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Ostkreis Raketen im Wald
Landkreis Ostkreis Raketen im Wald
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20:39 12.11.2020
Pyrotechnik, Feuerwerk, Festnahmen: Auch an Tag drei der Arbeiten im Dannenröder Forst gab es massive Proteste. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
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Dannenrod

Ein Knall. Roter Rauch steigt auf. Feuerwerkskörper schießen in die Baumkronen. A 49-Gegner rennen durch den Qualm, Polizisten hinterher. Tag drei des Polizeieinsatzes im Dannenröder Forst: Gerade hatte die Polizei die prominente Umweltschützerin und Seawatch-Kapitänin Carola Rackete per Hubsteiger aus dem Baum geholt, da explodierten Rauchbomben und Feuerwerkskörper. Waldbesetzer versuchten, eine Polizeikette zu durchbrechen, um Baumaschinen zu besetzen. Es gab Festnahmen und Ermittlungsverfahren wegen Landfriedensbruch.

Begonnen hatte der Tag mit einem Brand. Ein Versorgungszelt der Waldbesetzer bei Dannenrod stand plötzlich in Flammen. Die A 49-Gegner mutmaßten Brandstiftung. Die Polizei konnte dies nicht bestätigen: „Es gibt keinerlei Hinweise für eine Brandstiftung“, betonte am Morgen ein Polizeisprecher im Gespräch mit der OP. Die genaue Brandursache werde noch ermittelt, es entstand ein Schaden von einigen Hundert Euro.

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Am anderen Ende des Dannenröder Forstes begann der Tag nicht weniger unruhig. Carola Rackete saß in einem Baumhaus. Die prominente Menschenrechtlerin und Umweltaktivistin wohnt seit Wochen im Dannenröder Forst (die OP berichtete). Sie wurde international bekannt, weil sie als Kapitänin des Flüchtling-Rettungsschiffs Seawatch 3 trotz Verbots der italienischen Behörden den Hafen von Lampedusa angelaufen hatte. Die studierte Naturschutzökologin nutzte ihre Prominenz für ihre Botschaft, die sie stellvertretend für alle Waldbesetzer formulierte. „Ich bin hier oben, weil seit 30 Jahren die CO2-Emissionen weiter steigen, weil all die internationalen Abkommen gebrochen werden. Wenn wir die 850 Kilometer Autobahn noch bauen, die Andi Scheuer in seinem Bundesverkehrswegeplan geplant hat, dann können wir keinesfalls die Biodiversitätsstrategie einhalten und auch nicht das Ziel von 1,5 Grad“, sagte Rackete im Gespräch mit der OP in Richtung des Bundesverkehrsministers, kurz bevor sie von Spezialkräften mit einem Hubsteiger aus dem in zehn Meter Höhe angebrachten Baumhaus geholt wurde. Die Vergangenheit habe gezeigt, dass es zivilen Ungehorsam brauche, damit sich etwas verändere, so die Umweltaktivistin.

In einer Pressemitteilung, die die Waldbesetzer verbreiteten, wurde Rackete ausführlicher. „Die Mehrheit befürwortet natürlich das Vorhaben, einen lebensfähigen Planeten zu erhalten, aber die Machtverhältnisse zu verändern, sodass unsere Lebensgrundlagen erhalten werden können, das wird wiederum als zu radikal angesehen. Klar ist, wir brauchen genau jetzt Menschen, die die System- und Machtfrage stellen, denn ganz offensichtlich regeln die Märkte seit Dekaden nichts. . “, heißt es darin unter anderem. Nach Feststellung der Personalien wurde Rackete wieder auf freien Fuß gesetzt. Gegen sie wurde von der Polizei ein Platzverweis ausgesprochen.

Kurz nachdem Rackete auf dem Boden angekommen war, zündeten A 49-Gegner die Rauchbomben und Feuerwerksraketen – und schossen laut Polizei damit auch in ihre Richtung. „Es sind auch Steine geflogen“, sagte Polizeisprecherin Sylvia Frech vor Ort. Sie bestätigte: „Die Stimmung wird aggressiver.“ Neben dem Zünden von Pyrotechnik gab es weitere Zwischenfälle. Ein Besetzer hatte einen Baum umarmt und sich dabei die Hände einbetoniert. Nachdem die Polizei ihn auf den Boden heruntergeholt habe, habe er nach den Beamten getreten.

Immer noch geht es aus Sicht der Polizei im nördlichen Teil des Dannenröder Waldes darum, die eigentlichen Baumfällarbeiten vorzubereiten. Dafür sind entlang der Wege, die im Moment im Fokus stehen, allerdings schon einige Bäume gefallen. Die Polizei betont auf Nachfrage der OP: Es gebe weiterhin keine Rodungsarbeiten auf der geplanten A 49-Trasse. Bäume fälle man derzeit nur, um an Baumhäuser oder Plattformen besser heranzukommen, so ein Polizeisprecher.

Im südlichen Teil des Dannenröder Forstes begannen hingegen am gestrigen Spätnachmittag die ersten Baumfällarbeiten für die A 49-Trasse, wie Deges-Sprecher Michael Zarth der OP mitteilte. Zunächst war dort nur eine Baumfällmaschine, ein Harvester im Einsatz. „Die Arbeiten sind derzeit nur kleinflächig“, sagt Zarth. Außerhalb des Waldes hat die Polizei eine Freifläche für ein Logistikzentrum eingezäunt. Dort sind Baumaschinen untergebracht, außerdem gibt es dort Möglichkeiten für Einsatzkräfte, sich zu versorgen und zur Toilette zu gehen.

„Fridays for Future“ hat für heute, Beginn um 12 Uhr, eine Demonstration gegen die Baumfällarbeiten im Dannenröder Wald angekündigt. Startpunkt ist an der Kreuzung Allendorfer Straße/Bundesstraße 62. Die genaue Route des Demonstrationszuges werde heute in Absprache mit der Versammlungsleitung und der Polizei festgelegt, teilte die Versammlungsbehörde mit. Das ist die Stadt Stadtallendorf.

Von Nadine Weigel und Michael Rinde

12.11.2020
12.11.2020