wie sie sich umarmen. Zusammenfassend erklärte der Sachverständige, dass es eine auffällige Kommunikation zwischen den Nutzern der beschlagnahmten Handys gibt und auch Hinweise auf ein geplantes Treffen am Tattag.

Der Angeklagte ist kein unbeschriebenes Blatt. Seine Vorstrafen reichen von Hausfriedensbruch über gefährliche Körperverletzung bis hin zu gemeinschaftlicher Bedrohung und versuchter räuberischer Erpressung. Ein weiterer Zeuge ist zum gestrigen Verhandlungstermin nicht erschienen. Er soll zum heutigen Prozesstag polizeilich vorgeführt werden. Ein Urteil wird frühestens Anfang kommender Woche erwartet.

  • Der Prozess wird am Mittwoch (26. Januar) um 9 Uhr fortgesetzt.

Von Silke Pfeifer-Sternke