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Ostkreis Einfach mal eine übergezogen
Landkreis Ostkreis Einfach mal eine übergezogen
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10:00 16.12.2019
Ein 47-jähriger Mann wurde nach einer Schlagstock-Attacke vom Kirchhainer Amtsgericht zu einer Geldstrafe verurteilt. Quelle: Thorsten Richter
Ostkreis

So manche während der Verhandlung getätigte Aussage hinterließ einfach nur ein Fragezeichen im Gesicht von Richter Joachim Filmer, der es dann aber auch irgendwann aufgab, nach dem Warum zu fragen. So war eine Straftat im Ostkreis überhaupt erst möglich geworden, weil ein junger Mann – das spätere Opfer – eines Abends Hunger bekam und gemeinsam mit einem Freund dessen Wohnung verließ, um einen Döner zu essen.

In einer Bude angekommen, in der es das entsprechende Nahrungsmittel gab, habe sein Kumpel dann nichts konsumiert und er ein Wasser getrunken, berichtete der 21-Jährige, als wäre es eine Selbstverständlichkeit. Aber er habe doch etwas essen wollen, warf Filmer verwundert ein, bekam aber nur ein „Ja“ als Antwort und sah dann offenbar ein, dass er nicht alles nachvollziehen können muss.

So ähnlich dürfte es auch beim Motiv der kurz darauffolgenden Tat gewesen sein. Gemeinsam mit seinem Kumpel verließ der junge Mann die Dönerbude, ging an einem weiteren Etablissement mit einem ähnlich gearteten Nahrungsmittelangebot vorbei und bekam einfach mal einen Schlagstock übergezogen, der ihn glücklicherweise nur an der Stirn traf und eine Beule, aber keinen größeren Schaden hinterließ.

"Der Junge ist ein bisschen problematisch"

„Ich habe mich umgedreht und gefragt: Was hast Du gemacht, Du Wichser (...). Doch dann kam noch ein Freund von ihm. Einer – so voll breit so. Mein Freund hat dann gesagt, lass wegrennen.“ Gesagt, getan. Der Schläger, Inhaber der zweiten Dönerbude, verfolgte die beiden jungen Männer noch und versuchte, zwei weitere Treffer zu setzen, verfehlte sein Ziel jedoch. Nach 10 bis 20 Metern gab er die Verfolgung auf.

Warum er zuschlug? Weil er dem 21-Jährigen zuvor schon drei- oder viermal gesagt hatte, er dürfe nicht mehr in seine Bude kommen. Aber er habe seinen Laden doch gar nicht betreten, warf Filmer ein. „Ja, tut mir leid. Ist halt passiert“, bekam er von dem 47-Jährigen als Antwort – samt des Hinweises, dass dieser 17 Stunden am Tag arbeite, zum Tatzeitpunkt schon ungefähr zehn Bier drin gehabt hatte, aber ja auch gar nicht geschlagen, sondern sein Opfer viel eher „gestreichelt“ habe.

„Also ich will nicht mit einem Schlagstock gestreichelt werden“, verriet Filmer daraufhin und erkundigte sich erneut nach seinem Motiv. „Der Junge ist ein bisschen problematisch“, entgegnete der Angeklagte und behauptete, von diesem auch schon als „Scheiss-Kurde“ bezeichnet worden zu sein.

Der 21-Jährige entgegnete, dies nie gesagt zu haben: „Warum sollte ich? Mensch ist Mensch, ich bin doch kein Kurdenhasser.“ Seiner Theorie nach habe der 47-Jährige ihn aus Rache geschlagen, weil er eine Zeitlang in einer anderen Dönerbude sein Essen gekauft habe. Als er dann wieder zum ursprünglichen Nahrungsmittelanbieter seines Vertrauens zurückgekehrt sei, habe er Hausverbot bekommen – ebenso wie der Rest seiner Familie.

Angeklagter verzichtet auf Rechtsmittel

„Einmal wollte ich für 20 Euro Döner holen, aber er hat gesagt: Du kommst hier nicht rein und ich würde nix bekommen“, beschwerte er sich und wandte sich direkt an den Angeklagten: „Wer bist Du? Gehört Dir Deutschland? Machst Du die Gesetze?“

Anschließend fragte auch er noch einmal, warum er den Schlagstock übergezogen bekommen habe. „Mein Freund, das ist doch draußen passiert“, lautete die den unbedarften Zuhörer einmal mehr verwundert zurücklassende Antwort.
Im Anschluss forderte der Vertreter der Staatsanwaltschaft eine Freiheitsstrafe von sechs Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre zur Bewährung – also das unterste Strafmaß für eine gefährliche Körperverletzung.

„Ich gehe von einem leichten Schlag aus. Wäre er wuchtiger ausgeführt worden, würde der Zeuge jetzt wohl nicht mehr hier sitzen“, sagte er und beantragte zusätzlich eine Geldstrafe von 1.500 Euro. Der Angeklagte verzichtete danach auf die ihm zustehenden letzten Worte – zusammen mit einer wegwischenden Handbewegung.

Richter Filmer kam der geforderten Bestrafung nach: 500 Euro muss der – zuvor nicht strafrechtlich in Erscheinung getretene – Angeklagte an sein Opfer zahlen, 1.000 Euro an den Verein „Weißer Ring“ übermitteln. „Was Sie damals geritten hat, weiß ich allerdings nicht“, resümierte Filmer. Der Verurteilte gab anschließend doch noch eine Erklärung ab: Allerdings nur, dass er auf Rechtsmittel verzichte.

von Florian Lerchbacher