Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Auch am Totensonntag keine Ruhe im Wald
Landkreis Ostkreis Auch am Totensonntag keine Ruhe im Wald
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:34 22.11.2020
Polizisten und Demonstranten standen sich am Totensonntag im Dannenröder Wald wieder gegenüber. Quelle: Tobias Hirsch
Anzeige
Dannenrod

Es war ein ereignisreiches Wochenende am und im Dannenröder Forst: Eine A-49-Gegnerin ist am Samstagmorgen aus vier bis sechs Metern Höhe aus einer mit Seilen gehaltenen Plattform gefallen. Warum genau, ermittelt jetzt die Polizei. Am Samstagnachmittag gab es einen größeren Angriff mit Pyrotechnik und Zwillen, 14 Polizeibeamte wurden leicht verletzt. Am Totensonntag blieb die von vielen Seiten befürchtete Konfrontation zwischen Demonstranten und Polizei allerdings glücklicherweise aus. Auch wenn die Waldbesetzer in mehreren hundert Mitgliedern der Gruppe „Ende Gelände“ Unterstützung bekamen. So weit die Kurzzusammenfassung der Ereignisse.

Überschattet wurde alles von dem neuerlichen schweren Unglück am Samstagmorgen. Warum die Frau genau von der Skypod genannten Konstruktion fiel und sich dabei schwer verletzte, prüft die Polizei noch. Beamte des Landeskriminalamtes und des Polizeipräsidiums Westhessen untersuchten den Ort des Geschehens am Samstag intensiv. Bewusst wurden Polizeibeamte zusätzlich herangezogen, die mit dem A-49-Einsatz nichts zu tun haben. Der Unfall ereignete sich im südlichen Teil des Dannenröder Forstes in einem Camp auf der Trasse.

Anzeige

Vom Bündnis „Wald statt Asphalt“ gab es ebenso scharfe Kritik in Richtung Polizei wie vom Aktionsbündnis Keine A49. „Wald statt Asphalt“ beruft sich auf Augenzeugenberichte, laut denen Polizisten am Samstagmorgen ein markiertes Halteseil heruntergetreten haben sollen, weshalb jene Plattform in Schieflage geriet und abstürzte. Ein Polizeisprecher betonte am Samstag: „Wir ermitteln in alle Richtungen.“ Ergebnisse gab es am Sonntag noch keine. Die Frau wird in einer Klinik behandelt, Lebensgefahr besteht laut Polizei bei ihr aber nicht. Autobahngegner forderten abermals einen sofortigen Rodungsstopp. Es ist bereits der zweite Unfall innerhalb einer Woche. Am 15. November war eine Waldbesetzerin von einer Plattform gefallen, ein Polizeibeamter hat eingeräumt, unwissentlich ein Seil durchschnitten zu haben. Die Ermittlungen dauern an (die OP berichtete).

Bengalo-Beschussauf Polizisten

Die Rodungsarbeiten rund um die Unfallstelle wurden am Samstag zunächst wegen der Spurensicherung komplett beendet. An anderer Stelle, eher im Norden des Dannenröder Forstes, kam es zu einem größer angelegten Angriff von etwa 250 bis 300 Personen auf Polizeibeamte, die Baumfällarbeiten abschirmten. Sie seien mit Pyrotechnik, darunter auch Bengalos und Böllern beschossen worden, erläutert Polizeisprecher Jochen Wegmann. Im Anschluss ergriffen die Angreifer die Flucht, die Polizei meldete einige Festnahmen. Es seien Böller, Zwillen und Rauchtöpfe sichergestellt worden. Zwillen sind Schleudern, mit denen sich unter anderem Steine verschießen lassen. Bilanz der Attacke: 14 Polizeibeamte erlitten Verletzungen wie Knalltraumata, Schürfwunden und Prellungen, konnten ihren Dienst aber fortsetzen.

Keine Rodungen, aber trotzdem Unruhe

Die evangelischen Kirchen hatten im Vorfeld deutlich dazu aufgerufen, am Totensonntag nicht zu roden. Totensonntag ist ein sogenannter stiller Feiertag, bei dem laut Feiertagsgesetz besondere Ruhe zu halten ist. Bis Samstagnachmittag hieß es aber, die Arbeiten gingen wie geplant weiter. So hatte es die Projektgesellschaft Deges auch im Vorfeld angekündigt. Doch dann die überraschende Mitteilung der Polizei am Sonntagmorgen: Aus Respekt vor Totensonntag werde auf Rodungsarbeiten verzichtet. Es sollten nur Aufräum- und Rückearbeiten begleitet werden. Ruhig war es aber trotzdem nicht. Denn: Direkt an der A-49-Trasse stoppten Waldbesetzer und Mitglieder von „Ende Gelände“ einen Bagger bei eben jenen Aufräumarbeiten, bei denen gefällte Bäume beseitigt werden sollten. Die Trasse ist im gefällten Bereich mittlerweile eingezäunt. Auf den Zäunen ist gerollter Stacheldraht angebracht.

Demonstranten und Polizeiketten standen sich lange geradezu bedrohlich gegenüber. Sprechchöre ertönten immer wieder. Zwei Wasserwerfer waren in Stellung, ein Polizeihubschrauber kreiste laut hörbar über dem Ort des Geschehens und der Umgebung rund um Dannenrod. Im Ort fand in der Kirche zeitgleich der Gedenkgottesdienst anlässlich Totensonntag statt. Das erboste eine gebürtige Dannenröderin am meisten. Inzwischen lebe sie im Kreis Marburg-Biedenkopf, sei nur zu Besuch. „Schämt Euch“, rief sie in Richtung der Polizei und irgendwie auch in Richtung der Demonstranten. Sie sei nicht gegen die Autobahn gewesen. „Aber das, was in meinem Heimatdorf jetzt passiert, all das macht mir Angst“, sagte sie später gegenüber der OP. Nein, ihren Namen (der Redaktion bekannt) wollte sie lieber nicht in der Zeitung lesen. Aus Rücksicht auf ihre Familie in Dannenrod. Die wolle nur ihre Ruhe zurück.

Die Konfrontationssituation in Dannenrod löste sich dann auf „kommunikativem Wege“, wie Polizeisprecher Wegmann es zusammenfasste. Der Bagger konnte letztlich in den Sicherheitsbereich zurückfahren, Polizeibeamte zogen sich hinter den Zaun zurück. Am Nachmittag gab es noch den obligaten Waldspaziergang mit mehreren hundert Teilnehmern und eine Lampionaktion. All das verlief auch aus Sicht der Polizei friedlich.

Von Michael Rinde