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Ostkreis Für diesen Fall braucht das Gericht mehr Platz
Landkreis Ostkreis Für diesen Fall braucht das Gericht mehr Platz
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18:00 03.08.2021
Strafrichter Joachim Filmer steht vor Verhandlungsbeginn im zum Gerichtssaal umfunktionierten Kirchhainer Bürgerhaus. Ein Zuschauer hat bereits Platz genommen.
Strafrichter Joachim Filmer steht vor Verhandlungsbeginn im zum Gerichtssaal umfunktionierten Kirchhainer Bürgerhaus. Ein Zuschauer hat bereits Platz genommen. Quelle: Michael Rinde
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Kirchhain

Auf der Eingangstür steht werbend der Slogan „Stadt Kirchhain natürlich Vielfalt leben“, dahinter tagt das Kirchhainer Amtsgericht unter Vorsitz von Richter Joachim Filmer. Der große Bürgerhaussaal ist nicht wiederzuerkennen an diesem Verhandlungstag. Drei Tische stehen für die drei Angeklagten und ihre Verteidiger bereit, die Frauen sind durch Plexiglasscheiben von ihren Anwälten getrennt.

Auf der anderen Seite des Saals sitzen Staatsanwaltschaft und der Anwalt der Nebenklägerin, Richter Filmer und die Schriftführerin haben an Tischen vor der Bühne Platz genommen. Jemand im Saal scherzt noch leise mit dem Satz „Vorhang auf, Gerichtsverhandlung!“ herum. Vieles am äußeren Rahmen dieser Verhandlung ist anders als gewohnt am Kirchhainer Amtsgericht.

Der Ortswechsel aus dem ehrwürdigen Gerichtsgebäude in der Niederrheinischen Straße hin ins Bürgerhaus war der Pandemie und der besonders ansteckenden Delta-Variante geschuldet. Denn der Sitzungssaal dort ist schlichtweg zu klein, um eine so große Zahl an Prozessbeteiligten mit dem ausreichenden Abstand unterzubringen.

Es geht um den Vorwurf der gemeinschaftlichen Körperverletzung an einer jungen Frau. Beteiligt waren laut Anklage drei Frauen, eine davon war zum Zeitpunkt der Tat Heranwachsende, deshalb ist sie vor dem Jugendstrafrichter angeklagt. Bei den beiden anderen Frauen gilt das Erwachsenenstrafrecht in jedem Fall. Die Tat spielte sich am 8. August 2019 in Marburg nahe dem „Platz der Weißen Rose“ ab. Alle drei Angeklagten machen beim Verhandlungsauftakt von ihrem Recht der Aussageverweigerung gebrauch.

Was soll laut Anklage geschehen sein?

An jenem Tag sollen die drei Frauen ihrem Opfer in dessen Mittagspause aufgelauert und es zunächst zur Rede gestellt haben. Es ging offenbar um eine gemeinsam geplante Urlaubsreise, an der die junge Frau nicht mehr teilnehmen wollte. Jetzt forderten die drei Frauen anteilig Geld ein, einen Anteil an den Reisekosten. Bei ihrer Aussage später berichtete das Opfer aber davon, dass die Reise noch nicht gebucht gewesen sein soll.

Die drei Frauen, so die Anklage, wurden dann deutlicher: Eine packte die junge Frau am Kragen. Im Lauf des Geschehens gab es einen heftigen Schlag oder gar Tritt in die linke Seite ihres Oberkörpers, Augenblicke später gab es dann den mutmaßlich massivsten Angriff, ein heftiges Würgen am Hals des Opfers. Wobei ein wichtiger Zeuge später sogar von einem „extrem brutalen Schlag in Richtung des Halses“ der Frau sprach.

Das Ereignis hatte für die Frau, die als Nebenklägerin in dem Verfahren auftritt, weitreichende Folgen. Zunächst musste sie im Krankenhaus stationär behandelt werden – wie lange, war in der Verhandlung nicht ganz klar. Anschließend war eine bis heute andauernde psychologische und psychiatrische Behandlung nötig, unter anderem für mehrere Wochen stationär. Das berichtete ihr Anwalt dem Gericht.

Bei der Aussage war der Frau die Belastung anzuhören und anzusehen, mehrfach musste sie Sätze wiederholen, auch, weil Richter Filmer sie freundlich dazu animierte, etwas lauter zu sprechen. Für sie war es das erste Wiedersehen mit den drei mutmaßlichen Täterinnen. Einmal hat es wohl einen Kontaktversuch via Facebook gegeben, wieder ging es dabei um Geld. An viele Details, die die junge Frau einst bei der Polizei ausgesagt hatte, konnte sie sich im Moment ihrer Zeugenaussage nicht mehr erinnern, etwa daran, woher der Schlag oder Tritt in die Seite kam.

Zeugin fehlt unentschuldigt

Ein Zeuge berichtete von seinen Beobachtungen aus dem gerade anfahrenden Bus heraus. Der Busfahrer habe angehalten und die Tür geöffnet und in Richtung der drei Frauen gerufen. Daraufhin hätten die sich verzogen. Vorher hatte der Mann die Szene geschildert, in der jener „brutale Schlag“ oder Griff in Richtung des Halses erfolgte. Auf Anregung der Staatsanwaltschaft gab Richter Filmer den rechtlichen Hinweis, dass im Falle des Würgeangriffes auch eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung nach Paragraf 224, Absatz 1, Ziffer 5 in Betracht kommen könnte – die Rede wäre dann von gefährlicher Körperverletzung mit einer „lebensgefährlichen Behandlung“, was zu einer längeren Haftstrafe führen könnte. Zu Plädoyers und Urteil kam es an diesem Tag aber nicht, eine geladene Zeugin erschien zum wiederholten Mal nicht. Jetzt wird der Fall neu verhandelt. Gegen jene Zeugin verhängte Richter Filmer ein Ordnungsgeld (ersatzweise drei Tage Haft) und ordnete beim nächsten Mal ihre Vorführung durch die Polizei an.

Voraussichtlich im November wird der Fall dann abermals verhandelt, wahrscheinlich wieder im Bürgerhaussaal. Dem jungen Opfer bleibt ein erneutes Erscheinen vor Gericht aber erspart. Denn alle Beteiligten sind damit einverstanden, dass ihre Aussagen dann nur noch einmal verlesen werden sollen.

Von Michael Rinde

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