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Ostkreis Angeklagter bleibt in Untersuchungshaft
Landkreis Ostkreis Angeklagter bleibt in Untersuchungshaft
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19:58 07.09.2021
Eine Skulptur der Justitia steht auf dem Strafgesetzbuch. Ihre Symbole sind Augenbinde, die Waage und das Schwert (Themenfoto).
Eine Skulptur der Justitia steht auf dem Strafgesetzbuch. Ihre Symbole sind Augenbinde, die Waage und das Schwert (Themenfoto). Quelle: Dirk Wurzel
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Marburg

Gegen 14 Uhr hatte am Dienstag (7. September) vor dem Marburger Landgericht der erfahrene Gießener Strafverteidiger Frank Richtberg genug: Er beantragte nach verschiedenen Zeugenaussagen die sofortige Aufhebung des Haftbefehls gegen seinen 27-jährigen Mandanten. Vergeblich. Das Gericht sieht weiterhin Verdunklungsgefahr. Der Mann aus der Schwalm sitzt seit über einem Jahr in Untersuchungshaft. Ihm wird vorgeworfen, am 16. August 2020 eine damals 20-jährige Frau in deren Wohnung vergewaltigt zu haben (die OP berichtete).

Im Februar war der Mann deswegen vom Marburger Amtsgericht zu drei Jahren und vier Monaten Haft verurteilt worden. Sowohl die Verteidigung als auch die Staatsanwaltschaft legten Berufung gegen das Urteil ein. Das Verfahren wird nun vor dem Landgericht unter Vorsitz von Dr. Sebastian Pfotenhauer komplett neu aufgerollt. Alle 19 Zeugen sowie der Gutachter werden noch einmal gehört. Am Dienstag war der dritte Verhandlungstag. Es steht nach wie vor Aussage gegen Aussage.

Es bestehe Verdunklungsgefahr

Frank Richtberg begründete seinen Antrag mit unterschiedlichen Aussagen der Nebenklägerin zum sogenannten Kernbereich des Verfahrens. Dies betrifft insbesondere Aussagen zum Oralverkehr, die die junge Frau gemacht habe. Es bestehe daher kein dringender Tatverdacht mehr gegen seinen Mandanten. Aus Sicht von Richtberg ist das Verfahren damit im Grunde gelaufen.

Staatsanwältin Janina Pristl entgegnete, die junge Frau habe in Bezug auf diese Sexualpraktik von Anfang an Unsicherheiten gezeigt und unterschiedliche Aussagen gemacht. Dies bedeute nicht, dass man ihr nicht glauben könne. Es bestehe weiterhin dringender Tatverdacht gegen den Mann. Das Gericht unter Vorsitz von Dr. Pfotenhauer folgte ihr. Es bestehe sehr wohl weiterhin Verdunklungsgefahr, da unter anderem versucht worden sei, die Nebenklägerin und Zeugen zu beeinflussen.

Acht Zeuginnen und Zeugen

Der 27-Jährige flehte unterdessen das Gericht an: „Was soll ich denn noch machen? Ich habe sie nicht bedroht.“ Fakt ist: Der Mann bleibt bis zum Urteilspruch, der am 21. September erwartet wird, in Haft. Rechtsanwalt Richtberg kündigte unterdessen weitere Hilfsbeweisanträge an, unter anderem ein Gutachten über die Fotos, die in der Uniklinik Marburg nach der angeklagten Vergewaltigung von den Hämatomen am Körper der Frau gemacht wurden. Ihm geht es um die Frage der Farbe der Hämatome, wie alt die Flecken waren, ob sie in der Tatnacht oder schon früher entstanden sein könnten.

Am Dienstag hörte das Gericht acht Zeuginnen und Zeugen, darunter waren ein Polizeibeamter, der die Chats in den Handys der Prozessbeteiligten ausgewertet hatte, sowie zwei Polizeibeamtinnen und eine Polizeianwärterin. Der Beamte berichtete unter anderem von Druck, der von der Schwester des Angeklagten auf die Geschädigte ausgeübt worden sei, von Drohungen und teilweise gelöschten Chats.

Ein kompliziertes Vergewaltigungsverfahren

Die Nebenklägerin hatte den Mann ursprünglich wegen Körperverletzung angeklagt. Bei den Vernehmungen der Frau stellte die Polizei fest: Das ist mehr. Aus der Körperverletzung wurde eine Anzeige wegen Vergewaltigung, denn die Frau habe gegen ihren Willen brutalen Sex erlebt. Nach Aussage des Angeklagten war der Sex dagegen einvernehmlich. Ein männlicher Zeuge, der große Erinnerungslücken hatte, sagte, die Nebenklägerin habe mit vielen Männern Sex. Eine Zeugin vermutete mit Blick auf die Anzeige wegen Körperverletzung, dass ihre Freundin „so unter Schock stand, dass sie gar nicht realisiert hat, was ihr zugestoßen ist“.

Der Prozess macht deutlich, wie kompliziert Vergewaltigungsverfahren für alle Beteiligten sind, obwohl seit November 2016 „Nein heißt Nein“ als Grundsatz in das Sexualstrafrecht übernommen wurde. 2020 gab es laut dem Portal statista bundesweit knapp 9.900 Opfer von Vergewaltigungen und sexueller Nötigung. Laut einer Untersuchung des Zonta-Clubs Bochum stammen die Täter meist aus dem persönlichen Umfeld. Und nach Ansicht des Vereins „Frauen gegen Gewalt“ ist die Dunkelziffer enorm hoch: Angezeigt würden lediglich 5 bis 15 Prozent der Vergewaltigungen.

Von Uwe Badouin