Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Ostkreis Haftbefehl gegen schwänzenden Angeklagten
Landkreis Ostkreis Haftbefehl gegen schwänzenden Angeklagten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:00 02.05.2019
Ungewöhnlicher Verhandlungstag am Amtsgericht Kirchhain.  Quelle: Archivfoto
Kirchhain

Strafrichter Joachim ­Filmer nahm die Ignoranz von Angeklagten gegenüber dem Gericht mit ­Humor: "Mann, Mann, Mann. Noch so ein paar Tage, und ich komme auch nicht mehr."

Der Verhandlungstag am Dienstag vor dem Kirchhainer Amtsgericht begann unergiebig. Die erste Hauptverhandlung wurde aufgehoben, weil Verteidigung und Staatsanwaltschaft zusätzliche Zeugen und Beweismittel für die Aufklärung der angeklagten Sachverhalte benötigten. Außerdem beantragten sie die Beiordnung von zwei Pflichtverteidigern für zwei der drei Angeklagten. Mit Zustimmung der Staatsanwaltschaft wurde die Wahlverteidigung des dritten Angeklagten in eine Pflichtverteidigung umgewandelt.

Zum zweiten Prozess erschien lediglich eine als Zeugin geladene Angeklagte. Die im Landkreis Gießen lebende Angeklagte zog es vor, dem Verfahren fernzubleiben. Völlig unüblich: Auch ein als Zeuge geladener Polizeibeamter und die vom Gericht bestellte Dolmetscherin eines Marburger Dolmetscher-Dienstes ließen sich nicht blicken.

Die Angeklagte wurde in Abwesenheit auf Antrag von Staatsanwalt Nicolai Wolf mittels Strafbefehl verurteilt. Das ging zunächst zulasten der Polizeibeamtin. Der war im Einsatz gegen die Angeklagte von der Frau übel mitgespielt worden. Deshalb trat sie als Adhäsionsklägerin auf. 500 Euro standen im Raum. Richter Joachim Filmer und Staatsanwalt Nicolai Wolf recherchierten, dass Adhäsionsklagen bei Urteilen per Strafbefehl nicht zulässig sind.

Junger Mann erscheint wiederholt nicht vor Gericht

Im Adhäsionsverfahren können im deutschen Prozessrecht zivilrechtliche Ansprüche, die aus einer Straftat erwachsen, statt in einem eigenen zivilgerichtlichen Verfahren unmittelbar im Strafprozess geltend gemacht werden. Das erspart den Klägern in der Regel eine Auseinandersetzung vor dem Zivilgericht.

Dieser Weg wurde der Polizeibeamtin durch den Strafbefehl verwehrt. Richter Joachim Filmer riet der Beamtin, vor dem Amtsgericht Zivilklage zu erheben und den Rechtsschutz der Gewerkschaft in Anspruch zu nehmen.

Zum wiederholten Mal ließ ein Angeklagter das Kirchhainer Jugendgericht im Stich. So auch am Dienstag. Das Jugendgericht baute vor und erließ einen Vorführungsbeschluss für den Delinquenten. Eine Polizeistreife sollte den Arbeitslosen zu Hause abholen. Die Beamten trafen den jungen Mann jedoch nicht an.

„Es hat niemand aufgemacht. Die Türen blieben geschlossen. Auch der Versuch, über die Tante des Angeklagten Kontakt zu dessen Mutter zu bekommen, schlug fehl“, sagte einer der beteiligten Polizeibeamten, der als Zeuge geladen war.

Haftbefehl gegen unzuverlässigen Angeklagten

Auf Bitte von Joachim Filmer berichtete der Beamte von seinem letzten Kontrollbesuch bei dem Angeklagten. Bei dieser Gelegenheit habe dieser
berichtet, dass er sich bei einem großen Unternehmen beworben habe. Diesem Vorhaben räumte der Polizist wegen der Drogenproblematik des jungen Mannes kaum eine Chance ein, weil für das Unternehmen ein drogenfreies Leben Voraus­setzung für eine Einstellung
sei.

Von der Jugendgerichtshilfe Vogelsberg lag eine wenig schmeichelhafte Einschätzung vor, von der Marburger Jugendgerichtshilfe gab es keine aktuelle Stellungnahme.

Im Einklang mit Staatsanwalt Nicolai Wolf erließ Jugendrichter Joachim Filmer einen Haftbefehl gegen den unzuverlässigen Angeklagten. Das bedeutet: Sobald ihn die Polizei gefunden hat, landet er in Untersuchungshaft. Dort sitzt er bis zur nächsten Hauptverhandlung hinter Gittern.

von Matthias Mayer