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Ostkreis Anti-A-49-Aktivisten überwintern in Baumhäusern
Landkreis Ostkreis Anti-A-49-Aktivisten überwintern in Baumhäusern
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07:48 05.02.2020
25 Meter über dem Boden ist Aktivist Jonas damit beschäftigt, die Plane seines Baumhauses winterfest zu machen.  Quelle: Lukas Clobes
Dannenrod

Der Wind pfeift durch die Wipfel der alten Eiche. Jonas steht auf einer Holzplanke und blickt nach unten. Wenige Zentimeter neben seinem Schuh geht es 25 Meter in die Tiefe. Jonas, der eigentlich gar nicht Jonas heißt, juckt das nicht. Seelenruhig klettert er auf einen Ast und bringt von dort eine weiße Plane auf dem Dach des Baumhauses an, in dem er die stürmische Nacht verbracht hat. „Ich hab’ sehr gut geschlafen und erst morgens gemerkt, dass ein Teil der Plane durch den Sturm aufgeklappt war“, sagt der Umweltaktivist und dreht mit einem Akkuschrauber Schrauben durch die Ösen der Plane, damit das Innere seines Baumhauses trocken bleibt.

Seit mehreren Monaten haben der junge Mann, der sich Jonas nennt, und andere Umweltaktivisten ein Waldstück bei Dannenrod besetzt. So wollen sie verhindern, dass die A 49 weitergebaut wird. Selbst vom nassen und kalten Winter lassen sie sich nicht aus ihren Baum­häusern vertreiben. Ganz im Gegenteil: Es werden immer mehr Holzkonstruktionen. In verschiedenen Waldgebieten wird fleißig gebaut.

Die Baumhäuser sind hochprofessionell. Gegen Regen geschützt, gegen Kälte isoliert. Es gibt Türen und Fenster. Die Aktivisten haben es sich in zum Teil schwindelerregender Höhe gemütlich gemacht, schlafen auf Matratzen oder in improvisierten Betten. „Wenn man überlegt, dass in Deutschland 40.000 Menschen auf der Straße leben, da haben wir es doch wirklich luxuriös hier oben“, sagt Danny, der eigentlich auch anders heißt.

Die Aktivisten versuchen, anonym zu bleiben. Sie verhüllen ihre Gesichter und geben sich erfundene Namen. Zum einen weil sie als „eine Einheit auftreten“ wollen, zum andern, um sich vor „Repressalien zu bewahren“, wie sie sagen. Falls ihr Camp von der Polizei geräumt werden sollte, wollen sie so sich selbst, aber auch ihre Mitstreiter schützen. Sie sagen: Wenn sie nichts Privates voneinander wissen, laufen sie auch nicht Gefahr, dieses – zum Beispiel bei einer polizeilichen Vernehmung – zu verraten. An diese Devise halten sie sich natürlich auch gegenüber der Presse. Nur wenige geben etwas Persönliches preis.

Die Aktivisten hieven gemeinsam ein Bettgestell nach oben in eines der nicht ganz so hoch gebauten Baumhäuser. Die Konstruktionen haben Fenster sowie Türen und sind isoliert. Quelle: Nadine Weigel

Sie sind ein Kollektiv ohne Vergangenheit, einzig ihr Ziel verbindet sie: die A 49 zu verhindern. „Wenn es sein muss, werde ich dieses Stück Natur mit meinem eigenen Körper verteidigen“, erklärt Aktivistin ­Yeti und betont, dass sie sich auch einer eventuellen Räumung entgegenstellen würde. „Jeder Mensch muss sich dessen bewusst sein, dass wir hier in einer Besetzung sind und jederzeit die Polizei vor der Tür stehen könnte.“

Für die junge Frau ist die Besetzung ihr Weg, zu zeigen, dass vieles im System falsch laufe. „Es ist so schade, dass die Natur wegen des Wirtschaftswachstumes immer wieder Abstriche machen muss“, betont sie und erklimmt die Leiter zu einem der neuen Baumhäuser. Es ist eines, das niedriger in die Bäume gebaut über eine Holzleiter zu erreichen ist. Die Konstruktion ist mit dicken Tauen in die Bäume geknotet. Nicht einen Nagel haben sie in die Bäume geschlagen, betonen die Aktivisten.

Das Camp ist durchgehend besetzt, aber die Besatzung fluktuiert. Manche sind nur ein paar Tage da. Andere bleiben ein paar Wochen. Und dann gibt es Menschen wie Danny, der seit September im Wald wohnt. Er war schon im Hambacher Forst dabei. Sein „bürgerliches Leben“ mit Wohnung und Studium hat er für ein Leben im Wald eingetauscht. In Zeiten der Klima­krise hat der Naturschutz für ihn höchste Priorität. Plus: es gefällt ihm gut im Wald. Nur wenn bei Dauerregen die Klamotten nicht richtig trocknen, sei es ein bisschen unangenehm. Und sich an immer neue Leute gewöhnen zu müssen, sei manchmal etwas anstrengend.

Blick in eines der Baumhäuser. Quelle: Lukas Clobes

Die Baumbesetzer ­bekommen zahlreiche Spenden: ­Material zum Bauen, warme Kleidung und auch Nahrung. Oft gehen sie aber auch containern. „Überall in Deutschland werfen Supermärkte unheimlich viele Sachen weg, die man noch essen kann“, weiß Danny und marschiert Richtung Waldesrand. Am Sportplatz steht ein beheizter Bauwagen, der als Mahnwache fungiert.

Es ist der Treffpunkt, an dem sich die Aktivisten aufwärmen und mit Anwohnern heiß diskutieren. Zum Beispiel über die Baumfällungen bei Maulbach vor zwei Wochen. Oder die Fällarbeiten vergangene Woche im Dannenröder Forst. Bei beiden Fällungen hatten die Verantwortlichen versichert, dass es sich nicht um Arbeiten für die A-49-Trasse handele. Die Umweltschützer allerdings waren höchst alarmiert.

Seit Jahrzehnten polarisiert und emotionalisiert die A 49. Das wissen auch die Anwohnerinnen Uli Flügel und ­Anja Köhler, die an diesem Tag in der Mahnwache sitzen. Sie haben Verständnis für die Anwohner an der B 3, die sich durch die A 49 Verkehrsentlastung versprechen. Doch diese Hoffnung sei ein Trugschluss. „Der B-3-Verkehr wird nicht weniger werden, auch der Lkw-Verkehr nicht“, ist sich Köhler sicher.

Ganz sicher ist, dass sich die Diskussion um die A 49 die kommenden Monate wohl noch verstärken wird. Die Baumbesetzer sehen dem gelassen entgegen. Sie haben sich für länger eingerichtet.

von Nadine Weigel

Hintergrund

Die A 49 verbindet Kassel mit dem Schwalm-Eder-Kreis, wo sie in Neuental endet. Der Bau des gut 43 Kilometer langen Teilstücks zwischen Neuental und Gemünden (Felda) ist seit den 1960er-Jahren in Planung. Der Abschnitt von Neuental bis Treysa ist seit 2010 in Bau. Planfeststellungsbeschlüsse gibt es auch für die Abschnitte zwischen Treysa über Stadtallendorf bis Gemünden durch den Dannenröder Forst. Der BUND hat dagegen geklagt, mit der Begründung, dass der dritte Bauabschnitt gegen die Wasserrahmenrichtlinie verstoße. Die Trinkwasserschutzgebiete im Gleental seien gefährdet, so der BUND. Das Bundesverwaltungsgericht wird darüber am 13. Mai verhandeln. Die Baumfällungen waren zuvor davon unabhängig auf Herbst 2020 verschoben worden, da Ausgleichsmaßnahmen noch nicht vollendet waren.