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Ostkreis Kein Urteil nach Faustschlägen
Landkreis Ostkreis Kein Urteil nach Faustschlägen
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14:00 07.06.2021
Vor dem Amtsgericht Marburg wurde das Verfahren wegen Körperverletzung gegen einen 21-Jährigen eingestellt.
Vor dem Amtsgericht Marburg wurde das Verfahren wegen Körperverletzung gegen einen 21-Jährigen eingestellt. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Mehr als vier Stunden nach Beginn der Verhandlung wurde etwas klarer, was sich in den Morgenstunden des 26. Juli 2020 in einer Kneipe in Stadtallendorf – wohl – zugetragen hat: Ein inzwischen 21-Jähriger, das räumte sein Verteidiger in dessen Namen ein, schlug einen aktuell 28-Jährigen mehrfach mit der Faust ins Gesicht.

Ob eine zweite Person an der Körperverletzung beteiligt war, blieb offen. Der 21-Jährige teilte über seinen Verteidiger mit, er habe allein gehandelt. Letztlich endete die Verhandlung vor dem Jugendschöffengericht am Marburger Amtsgericht mit einer Einstellung des Verfahrens gegen den 21-Jährigen sowie einem Freispruch für einen 26-jährigen Mitangeklagten.

Oper erkennt Beschuldigten auf „Facebook“-Foto

Gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung lautete der Vorwurf gegen die beiden Stadtallendorfer. Gemeinsam, führte der Vertreter der Staatsanwaltschaft bei der Verlesung der Anklage aus, sollen sie den Geschädigten durch Faustschläge verletzt haben. Der 28-Jährige, der als Nebenkläger auftrat, berichtete im Zeugenstand von einer durchzechten Nacht. Zunächst habe er in Marburg mit Bekannten einige Bier getrunken, sei dann mit dem Taxi nach Stadtallendorf gefahren, die Bekannten seien auf dem Weg in Kirchhain ausgestiegen. Zu diesem Zeitpunkt sei er bereits betrunken gewesen. „Ich habe dann mit Schnaps nachgesetzt“, schilderte er.

Vor einer Kneipe in Stadtallendorf sei er in eine verbale Auseinandersetzung mit den Beschuldigten geraten. Die Uhrzeit wisse er nicht, es sei aber bereits hell gewesen. An den Inhalt könne er sich nicht mehr erinnern, „möglicherweise“ habe er dabei „etwas Blödes“ gesagt. Kurz danach sei er wieder in die Kneipe gegangen, habe sich dort übergeben müssen. Er sei auf die Toilette gegangen, um sich Gesicht und Hände zu waschen. Den Sanitärraum habe er gerade wieder verlassen wollen, als er von den Beschuldigten überrascht worden sei. Er hätte sich „mit den Falschen angelegt“, habe ihm der 21-Jährige gesagt, ihm dann erste Faustschläge ins Gesicht versetzt.

Der 26-Jährige habe anschließend ebenfalls zugeschlagen. Platzwunden sowie Hämatome seien die Folge gewesen. Es sei ihm gelungen, sich aus der Situation zu befreien, nach draußen zu gelangen, mit seinem Smartphone den Notruf zu wählen und Ort und Grund für den Anruf mitzuteilen. Dann sei ihm das Gerät aus der Hand gerissen worden – von wem, wisse er nicht. Erst später habe er es demoliert wiedergefunden. In einem angerückten Krankenwagen wurde er medizinisch behandelt, parallel von Polizisten befragt, wie dokumentiert ist, wie auch ein Beamter als Zeuge aussagte.

Der Polizist und ein Kollege schilderten, was ihnen der Geschädigte seinerzeit erzählt habe. Unterschiede im Detail kamen zur Sprache, waren aus Sicht des Gerichts aber nicht entscheidend.

Die Anzeige wegen Körperverletzung wurde zunächst gegen unbekannt gestellt. Zufällig, schilderte der 28-Jährige, habe er einige Tage später den 21-Jährigen erkannt – er sei ihm mit Foto als Freundschaftsvorschlag im sozialen Netzwerk „Facebook“ angezeigt worden. Auf den 26-Jährigen kam er, nachdem er eine Personenbeschreibung bei der Polizei abgegeben hatte und auf der Polizeistation in Marburg Personenfotos durchsah. Absolut sicher, sagte er im Zeugenstand aus, sei er sich aber nicht, dass der Beschuldigte dabei war – „zu 80 oder 90 Prozent“, antwortete er auf Nachfrage des Vorsitzenden Richter Leo Raab. Der 26-Jährige, der weder selbst noch über seinen Verteidiger Angaben zur Sache oder zu seiner Person machte, wurde letztlich mangels Tatnachweis freigesprochen.

21-Jähriger in Haft wegen anderer Delikte

Zuvor ging es darum, was der 21-Jährige gemacht hat – und darum, wie rechtlich damit umzugehen ist. Der Verteidiger des mehrfach wegen verschiedener Delikte, von Raub über gefährliche Körperverletzung bis zum Besitz von Betäubungsmitteln, vorbestraften Mannes hatte bereits früh in der Verhandlung eine Einstellung des Verfahrens ins Gespräch gebracht, dabei auf eine Haftstrafe von zwei Jahren und drei Monaten verwiesen, die sein Mandant im August vergangenen Jahres angetreten hatte. Eine Verurteilung, meinte er, würde lediglich zu einer Verlängerung der Haftstrafe um maximal wenige Monate führen – eine Einschätzung, der der Richter nicht widersprach.

Der Angeklagte habe sich im Gefängnis mit seinen Taten beschäftigt, zudem habe er eine Ausbildung begonnen und wolle sich künftig um seine dreijährige Tochter kümmern – dafür sei es wichtig, das Verfahren zu einem Abschluss zu bringen.

Richter Raab zeigte sich nach der Beweisaufnahme für den Vorschlag offen – auch, weil keine dauerhaften körperlichen Folgen beim Geschädigten geblieben seien, von einer „das Leben gefährdenden Handlung“ nicht die Rede sein könne.

Auch der Vertreter der Staatsanwaltschaft stimmte schließlich zu, nachdem seine Forderung eines Geständnisses erfüllt wurde. Es sei ein „gutes Signal“, sagte der Vertreter des Nebenklägers, „dass der Angeklagte die Verantwortung für seine Tat übernimmt“.

Von Stefan Weisbrod